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Maybrit Illner

TV-Kritik

Maybrit Illner zu Österreich-Krise: AfD-Chef Gauland bezeichnet Orban als Demokraten

Maybrit Illner diskutiert mit Alexander Gauland über Heinz-Christian Strache und die Krise in Österreich. 

Normalerweise gilt es als unhöflich, in Gegenwart eines Menschen über ihn in der dritten Person zu reden, statt ihn direkt anzusprechen. Wenn Alexander Gauland, Partei- und Fraktionsvorsitzender der rechtspopulistischen AfD, bei Maybrit Illner zu Gast ist, geschieht das dennoch dauernd. Und Gauland erträgt es nahezu stoisch. Warum nur? Eine Erklärung ist die – inzwischen hinlänglich bekannte – Erpichtheit der Partei und ihres Vorsitzenden auf Medienpräsenz. 

Seine Sicht der Dinge bekommt so größtmögliche Verbreitung, das ist sein Interesse; das der Redaktionen, die Rechtsausleger einzuladen, ist erkennbar die Entlarvung der bisweilen abstrusen Positionen. Aber funktioniert das wirklich? Bekommen die Rechtspopulisten so nicht wieder Gelegenheit, sich als Opfer zu inszenieren? Lassen sich AfD-Wähler überhaupt umstimmen? Eine ähnliche Frage, in allgemeinerem Maßstab, stellte Illner bei ihrer Sendung mit dem Thema „Skandal in Österreich – schadet das den Populisten?“

Gaulands Strategie bei Maybritt Illner seziert

Anlass war natürlich das Skandal-Video aus Ibiza, das den damaligen Fraktionschef der FPÖ und späteren österreichischen Vizekanzler Heinz-Christian Strache zeigt, wie er bereit ist, sein Land an vermeintliche russische Oligarchen zu verkaufen und die Pressefreiheit abzuschaffen. Das „Narrativ“ der FPÖ sei nun zerstört, sagte Wilfried Haslauer (ÖVP), Landeshauptmann des Bundeslandes Salzburg. Davon wollte Gauland erwartungsgemäß nichts wissen; das Fehlverhalten eines Menschen sei nicht der Partei anzulasten, argumentierte er, tunlichst davon absehend, dass Strache Parteichef, also Leithammel war.

Nadine Lindner, Korrespondentin des Deutschlandradios, sezierte die Strategie der AfD-Oberen wie Gauland und Jörg Meuthen: Sie betonten zunächst die „Singularität“ des Falles, relativierten den Skandal dann mit Verweisen auf frühere ähnliche Affären auch in Deutschland und hoben drittens auf die Entstehung des Videos ab.

Bespitzelung von Heinz Strache fragwürdig

Die Fragwürdigkeit der Bespitzelung Straches sei allerdings nachrangig gegenüber dem öffentlichen Interesse, das durch Straches Pläne mit der Presse gegeben sei, betonte die ehemalige Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP). Das sei keine Privatangelegenheit. Auch Barbara Tóth, Journalistin beim „Falter“, dem österreichischen Pendant des Spiegel, befand, hier heilige der Zweck „absolut“ die Mittel. Das Video zeige, wie Rechtspopulisten ticken.

Wilfried Haslauer bestätigte, Straches Verhalten – von dem sich die Mehrheit der Gäste dann doch überrascht zeigte – sei der „traurige Höhepunkt einer Reihe von Skandalen“, wollte aber die Regierungszeit der OVP-FPÖ-Koalition positiv sehen. Anders Tóth: Kanzler Kurz hätte schon viel früher die Reißleine ziehen müssen, aber er habe sich als „höflicherer Strache“ inszenieren wollen.

Horst Seehofer nähert sich der AfD an

Ob die Toleranz gegenüber Rechtspopulisten gewachsen sei, wollte deshalb Maybrit Illner wissen. Leutheusser-Schnarrenberger sah, dass sich etablierte Parteien hätten in die Defensive drängen lassen und spielte auf Horst Seehofers CSU an, die sich der AfD in der Frage der Migration angenähert habe. Aber „da gehört klare Kante hin“, forderte die Liberale.

Ob sich die Rechten denn „einhegen“ ließen, wollte Illner wissen. Die Freidemokratin sah das nicht, wegen der im Kern rassistischen Haltung der Rechtspopulisten. Es sei an den anderen Parteien, auf die Fragen der Wählerschaft klare Antworten zu geben, mahnte Nadine Lindner.

Für Alexander Gauland sind Matteo Salvini und Viktor Orban Demokraten

Sie verwies auch auf das Fehlen einer Reaktion der AfD-Mitglieder angesichts der Spendenskandale ihrer Führung (Jörg Meuthen und Alice Weidel sind in dubiose Geldzuwendungen verstrickt). Es wolle da niemand Aufklärung im Sinne einer Rechtsstaat-Partei, auf die doch angeblich so viel Wert gelegt werde (was ein Einspieler belegte). Das bestätigte Gauland eher unfreiwillig, indem er auf Illners Frage hin tatsächlich Italiens zynischen Innenminister Matteo Salvini und Ungarns Regierungschef Viktor Orban zu Demokraten erklärte.

Es hätte des Auftritts von Jörn Kruse, ehemals Vorsitzender der Hamburger AfD-Fraktion, der die Partei früh verließ, nicht bedurft, um zur Erkenntnis zu kommen, dass die AfD nicht koalitionsfähig ist. Aber Gauland hielt dies Verdikt wie alle anderen aus, weil er wohl darauf spekulierte, was Nadine Lindner prophezeite: Der Skandal um die AfD-„Schwesterpartei“ FPÖ und das damit erneut deutlich gewordene „verdünnte Rechtsbewusstsein“ (Haslauer) werde die AfD keine Wählerstimmen kosten. Zur Not greift man eben zu unlauteren Mitteln wie jetzt in Sachsen, wo eine Briefwählerin einen bereits ausgefüllten Stimmzettel zugeschickt bekam – mit drei Kreuzchen für die AfD...

Zur Sendung

„Maybrit Illner“, ZDF, von Donnerstag, 23. Mai, 22.15 Uhr.  Die Sendung im Netz.

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