Reden. Über Corona.
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Wir wollen mit Ihnen reden. Über Medien, über unsere Berichterstattung, über Corona.

Aufruf für unsere Leser

Sind Sie unzufrieden mit den Medien? Dann kommen Sie zum Dialog mit der FR

  • Stephan Hebel
    vonStephan Hebel
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Dieser Text ist ein Angebot, gemeinsam über das manchmal schwierige Verhältnis zwischen Medien und ihrem Publikum nachzudenken. Wir laden Sie ein, zum Krisengespräch.

  • Das Verhältnis zwischen der Leserschaft und den Medien ist manchmal schwierig.
  • Viele zweifeln an der Glaubhaftigkeit und Unabhängigkeit der Medien – besonders jetzt zu Corona-Zeiten.
  • Dieser Text ist ein selbstkritisches Angebot, mit uns über unsere Berichterstattung zu sprechen.

Die folgenden Überlegungen richten sich ausdrücklich auch an diejenigen, die uns zu verstehen geben, dass sie sich und ihre Wahrnehmung der Welt in der Berichterstattung der FR und anderer Medien nicht wiederfinden. Woran könnte das liegen? Ein paar Erklärungsversuche am Beispiel Corona.

Die fundamental Unzufriedenen mögen eine Minderheit sein, in der Gesellschaft wie unter den Leserinnen und Lesern der FR. Die vielen freundlichen, zustimmenden, ergänzenden oder auch konstruktiv kritischen Zuschriften sprechen dafür. Aber das ist kein Grund, sich nicht mit denjenigen auseinanderzusetzen, die nach eigenem Bekunden das Vertrauen in „die Medien“ zu verlieren drohen oder bereits verloren haben. Die, so schreiben manche, zu glauben beginnen, dass bestimmte Meinungen, Perspektiven und auch Fakten gezielt aus der Berichterstattung ausgegrenzt und andere überbetont würden.

Medien sind nicht dazu da, der Verachtung von Rechtsstaat und Demokratie eine Plattform zu bieten

Es wird niemanden wundern, dass aus der Sicht eines Redaktionsmitglieds derart fundamentale Urteile unberechtigt erscheinen. Aber zum Anlass für eine selbstkritische Bilanz taugen sie allemal. Eine Bilanz, die vielleicht hilft, auch die Zweifelnden wieder vom Wert (und den Werten) der „etablierten“ Medien zu überzeugen.

Die Rede ist hier nicht von denjenigen, die mit Reichsfahnen durch Berlin marschieren. Rechtsradikalismus, Rassismus, Antisemitismus können nicht Gegenstand des freundlichen Austauschs sein, sie sind zu bekämpfen. Sicher vom Staat und seinen Behörden, sicher von antifaschistischen Initiativen in der Zivilgesellschaft, aber eben auch von Medien, die sich der Demokratie und dem Rechtsstaat verpflichtet fühlen. Ganz sicher sind Zeitungen nicht dazu da, der Verachtung von Rechtsstaat und Demokratie eine Plattform zu bieten.

Aber es gibt eben auch die anderen. Menschen, die – um beim Thema Corona zu bleiben – sicher keine Reichsfahne in die Hand nehmen würden, die aber sehr wohl dabei sein wollen, wenn gegen die Corona-Politik der Regierenden protestiert wird. Oder Menschen, die zwar nicht dabei sind, aber den Unmut über die Einschränkungen teilen.

Oder auch solche, die einfach nur meinen, der mediale Fokus auf die rechtsradikale Minderheit gehe auf Kosten einer fairen Berichterstattung über die Mehrheit der friedlich Demonstrierenden und ihrer legitimen Argumente.

Medien und ihre Berichterstattung: Kritische Stimmen nach der Berliner Demo gegen die Corona-Regeln

Am Tag nach der Berliner Demonstration Ende August und den Auseinandersetzungen am Eingang zum Reichstagsgebäude erschien die FR-Titelseite mit der Schlagzeile „Wohin wollen sie?“, einem Foto, auf dem auch Reichsfahnen zu sehen waren, und einer kurzen Einschätzung, die dann weiter hinten im Leitartikel ausführlich begründet wurde: „Bei den Demonstrationen gegen die Corona-Regeln marschierten zweifelnde Bürger gemeinsam mit Rechtsextremen und Anhängern von Verschwörungsmythen. Der Debatte über den Rechtsstaat schaden sie alle.“

