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Patrick K. soll sich kurz vor seiner Verhaftung noch aus Nusaybin gemeldet haben. Dieser Ort befindet sich unmittelbar an der syrischen Grenze

Türkei

Mehr als sechs Jahre Gefängnis für Patrick K.

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Türkisches Gericht verurteilt 29-jährigen Gießener wegen "Mitgliedschaft in einer Terrororganisation".

Ein junger Deutscher reist in die Südosttürkei, wird dort festgenommen und nun wegen „Terrorismus“ zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt – ein Fall mit vielen Ungereimtheiten und offenen Fragen. 

Er wollte nur wandern, sagen seine Freunde und Familienangehörigen. Doch der vermeintliche Abenteuerurlaub endete für Patrick K. in einem Alptraum: Vor mehr als sieben Monaten wurde der 29-jährige Deutsche in der Südosttürkei nahe der Grenze zu Syrien festgenommen. Seither saß der aus Gießen stammende junge Mann in Untersuchungshaft.

Am Freitag verurteilte ein Gericht in der Stadt Sirnak Patrick K. zu sechs Jahren und drei Monaten Gefängnis. Der Richter sah es als erwiesen an, dass der Deutsche ein Mitglied der Kurdenmiliz YPG sei, die in der Türkei als Terrororganisation gilt. Patricks Anwalt Hüseyin Bilgi kündigte gegenüber der Deutschen Presse-Agentur (dpa) an, er werde in Berufung gehen.

Urteilsbegründung steht noch aus

Der Richter in Sirnak verkündete zwar am Freitagvormittag das Urteil, die detaillierte Urteilsbegründung steht aber noch aus. Man darf auf sie gespannt sein. Denn es gibt im Fall Patrick K. viele Widersprüche. Nach Überzeugung des Gerichts reiste der Deutsche in die Südosttürkei, um von dort nach Syrien zu gehen und sich der YPG anzuschließen. Die Miliz ist der syrische Ableger der kurdischen PKK, die auch in Deutschland als Terrororganisation verboten ist. Nach Darstellung seiner Freunde war Patrick K. auf einer Wanderung. Weder habe er kurdische Bekannte gehabt, noch sich jemals für die kurdische Sache interessiert oder gar engagiert, heißt es im Freundeskreis. Fest steht: Der Deutsche wurde am 14. März in Silopi festgenommen. Die Kreisstadt grenzt an Syrien und den Irak. Was Patrick K. dort wollte, ist unklar. Am Abend zuvor soll er sich noch per Handy bei deutschen Freunden aus dem 140 Kilometer entfernten Nusaybin gemeldet haben. Dieser Ort befindet sich unmittelbar an der syrischen Grenze.

Viele Ungereimtheiten

In der Anklageschrift wird laut der Nachrichtenagentur dpa ein Zeuge zitiert, der Patrick K. im Januar in einem syrischen Krankenhaus gesehen haben will, wo er eine YPG-Uniform getragen und als Arzt gearbeitet habe. Damals war Patrick K. allerdings noch in Deutschland. Und er ist nicht Arzt, sondern Tischler. Das ist nur eine von vielen Ungereimtheiten. Auch die Darstellung der Anklage, Patrick K. sei vier Jahre lang Bundeswehrsoldat gewesen, ist nachweislich falsch. Er hat nicht einmal einen Grundwehrdienst abgeleistet, heißt es im Bundesverteidigungsministerium.

Angeblich soll Patrick K. in den Verhören vor der Staatsanwaltschaft gestanden haben, Kontakt mit der YPG aufgenommen zu haben. Offen bleibt aber, was die Unterschrift des Angeklagten unter dem türkischen Vernehmungsprotokoll wert ist – Patrick K. spricht die Sprache gar nicht. 

Auf die wichtigste Frage gibt es allerdings bisher keine schlüssige Antwort: Warum flog Patrick K. Anfang März ganz allein ins südosttürkische Gaziantep?

Wusste er wirklich nicht, dass diese Region an der Grenze zu Syrien ein Krisengebiet ist? Geht man in einer solchen Gegend wandern? Der Flug nach Gaziantep sei sehr günstig gewesen, soll er seinen Freunden in Deutschland erzählt haben. Aber das allein erklärt die Reise nicht. Das Urteil der ersten Instanz ist gesprochen, aber es gibt noch viel Klärungsbedarf im Fall Patrick K. 

Außer Patrick K. sitzen noch mindestens vier weitere Deutsche aus politischen Gründen in türkischer Haft. K.s Verurteilung fällt zusammen mit dem Besuch von Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier in der Türkei. Zum Abschluss seines zweitägigen Arbeitsbesuchs sagte der Minister am Freitag in der deutschen Botschaft in Ankara, die Bundesregierung werde die Verurteilung des deutschen Staatsbürgers prüfen. „Wir werden uns dieses Urteil sehr genau ansehen“, versicherte der Wirtschaftsminister. 

„Der Betreffende wird von der deutschen Botschaft konsularisch betreut“, sagte Altmaier mit Blick auf K. Er habe die Möglichkeit, Rechtsmittel einzulegen. Altmaier traf sich in Ankara auch mit Vertretern türkischer Menschenrechtsorganisationen. (mit rtr)

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