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Gute Wünsche für die Verfassung: Matilda Lotte Höfling (l.) und Lea Brodt.

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„Wir sind die Generation, die alles ausbaden muss“

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Umweltschutz gehört ins Grundgesetz, fordern die Schülerinnen Lea Brodt und Matilda Lotte Höfling. Ein Gespräch zum heutigen 70. Geburtstag der Verfassung über die Werte der Jüngeren und die Untätigkeit der Politik.

Lea und Matilda, in Artikel 20a des Grundgesetzes ist der Schutz der „natürlichen Lebensgrundlagen“ und der Tiere bereits festgeschrieben. Ihr nennt in eurem Vorschlag explizit das Recht auf eine intakte Natur und macht genaue Vorgaben für den Klimaschutz. Warum sollte das so konkret im Grundgesetz stehen?
Lea: Es ist ja bekannt, dass der Klimawandel in vollem Gange ist. Deswegen sollten wir wirklich so langsam mal anfangen, etwas dagegen zu tun. Wenn das Datum, an dem man beispielsweise die Kohlekraftwerke abstellt, immer weiter weggeschoben wird, dann ist klar: Die ältere Generation bekommt die Auswirkungen nicht mehr zu spüren. Aber wir Jüngeren schon. Und klar können wir uns selbst für die Umwelt einsetzen. Wir haben zu Hause zum Beispiel einen großen Garten mit einem Insektenhotel. Aber irgendwann reicht das halt nicht mehr. Wir haben uns deswegen auf den Naturschutz konzentriert, denn das ist unsere Lebensgrundlage.
Matilda: Wie Lea gesagt hat, kann natürlich jeder etwas machen. Aber irgendwann ist die Grenze erreicht, an der jeder einzelne für sich selbst nichts mehr machen kann. Und da muss man dann eben auf die Politiker schauen und fragen, was die eigentlich tun. Aber mit dem Wunsch fühlen wir uns im Moment noch nicht richtig wahrgenommen.

Eure Vorschläge decken sich mit den Forderungen der „Fridays for Future“-Bewegung. Engagiert ihr euch dort?
Matilda: Ja. Wir laufen selbst mit, Lea in Hanau und ich zusätzlich auch schon mal in Frankfurt. In Hanau bin ich auch in der Organisationsgruppe.

Wer gehört zu wem? Was hält in Deutschland, in Europa die Gesellschaft zusammen? Was lässt sich tun, um Spaltungen zu überwinden? Fragen, die sich in diesem Jahr mit besonderer Dringlichkeit stellen: Heute vor 70 Jahren wurde das Grundgesetz verkündet, am Wochenende wählen Europas Bürgerinnen und Bürger ein neues Parlament, und im November feiert Deutschland den 30. Jahrestag des Mauerfalls. Mit all dem befasst sich unsere Serie.

Heute präsentieren wir zum letzten Mal die Vorschläge der Leserinnen und Leser für Änderungen an der Verfassung: Gewonnen haben unseren kleinen Ideenwettbewerb die Schülerinnen Matilda Lotte Höfling und Lea Brodt (siehe Interview). Die anderen Texte stammen von Schülerinnen und Schülern des Pfalz-Kollegs in Speyer, die auf dem zweiten Bildungsweg Abitur machen. Und weil das Grundgesetz die Wurzel unserer Gemeinschaft ist, der Boden, auf dem wir stehen, haben wir dies im Bild eingefangen.

Ähnlich wie es aktuell Tausende Jugendliche bei „Fridays for Future“ tun, sind auch gegen die geplante EU-Reform des EU-Urheberrechts vor einigen Wochen viele junge Menschen auf die Straße gegangen, um ihrem Ärger Luft zu machen. Habt ihr das Gefühl, dass ihr politisch nicht wahrgenommen werdet?
Lea: Ja, schon. Da haben wir auch ein konkretes Beispiel. Wir waren im Frühjahr mit der Schule im Europäischen Parlament und sollten dort auch ein Interview mit Udo Bullmann (SPD-Europaabgeordneter aus Hessen, d.Red.) haben. Wir saßen da und er kam nicht. Es wurde dann ein Foto gemacht, da kam er dann dazu. Aber wir konnten ihn nichts fragen, denn nach dem Foto war er direkt wieder weg. Dabei hatten wir uns alle echt darauf gefreut, mal mit einem Politiker in so einer Position zu sprechen.
Matilda: Zumal wir vorher vier Unterrichtsstunden darauf verwendet haben, um uns zu informieren und Fragen zu überlegen. Es war eigentlich alles durchgeplant. Und das war echt ärgerlich.
Lea: Ich denke, durch solche Dinge entsteht bei jungen Leuten auch der Frust. Wenn man vielleicht sowieso schon nicht politisch interessiert ist, dann aber die Chance bekommt, sich da näher zu informieren, und dann der Politiker aber nicht kommt, dann kommt das natürlich nicht gut an.

Wie ist euch denn erklärt worden, dass Udo Bullmann nicht gekommen ist?
Lea: Eigentlich gar nicht. Wir haben eine Stunde auf ihn gewartet und währenddessen hat uns sein Assistent ein paar Fragen beantwortet. Der wusste allerdings auch nicht, wo Herr Bullmann bleibt. Plötzlich hieß es dann, wir müssten den Raum verlassen, weil eine andere Gruppe den Raum bräuchte. Dann haben wir das Foto gemacht, er kam plötzlich dazu und ist danach wieder gegangen.
Matilda: Und weil wir es gerade von „Fridays for Future“ hatten: Man muss ja auch mal an die Umwelt denken. Wir setzen uns alle in den Bus, fahren dahin, und sitzen dann rum und warten. Auch umwelttechnisch gesehen ist das nicht so gut. Aber es gibt ja auch andere Politiker, die uns nicht zuhören. Auch bei „Fridays for Future“ zum Beispiel.

