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McDonald’s, das WWW und apokalyptischer Humor

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Während mehr westliche Unternehmen Russland verlassen, leben die Menschen den Alltag, als wäre nichts geschehen

Nach zwei Wochen wirtschaftlicher Konfrontation mit dem Westen geben sich viele Menschen in Russland noch immer optimistisch. Aber außer steigenden Preisen trüben Gerüchte über einen Staatsbankrott und die Abschaltung des globalen Internets die Stimmung zusehends.

Die beiden Jugendlichen am Nebentisch glauben nicht, dass es ihre letzten Hamburger sind. „Heute macht McDonald’s dicht“, bestätigt Sergej. „Aber nicht lange. In einer Woche arbeiten die bestimmt wieder.“

Sergej und sein Freund studieren am nahen Technologischen Institut. Das McDonald’s am Moskauer Prospekt Wernadskogo ist auch an seinem letzten Tag voll mit Studierenden aus den umliegenden Hochschulen, fröhliche Mittelstandjugend, die Wildledersportschuhe von Helly Hansen trägt und signalgelbe Kapuzenpullis mit schwarzer Aufschrift: „You must be cool again.“

Nicht nur McDonald’s macht dicht. Auch Ikea, H&M, Adidas und Nike, Netflix, BP und Shell, Visa und MasterCard, BMW und Toyota, Panasonic und Apple Store ziehen sich auch Russland zurück.

Westliche Marken gefragt

Vor allem die Moskauer, die im Durchschnitt mehr als doppelt so viel verdienen wie die Einwohner der meisten Regionen, lieben Qualitätsmarken, für teure Automarken geben viele mehr Geld aus als für ihre Plattenbauwohnungen, verschulden sich auch für die neuesten iPhone-Modelle und andere statusträchtige Westwaren. Jetzt aber verschließt der Westen ihnen auch seine Lufträume und Kreditlinien, will sie nicht mehr bekleiden, unterhalten oder finanzieren. „So einen Wirtschaftskrieg“, klagt Kremlsprecher Dmitri Peskow, „hat es noch nie gegeben.“

Die Folgen sind spürbar, aber noch schmerzen sie nicht wirklich. Nach Angaben des russischen Statistikamts lag die Inflation vom 26. Februar bis zum 4. März bei 2,2 Prozent, hauptsächlich wegen bis zu 17 Prozent verteuerten Pkws und Elektrowaren.

Aber die leergekauften Regale in einigen russischen Supermärkten, wo vor allem Graupen, Grütze und Zucker weggekauft worden sind, erinnern eher an Klopapierhamsterkäufe in frühen deutschen Corona-Zeiten. Wirkliche Panik oder Depression ist nicht zu spüren, in Moskaus Apotheken kann man lebenswichtige Importmedikamente wie das deutsche Xarelto ohne Warteschlangen weiter für gut 30 Euro erstehen, dreimal billiger als in Herstellerland.

„In spätestens zwei Wochen wird die Ukraine besiegt sein“, versichert Anja, eine Moskauer Buchhalterin, dessen herzkranke Tochter vergangenes Jahr mit russischen Spendengeldern zweimal in den USA operiert worden ist. „Der Westen wird seine Sanktionen selbst nach ein, zwei Monaten einstellen. Und im schlimmsten Fall können wir noch immer über die Türkei nach Amerika fliegen.“

Sowjetische Witze wieder da

Viele Menschen in Russland glauben, sie hätten in diesem Wirtschaftskrieg die besseren Nerven, namentlich die Europäer seien zu weich und zu geldgierig, um auf Russlands Gas oder auf seinen Automarkt zu verzichten. Aber in ihre Zuversicht mischen sich Gerüchte von einem drohenden Staatsbankrott mit Internet-Debatten darüber, wie echt die Videos vernichteter russischer Militärkolonnen in der Ukraine sind.

Dem Gerücht über das Abschalten des Zugangs zum globalen Internet glaubt der Moskauer IT-Experte Alexander Issawnin nicht. „Es fußt wohl auf einer Direktive der Regierung an alle Behörden, ihre DNS-Server bis zum 11. März physisch nach Russland zu verlegen.“ Issawnin erzählt aber, in seinem Bekanntenkreis mache sich wieder schwarzer sowjetischer Humor breit. Etwa der Witz über die Soldaten, die während der Atomschlacht die Kalaschnikow mit ausgestreckten Armen zu tragen haben. „Sonst tropft ihnen der schmelzende Stahl in die Stiefel.“ Wirklich hoffnungsfroh klingt der Scherz nicht.

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