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Die katholische Basis verlangt von der Kurie Reue.

Katholische Kirche

Mehr Geld für Missbrauchsopfer

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Die Bischofskonferenz beschließt eine neue Regelung zur Entschädigung von Missbrauchsopfern. Betroffene kritisieren die Lösung.

Opfer sexuellen Missbrauchs im Raum der katholischen Kirche sollen künftig deutlich mehr Geld als materiellen Ausgleich erhalten. Die Deutsche Bischofskonferenz traf dazu auf ihrer Vollversammlung in Mainz eine Grundsatzentscheidung, die sich an die Schmerzensgeld-Tabellen der staatlichen Gerichte anlehnt. Die individuellen Zahlungen sollen sich aber jeweils „am oberen Bereich“ orientieren, wie der Missbrauchsbeauftragte der Bischöfe, Stephan Ackermann (Trier), erläuterte. Demnach stehen Summen von jeweils bis zu 50 000 Euro im Raum. In Härtefällen seien – wie bisher – auch noch höhere Beträge denkbar. Das beschlossene System sei nicht gedeckelt und könne somit an die künftige Rechtsprechung angepasst werden. „Wir setzen eine Marke im Sinne einer Weiterentwicklung und einer anderen Großzügigkeit“, sagte Ackermann.

Demgegenüber zeigte sich die Opfervertretung „Eckiger Tisch“ enttäuscht und sprach von einer „verpassten Chance“. Die Kirche wolle „das zweite Verbrechen des Versetzens, Vertuschens und Verschweigens, das von der Institution begangen wurde, nicht wahrhaben“, kritisierte der Sprecher des „Eckigen Tischs“, Matthias Katsch. Er warf den Bischöfen „Versagen“ vor.

Ackermann bezifferte die Zahl der Betroffenen, die bisher materielle Leistungen von der katholischen Kirche erhielten, auf 2200. Die sogenannte MHG-Studie zur Aufarbeitung des Missbrauchs geht von annähernd 4000 Opfern aus. Die bisher geleisteten Zahlungen bewegten sich in einer Größenordnung von zehn Millionen Euro, was einer Durchschnittssumme von 5000 Euro entspricht. Unabhängig davon sollen alle Betroffenen von der Neuregelung auch ein weiteres Mal profitieren können. Das Angebot zur Übernahme von Therapiekosten bleibt bestehen.

Experten prüfen Anträge

Einer insbesondere vom „Eckigen Tisch“ geforderten Entschädigungsregelung mit Beträgen von regelmäßig bis zu 300 000 Euro kamen die Bischöfe nicht nach. „Ich bin mir der Kluft bewusst“, sagte der neue Vorsitzende der Bischofskonferenz, Georg Bätzing (Limburg). Er warb zugleich um Verständnis für einen „Referenzrahmen“, der auch andere Bereiche der Gesellschaft im Blick habe. So seien an Ex-Zwangsarbeiter oder ehemalige Heimkinder deutlich geringere Summen gezahlt worden. „Wir wollten nicht in ein System der Entschädigung einsteigen“, so Bätzing. Dies würde etwa einen deutlich strengeren Nachweis der erlittenen Schäden erfordern als die von den Bischöfen vorgesehene einfache „Plausibilitätsprüfung“.

Die Bearbeitung aller Anträge sowie die Auszahlung sollen künftig bundesweit durch ein zentrales, unabhängiges Experten-Gremium geschehen. Damit reagieren die Bischöfe auf die Kritik von Betroffenen an uneinheitlichen, intransparenten Verfahren in den verschiedenen Bistümern.

Die Frage der Finanzierung der höheren Schmerzensgelder, die sich auf eine Gesamtsumme von 100 bis 200 Millionen Euro belaufen könnten, ließ Bätzing offen. Die Entscheidung obliege den einzelnen Bistümern, betonte er und verwies auf eine kontroverse Debatte über die Legitimität, Kirchensteuermittel zu verwenden, um die Folgen von Verbrechen durch Priester zu lindern. Zur Unterstützung finanzschwacher Bistümer oder Orden soll es einen Solidarausgleich geben. Die Orden sollen nach dem Wunsch der Bischöfe in die Neuregelung einbezogen werden. Es gehe um „Gleichbehandlung, Verbindlichkeit und Unabhängigkeit der Verfahren und eben auch höhere Leistungen“, betonte Bätzing.

Katsch monierte, dass es die Bischöfe versäumt hätten, „zum ersten Mal das Minimum des rechtlich Gebotenen zu überbieten“. Eine im Herbst 2019 vorgelegte Empfehlung habe darauf gezielt, „die Folgen im Leben der Opfer auszugleichen und über das hinauszugehen, was bislang in staatlichen Verfahren üblich ist“. Nun werde deutlich, dass von der Kirche nur das getan werde, „wozu man durch die Opfer und ihre Verbündeten in der Öffentlichkeit gezwungen wird“, so Katsch. Er kündigte an, weiter für eine tatsächliche Entschädigung zu kämpfen. „Und wir werden nicht mehr so leicht auf die Worte hereinfallen, die Einsicht und Empathie signalisieren sollen und letztlich doch nur hartherzig am Gelde kleben.“

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