Daraufhin gab es neben positiven Zuschriften auch kritische Stimmen. Eine langjährige, der FR grundsätzlich gewogene Leserin schrieb in einer persönlichen Mail, sie habe sich zum ersten Mal so richtig über „meine Zeitung“, wie sie es nannte, geärgert. „Auch die FR hat auf der Titelseite dem Bild der Reichsfahnen vor dem deutschen Parlament zur geflissentlichen Verbreitung verholfen! Genau das war die Absicht der Rechten!“

Medien-Kritik: Einwand gegen unsere Berichterstattung war bedenkenswert

Dieser Einwand war zum einen schon deshalb bedenkenswert, weil er sachlich und ohne das Unterstellen böser Absichten formuliert war. Zum anderen hat die Leserin aus Sicht der FR-Redaktion in einem Punkt durchaus Recht: Der so genannte „Sturm“ auf den Reichstag stand so stark im Mittelpunkt der Berichterstattung, dass die Auseinandersetzung mit der friedlichen Mehrheit der Demonstrierenden in der Berichterstattung zu kurz kam. Auch in der FR, obwohl der Leitartikel dann die Legitimität des Protests gegen bestimmte Corona-Maßnahmen ausdrücklich bejahte. Ob die Auseinandersetzung mit den Reden auf der friedlichen Kundgebung positiv ausgefallen wäre, ist allerdings eine andere Frage.

An einer grundlegenden Einschätzung ändert sich bei all dem nichts: Wer in Berlin mitdemonstrierte, konnte wissen, dass Geschichtsleugner und Faschisten ihre Anhängerinnen und Anhänger mobilisiert hatten. Und entgegen mancher Legende von den braven Bürgerinnen und Bürgern, die das Ganze organisierten, fanden sich in deren Veröffentlichungen deutliche Anklänge an die Rhetorik der Rechtsradikalen (auf den Gebrauch des Wortes „Systemmedien“, das klar in der Tradition nationalsozialistischer Propaganda steht, wurde am Tag danach bereits im FR-Leitartikel hingewiesen).

Deshalb erscheint aus Redaktionssicht und nach reiflicher Überlegung die erwähnte Titelseite auch jetzt noch gerechtfertigt. Die FR-Redaktion war (und ist) der Meinung, dass nicht das Abbilden der lauten, faschistischen Minderheit ein Problem ist, sondern die Tatsache, dass Tausende mit, neben und hinter den fahnenschwingenden Demokratie-Verächtern marschierten, ohne sich gegen sie zu wehren.

Medien-Kritik eines anderen Lesers: Berichterstattung sei „vermutlich regierungsnah“

Ein anderer Leser, schon deutlich weniger sanft im Ton, nannte die Berichterstattung „tendenziös“ und „vermutlich regierungsnah“. Er urteilte: „Sorgfältige abgewogene Berichterstattung? So jedenfalls nicht“, und er fügte als „alternative Informationen“ zwei Links bei.

Der eine führte zu einem Youtube-Video, das die Menschen am Reichstags-Eingang zeigt, manche deutlich erkennbar die Reichsfahne schwenkend. Im Text zu dem Film hieß es: „Demonstranten hatten nur Handys sowie Fahnen und waren friedlich. Keine Gewalt von den Demonstranten! Polizei setzt Tränengas und Schlagstock gegen das Unbewaffnete Volk ein!“ Da fragt sich schon, ob wir den Rechtsradikalismus erst bekämpfen sollen, wenn er sich bewaffnet (was er ja, wie wir wissen, leider in anderen Zusammenhängen schon getan hat).

Der andere Link führte zu einem Online-Portal namens „Rubikon“, dessen Eigenwerbung lautet: „Wir berichten über das, was in den Massenmedien nicht zu finden ist.“ Dort gab es einen Text, in dem ein Redakteur des Portals, ehemals Korrespondent der staatlichen russischen Nachrichtenagentur RIA Nowosti, seinen Eindruck wiedergab. Kurz zusammengefasst: Zwar sei eine Minderheit von Rechten dabei gewesen, aber insgesamt habe es sich um einen braven Protest besorgter Bürgerinnen und Bürger gehandelt, der von der Polizei „rechtswidrig“ behindert worden sei.

Welche Meinung in der Berichterstattung der Medien ist die richtige?