Habt ihr eine Idee, warum das so sein könnte?
Lea: Wir haben recherchiert und das Durchschnittsalter im Europäischen Parlament liegt bei 55 Jahren. Ich denke, das zeigt schon, dass die jüngere Generation da nicht so vertreten ist. Und es ist ja klar, dass die ältere Generation ganz andere Interessen hat als wir. Aber wir sind die Generation, die alles ausbaden muss. Ich denke, es würde schon helfen, wenn man uns mehr zuhören und öfter mal fragen würde: ‚Was können wir ganz konkret ändern?‘ Es können nicht alle Wünsche erfüllt werden, das ist klar. Aber auf uns zugehen wäre schon mal ein Anfang.
Matilda: Man könnte ja versuchen, einen Mittelweg für die unterschiedlichen Interessen der verschiedenen Generationen zu finden. Und es gibt ja schon einige gute Ideen und Ansätze. Aber wir sollten mehr einbezogen werden.

Was schwebt euch da konkret vor?
Lea: Zuallererst könnte man mal überlegen, wie politische Parteien generell für jüngere Leute attraktiver werden könnten. Man muss sich ja nur die Wahllisten anschauen mit den Kandidaten für verschiedene Ämter. Da sieht man schon, dass da selten junge Menschen dabei sind. Es würde schon viel helfen, wenn man diese Listen umstrukturieren und da ein Mittelmaß finden würde.

In dem Zusammenhang wird auch immer wieder die Herabsetzung des Wahlalters diskutiert. Was denkt ihr darüber?
Matilda: Darüber haben wir auch schon mal gesprochen. Und die Frage ist gar nicht so einfach. Das soll jetzt nicht blöd klingen, aber ich denke, es gibt schon einige, die das ausnutzen und sich einen Spaß daraus machen würden. Aber auf der anderen Seite gibt es auch viele, die sich ernsthaft für Politik interessieren.

Noch mal zurück zu eurem Vorschlag für ein Grundgesetz. Habt ihr euch genauer mit der Verfassung beschäftigt, bevor ihr euren Artikel geschrieben habt?
Matilda: Das Grundgesetz war schon Thema bei uns im Unterricht. Und wir haben uns das Ganze dann noch mal durchgelesen und geschaut, welche Artikel es gibt – abgesehen von denen, die man kennt – und welche Aspekte fehlen.

„Pflücke den Tag, aber ohne die Wurzel für morgen.“ Ernst Reinhardt, Schweizer Publizist


Einer aktuellen Umfrage zufolge wünscht sich ein Großteil der befragten Schülerinnen und Schüler, dass das Grundgesetz im Unterricht mehr thematisiert wird. Schließt ihr euch dem an?
Lea: Ich mache das immer mal wieder für mich selbst und überlege, was wäre, wenn wir zum Beispiel die Pressefreiheit nicht hätten. Dann würden wir jetzt vermutlich nicht hier sitzen. Ich fände es schon gut, wenn das Grundgesetz noch mehr Thema im Unterricht wäre. Aber eigentlich sollte sich jeder selbst damit beschäftigen und sich Gedanken darüber machen. Es gibt ja auch im Alltag genug Beispiele. Bei uns in der Kirche gab es vor einiger Zeit zum Beispiel einen Arbeitskreis Asyl. Da war ich auch dabei und da habe ich gesehen, dass die Menschen, die zu uns kommen, die Menschenrechte teilweise gar nicht kennen. Gerade auch Frauen, viele haben nie Gleichberechtigung erfahren. Und da ist mir erst wieder so richtig bewusst geworden, dass wir uns glücklich schätzen können, so eine Verfassung zu haben.

Gibt es – abgesehen von eurem eingereichten Vorschlag zum Naturschutz – etwas, das ihr euch für die Zukunft des Grundgesetzes wünscht?
Lea: Ja, es könnte etwas aktueller werden. Viele Dinge, zum Beispiel die Menschenwürde, sind ja grundlegend. Aber bei einigen Dingen könnte man noch mal drüber schauen und prüfen, wie sich das in den letzten 70 Jahren entwickelt hat.
Matilda: Genau, und manches könnte man konkretisieren. Neben dem Naturschutz, den wir vorgeschlagen haben, könnte man auch den Tierschutz noch konkreter einbringen als er im Moment verankert ist.

Interview: Ruth Herberg


Der Siegertext von Lea und Matilda

Der Mensch besitzt das Recht auf eine intakte Natur. Diese wiederum hat das unbedingte Recht, durch und für die Menschheit als einzige Lebensgrundlage geschützt zu werden. Die globale Erwärmung ist daher auf unter 1,5°C zu begrenzen. Der Schutz der Natur kann nur erreicht werden, wenn folgende Maßnahmen ergriffen werden:

- die CO2-Emissionen müssen bis 2035 auf null sinken,

- ein Kohleausstieg bis 2030 und

- die Forschung über

Alternativen zu Plastik sollte mehr Unterstützung durch den Staat bekommen. Diese Grundsätze erhalten den Rang von Staatszielen.

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