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Um die HIV-Infektion in Osteuropa einzudämmen, müsse man Drogenkonsumenten erreichen, sagt Luiz Loures von Unaids.

Aids in Russland

Mehr als 100.000 neue HIV-Fälle

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Die Aids-Konferenz fordert mehr Engagement gegen die Ausbreitung der Krankheit in Osteuropa. Die dortige Situation zeigt bereits Auswirkungen auf Deutschland.

In Osteuropa spielt sich eine Katastrophe ab, die in der Öffentlichkeit kaum Beachtung findet. Während weltweit die Zahl der HIV-Infektionen zurückgeht, steigt sie vor allem in Russland rasant an. 2016 wurde hier erstmals die Marke von 100.000 jährlichen Neuinfektionen überschritten. „Zum Vergleich: In Deutschland liegt diese Zahl bei 3200“, sagte Sylvia Urban vom Vorstand der Deutschen Aids-Hilfe am Dienstag in Berlin.

Gemeinsam mit dem Hilfswerk Brot für die Welt luden die Deutsche Aids-Hilfe und das Aktionsbündnis gegen Aids etwa 80 Fachleute zur Konferenz „HIV in Osteuropa – Die unbemerkte Epidemie?!“ nach Berlin. Die Aids-Aktivisten fordern unter anderem von Deutschland, eine Strategie zu entwickeln, um der HIV-Epidemie im Osten etwas entgegenzusetzen, ehe sie sich weiter in Europa ausbreite.

Während seit 2010 in den meisten Teilen der Welt die Neuinfektionsraten zurückgingen – allein in Ost- und Südafrika um fast 30 Prozent –, nahmen sie in Osteuropa und Zentralasien um 60 Prozent zu. Den größten Anstieg gibt es in Russland. Seit 1987 infizierten sich hier mehr als 1,1 Millionen Menschen mit dem Immunschwäche-Virus. Offiziellen Mitteilungen zufolge starben fast 244.000. Die wirkliche Zahl könnte weit größer ausfallen. Zu den Gründen des auffälligen Anstiegs bereits in den Jahren 2000 und 2001 gab es keine Angaben.

„Politische Führungsrolle“ Deutschlands

Laut Robert-Koch-Institut wirkt sich die aktuelle Situation bereits auf das Infektionsgeschehen in Deutschland aus, bisher „nur“ unter Drogenkonsumenten. Doch auch in der hoch mobilen Community der Homosexuellen könne die Epidemie in Osteuropa nicht ohne Folgen bleiben, sagen Infektionsforscher. Es sei deshalb nicht nachvollziehbar, warum die Bundesregierung Osteuropa in ihrer Strategie „BIS 2030“ zur Eindämmung von HIV, Hepatitis und Geschlechtskrankheiten nur streife, sagte Sylvia Urban von der Deutschen Aids-Hilfe.

Und Luiz Loures, der Stellvertretende Direktor von Unaids, einem Programm der Vereinten Nationen, erinnerte an die „politische Führungsrolle“ Deutschlands. Denn die HIV-Prävention in der Bundesrepublik wird im internationalen Vergleich als besonders erfolgreich angesehen, vor allem auch wegen der guten Zusammenarbeit des Staates mit den stark betroffenen Gruppen. Genau diese Gruppen müsse man erreichen, um die HIV-Infektionen in Osteuropa einzudämmen, sagte Luiz Loures. Dazu gehörten Drogenkonsumenten, Männer, die mit Männern Sex haben, Prostituierte und Gefangene.

Doch genau hier gibt es in Osteuropa große Probleme, vor allem in Russland. Zwar existiert eine staatliche Anti-HIV-Strategie bis 2020, wie Vadim Pokrowski, Epidemiologe der Russischen Akademie der Wissenschaften, ausführte. Doch nur jeder vierte bis fünfte HIV-Infizierte erhalte eine antiretrovirale Therapie, kritisieren Aids-Aktivisten. Im internationalen Durchschnitt seien es dagegen derzeit 46 Prozent.

Viele Mehrfachinfektionen mit HIV, Hepatitis und Tuberkulose

Pokrowski nannte die größten Probleme des Landes. Zu diesen gehöre, dass das russische föderale Gesundheitsministerium aus Spargründen vor allem billige Generika einkaufe, von denen viele veraltet seien. In der Gesellschaft habe eine „konservative Wende“ stattgefunden, mit ausgeprägt negativen Einstellungen zu den am stärksten betroffenen Gruppen, den Drogenabhängigen und Homosexuellen. Das regierungsnahe Institut für Strategische Wissenschaften sieht einen Hauptgrund für die steigenden HIV-Zahlen sogar in der „Fixierung auf Kondome“, weil diese die Menschen zu außerehelichem Geschlechtsverkehr ermutigten. Laut Pokrowski fehle es an einer angemessenen Sexualerziehung. Als besonders dramatisch wird die Situation in den Gefängnissen gesehen. Viele Gefangene leiden unter Mehrfachinfektionen mit HIV, Hepatitis und Tuberkulose. Die Ausbreitung resistenter Keime droht.

Als zentrales Problem für wirksame Strategien in Russland sehen Aids-Aktivisten die bewusste Abgrenzung der Putin-Regierung von allem, was als „westlich“ angesehen wird. Das mache es zivilgesellschaftlichen Organisationen immer schwieriger, in Russland tätig zu werden, sagte Urban. Sie müssten sich zum Beispiel als „Auslandsagenten“ registrieren lassen.

Auch deshalb forderten die Teilnehmer der Konferenz stärkere Anstrengungen vor allem vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und der Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit. Diese seien in Osteuropa viel zu wenig aktiv, sagte Urban. „Das muss sich dringend ändern.“

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