Was lässt sich dem Kritiker antworten? Zunächst: Sicher nicht, dass die Frankfurter Rundschau oder gar „die Medien“ alles richtig machen, ob bei Corona oder bei anderen Themen. Aber auch das: In Begriffen wie „tendenziös“ und „regierungsnah“ schwingt ja die Unterstellung mit, da werde bewusst etwas falsch dargestellt oder unterdrückt.

Solche Vorwürfe, die manchmal auch offen ausgesprochen werden, sind nicht nur falsch. Sie lenken vor allem auch ab von den Schwächen und den Fehlern, die es in den etablierten Medien sehr wohl gibt. Das soll im Folgenden etwas ausführlicher erläutert werden.

Der Text, auf den der Leser verlinkt hatte, entsprach ja genau genommen nicht dem Slogan des Portals, auf dem er erschien („...was in den Massenmedien nicht zu finden ist“). Über die Demonstration hatte auch die FR berichtet, und der Leitartikel hatte ausdrücklich betont, dass Protest gegen die Pandemie-bedingte Einschränkung von Freiheitsrechten sehr wohl legitim und in mancher Hinsicht auch notwendig sei.

Was der Leser in der FR beziehungsweise ganz pauschal „in den Massenmedien“ vermisste, kann also nicht eine ausführliche Berichterstattung und Einordnung gewesen sein. Die gab es ja. Was ihm fehlte, waren offenbar Texte, die das Ganze genauso sahen wie er. Was ihn störte, war eine Perspektive auf das Ereignis, die er nicht teilt. Zugespitzt formuliert: Die FR hat für ihn die „falsche“ Meinung.

Das ist kein Einzelfall, und damit sind wir, um zur ersten Schlussfolgerung zu kommen, an einem für den öffentlichen Diskurs entscheidenden Punkt: Gestehen wir einander zu, die Welt unterschiedlich zu betrachten? Ertragen wir es, dass es zum gleichen Ereignis unterschiedliche Sichtweisen und Einschätzungen gibt – was ja Kritik an der Wiedergabe und der Gewichtung durch ein Medium nicht ausschließt?

Oder akzeptieren wir nur das, was unserem eigenen Weltbild entspricht, als „wahr“, während wir alle, die es anders sehen, der Lüge bezichtigen oder sie als Teil eines systematisch die „Wahrheit“ unterdrückenden Komplotts der Mächtigen verdächtigen?

Hinter jedem Medium stehen Menschen, die auch Fehler machen

Hier liegt ein Problem, das Redaktionen aller möglichen Mediengattungen inzwischen schwer zu schaffen macht: Dass sie immer eine Auswahl treffen müssen, worüber sie berichten und mit welchen Schwerpunkten, wird manchmal einfach nicht mehr akzeptiert, wenn die Auswahl den eigenen Wahrnehmungen nicht entspricht. Da wird schlicht ignoriert, dass es sich bei einem fehlenden Aspekt, einer nicht gehörten Stimme, einer irrtümlichen Gewichtung einfach um eine Fehleinschätzung handeln kann.

Einen Fehler, wie er auch Menschen passiert, die nach bestem Wissen gehandelt haben. Auch das kalkulieren die Fundamentalkritikerinnen und Pauschalkritiker schon gar nicht mehr ein. Sie sortieren den Fehler stattdessen ein in die Erzählung von Medien als Teil der „Eliten“, die die Wahrheit gezielt unterdrücken.

Allerdings, und das ist die zweite Schlussfolgerung: Es hilft nichts, wenn wir, die Medien, uns diesen Verdächtigungen entgegenstellen. Wir müssen die ersten sein, die die eigenen Mängel und Versäumnisse – und deren Ursachen – glaubhaft erläutern. Eine pauschale Verteidigungshaltung würde negative Pauschalurteile nur spiegeln, nicht widerlegen.

Wir müssen die ersten sein, die die eigenen Mängel und Versäumnisse – und deren Ursachen – glaubhaft erläutern. Eine pauschale Verteidigungshaltung würde negative Pauschalurteile nur spiegeln, nicht widerlegen.

Stephan Hebel, FR-Redakteur

Natürlich passieren Fehler schlicht und einfach auch deshalb, weil in Redaktionen Menschen arbeiten. Weil die schnellen Einschätzungen bei der Auswahl, der Präsentation und der Kommentierung von Ereignissen naturgemäß einer ruhigeren Bewertung am nächsten Tag nicht immer standhalten können.

