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Aktionstag gegen Gewalt an Frauen in Frankfurt am 6. März 2020.

Femizide

Mehr Gewalt in Familien befürchtet

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    Sophie Vorgrimler
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Frauenhäuser und Berater von Tätern bereiten sich auf eine höhere Nachfrage nach Hilfe vor. Schon jetzt werden Frauen abgewiesen – aus Platznot.

Die Corona-Krise trifft die Frauenhäuser und andere Hilfestellen für Frauen und Familien mehrfach: Zum einen rechnen die Einrichtungen mit bald massiv steigender Nachfrage nach Hilfe – und dabei fehlen schon jetzt in Deutschland 12 000 bis 14 000 Plätze in Frauenhäusern, sagt Heike Herold von der Bundesstelle der Frauenhauskoordinierung. Zum anderen müssen die Frauenhäuser sich auf Ausfall von Personal einstellen – und auf wachsende Platznot, weil wegen des Virus weniger Frauen pro Zimmer untergebracht werden können.

Noch sei die Lage ruhig, ein Anstieg der Hilferufe sei noch nicht zu merken, sagen sowohl Heike Herold als auch Nadine Mersch, Pressesprecherin der Bundesgeschäftsstelle Sozialdienst katholischer Frauen.

Überraschend sei das nicht. „Im Moment haben wir die Sorge, dass Frauen sich nicht trauen, Hilfe zu holen, weil sie viel mehr Zeit mit ihren Partnern verbringen müssen“, sagt Herold. Zudem hätten einige Bundesländer einen Aufnahmestopp bei Frauenhäusern verfügt.

Die unterschiedlichen Hilfsnetzwerke bereiten sich aktuell darauf vor, dass die Betroffenen sich bald an sie wenden werden. Der Stress in den Partnerschaften nimmt zu, je länger die Ausgangsbeschränkungen dauern. „Unser Problem ist, dass wir sowieso schon oft Hilfe verwehren müssen, weil wir überlastet sind“, berichtet Nadine Mersch. Jetzt komme aber noch hinzu, dass die Wohnungssuche für Frauen, die die Frauenhäuser verlassen wollten, schwieriger sei.

Mit Telefonberatung, Hilfe per Chat und per E-Mail versuchen die Helferinnen nun da zu unterstützen, wo eine persönliche Beratung derzeit nicht möglich ist.

Der Schutzbedarf für Frauen und Kinder in Deutschland ist groß. Im Jahr 2017 wurden 113 965 Frauen Opfer von Gewalt durch ihren Partner oder Ex-Partner. Bei mehr als 70 Prozent der Fälle handelt es sich um Körperverletzung. 2018 wurden 114 393 Frauen von ihren Partnern verletzt. 122 Frauen starben durch diese Angriffe. Auch 26 000 Männer sind Opfer von Gewalt in der Partnerschaft geworden.

Bei Gewalt in Familien leiden auch Kinder, 2018 beobachteten die Jugendämter bei 45 777 Kindern und Jugendlichen starke oder latente Kindeswohlgefährdung: 26 Prozent davon litten unter körperlichen Misshandlungen, etwa gleich viele unter psychischen. Vier Prozent haben sexuelle Gewalt erfahren. Dieses Problem wird sich nach der Einschätzung von Experten in der Corona-Krise zuspitzen. Die Berliner Gewaltschutzambulanz etwa rechnet damit, dass schon bald mehr Kindesmissbrauchsfälle gemeldet werden würden.

Gerhard Hafner, der in Berlin die Stelle „Beratung für Männer – gegen Gewalt“ leitet, erwartet in ein bis zwei Monaten eine steigende Nachfrage nach Beratung auch für die Täter. Viele Männer kämen nicht freiwillig, sie würden von Jugendämtern aufgefordert sich mit ihren Problemen auseinanderzusetzen. Und die Jugendämter würden derzeit nur eingeschränkt arbeiten, nicht wie in normalen Zeiten, sagt Hafner. Er lehrt in Kursen, die 25 Sitzungen umfassen, wie Männer ihre Impulse kontrollieren. Die Teilnehmer würden Verhaltensstrategien für Krisensituationen einüben. „Im Moment können wir solche Kurse aber nicht anbieten“, sagt Hafner. Die aktuelle Situation, also die Unsicherheit wegen der Arbeit, steigere den Stress, und das führe häufiger zu Gewalt.

Hafner hat ebenso wie Herold und Mersch die Auswirkungen der Corona-Krise auf Familien in anderen Ländern beobachtet. Sie teilen die Einschätzung: Die Zunahme der Gewalt und die vielen Scheidungsanträge etwa in China lassen erwarten, dass auch in Deutschland das Problem noch akuter werde.

Das bundesweite Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ unter: 08000/116016. Hier erhalten Betroffene vertraulich, kostenfrei und rund um die Uhr Hilfe und Unterstützung.

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