Es wäre ganz nett, wenn unsere schärfsten Kritikerinnen und Kritiker auch das einmal berücksichtigen würden – die FR-Redaktion wird sich ihrerseits zu Fehlern und Fehleinschätzungen, auf die sie hingewiesen wird, auch öffentlich bekennen.

Medien in der Kritik: Journalistinnen und Journalisten sollten sich vor „Objektivitätsfalle“ hüten

Aber es gibt noch wesentlich mehr Aspekte, auf die gerade Journalistinnen und Journalisten sehr genau schauen sollten, wenn sie ihre Glaubwürdigkeit nicht selbst in Frage stellen wollen.

Zunächst sollten wir nicht selbst in die „Objektivitätsfalle“ tappen. Was ist damit gemeint? Ganz sicher nicht, dass wir aufhören sollten, so wahrhaftig und vollständig zu berichten, wie es nur geht. Dass unterschiedliche Quellen genutzt, voneinander abweichende Stimmen gehört und so wahrhaftig wie möglich wiedergegeben werden müssen – das ist und bleibt zentraler Bestandteil des journalistischen Handwerks.

Mit „Objektivitätsfalle“ ist etwas anderes gemeint: Auch Medienleute sollten nicht glauben, jemals im Besitz der absoluten Wahrheit zu sein – selbst nach intensivster Recherche nicht. Wer immer einen Gegenstand betrachtet, tut das mit seinen eigenen Augen und färbt das „Objekt“ je nach dem eigenen Weltbild, der eigenen Haltung und Erfahrung, den eigenen Kriterien von „wichtig“ und „unwichtig“ ein.

Sich das bewusst zu machen, bedeutet nicht, für subjektive Beliebigkeit in der Berichterstattung zu plädieren. Es bedeutet vielmehr, gegenüber den Leserinnen und Lesern den Ansatz der Recherche, deren Motiv und Ziel sowie die Kriterien der Bewertung so transparent wie möglich zu machen. Dann wird es ihnen vielleicht auch leichter fallen, eine Darstellung zu akzeptieren, die ihrer eigenen Wahrnehmung – also dem, was sie bisher „für wahr genommen“ haben – nicht entspricht.

Was ist richtig, was ist falsch? Medien, die Vielzahl der Meinungen und ihrer Seriosität

Ein besonders umstrittenes Thema in der Pandemie war und ist die Rolle der Virologie. Da lautet die Kritik zum einen, dass mehr oder weniger blinder Glaube an die medizinische Expertise gegenüber sozialen, menschenrechtlichen und auch ökonomischen Gesichtspunkten zumindest am Anfang ein ungutes Übergewicht gehabt habe.

Das ist nicht ganz von der Hand zu weisen: Im Moment der ausbrechenden Krise haben sowohl die Politik als auch Medien sich an die vermeintlich objektiven Erkenntnisse und Ratschläge von Virologinnen und Virologen geklammert. Das führte seitens der Politik zu übermäßigen Einschränkungen, etwa undifferenzierten Demonstrationsverboten – die zum Glück von einer unabhängigen Justiz schnell korrigiert worden sind. Aber aufmerksam zu bleiben für die Gefahr, dass aus der Krise die dauerhafte Einschränkung von Freiheitsrechten entsteht (etwa beim Datenschutz) – das gehört in der Tat zu den Aufgaben sowohl der Zivilgesellschaft als auch der Medien.

Es gab und gibt allerdings noch einen zweiten Kritikpunkt: die Auswahl der zitierten Virologen und Virologinnen. So meldete sich jüngst bei einer Veranstaltung eine Frau und sagte, in den etablierten Medien habe sie nur „falsche“ Darstellungen gehört und gelesen, während andere Sichtweisen (die „richtigen“?) nicht zur Geltung gekommen seien.

Einer Redaktion bleibt nichts anderes übrig, als die Vielzahl der Meinungen nach bestem Wissen und Gewissen zu vergleichen, ihre Plausibilität und Seriosität einzuordnen und dann eine Auswahl zu treffen. 

Stephan Hebel, FR-Redakteur

Nun ist die Erkenntnis nicht mehr neu, dass es auch in den Naturwissenschaften nicht einfach „richtige“ und „falsche“ Einschätzungen gibt, schon gar nicht in Bezug auf ein neu aufgetauchtes Virus. Einer Redaktion bleibt nichts anderes übrig, als die Vielzahl der Meinungen nach bestem Wissen und Gewissen zu vergleichen, ihre Plausibilität und Seriosität einzuordnen und dann eine Auswahl zu treffen.

Das geschieht jeden Tag bei jedem Thema. Und wer seit dem Frühjahr die Arbeit der FR-Wissenschaftskollegin Pamela Dörhöfer verfolgt hat, konnte und kann beobachten, mit welchem Engagement und welcher Gewissenhaftigkeit sie die tägliche Auswahl getroffen hat.

Auch hier gilt: Natürlich kann jemand der Meinung sein, dass diese Virologin oder jener Mediziner auch noch einen Platz in der Zeitung verdient gehabt hätte. Aber können wir uns wirklich nicht darauf verständigen, dass es dabei um unterschiedliche Einschätzungen geht und nicht um die Unterdrückung von Meinungen, die nicht „regierungsnah“ genug sind? Ist es etwa nicht legitim, dass die FR zwar einen radikalen Kritiker der Corona-Restriktionen wie Bernd Hontschik ausführlich zu Wort kommen ließ, aber andere, die auf ihren Blogs den Leuten von der großen Corona-Verschwörung erzählten, nicht?

Diesen selbstkritischen Fragen müssen wir Medien uns stellen

Wie schon erwähnt: All dies bedeutet nicht, den Journalismus von jeder Mitverantwortung für die schwierige Beziehung zu Teilen seines Publikums freizusprechen. Es gibt eine Reihe von Fragen, denen wir Medien uns tatsächlich stellen müssen, und zwar stärker als bisher auch im Gespräch mit unseren Leserinnen und Lesern:

  • Ist die Beziehung zwischen Berichterstattenden und den „Gegenständen“ ihrer Berichterstattung – etwa Politikerinnen oder mächtigen Interessenvertretern – nicht wirklich manchmal zu eng?
  • Besteht die Gefahr, dass das regelmäßige Geben und Nehmen (zum Beispiel im Zusammenhang mit Exklusiv-Informationen) zu unguter Vertraulichkeit und gemeinsamen Denkmustern führt?
  • Könnte es sein, dass das auf Kosten der notwendigen Distanz zu gehen droht? Mindert es womöglich die Aufmerksamkeit für Meinungen beziehungsweise Akteurinnen und Akteure, die im etablierten Politikbetrieb (noch) nicht ernst genommen werden?
  • Sind wir uns immer der Tatsache bewusst, dass wir nicht die reine Wahrheit kennen, sondern nur das Bild, das wir uns bei allem Bemühen um Wahrhaftigkeit von ihr machen? Und machen wir das den Leserinnen und Lesern ausreichend deutlich?
  • Passen wir ausreichend auf, in der Konkurrenz um Auflagen, Klicks und Aufmerksamkeit nicht in Methoden des Boulevards zu verfallen, also etwa in übertriebenen Sensationalismus, übermäßige Personalisierung komplexer Themen oder unzulässige Vereinfachung?
  • Gelingt es uns bei allem Anspruch trotzdem, die Balance zwischen Komplexität und guter Verständlichkeit zu wahren in der Art, wie wir berichten?
  • Schließlich auch: Wie entkommen wir dem Spannungsverhältnis zwischen der privatwirtschaftlichen Organisation von (Print-)Medien und ihrer gesellschaftlichen Aufgabe als unabhängiger Kontrollinstanz? Sind betriebswirtschaftliche Notwendigkeiten, also letztlich Sparzwänge, die irgendwann auf Kosten der Qualität gehen müssen, wirklich das letzte Wort?

Dieser Text, so hieß es am Anfang, ist ein Angebot. Ein Angebot, über die hier angerissenen Fragen eine offene Debatte zu führen – allerdings weder im Vorwurfs- noch im Verschwörungston, sondern in der gegenseitigen Anerkennung des wichtigsten Wunsches, den Medien mit ihren Nutzerinnen und Nutzern teilen sollten: Dass wir in dieser Gesellschaft zu einem Meinungsaustauch (zurück)finden, der auf der Wertschätzung unterschiedlicher Auffassungen und Sichtweisen gründet.

Und nicht im hasserfüllten Austausch von „Wahrheiten“ unter Ausschluss des eigenen Irrtums. Wenn Sie sich daran beteiligen möchten, schreiben Sie an bronski@fr.de. Wir freuen uns auf Ihre Beiträge. (Von Stephan Hebel)

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