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„In der Karibik verbrennen und ertrinken wir“: Barbados fordert maximalen Klimaschutz statt maximaler Renditen

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Von: Daniel Roßbach

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Geht die Erderwärmung ungebremst weiter, ist von Inselparadiesen wie Barbados in wenigen Jahren nicht mehr viel übrig.
Geht die Erderwärmung ungebremst weiter, ist von Inselparadiesen wie Barbados in wenigen Jahren nicht mehr viel übrig. © Imago/Werner J Bertsch

Die Folgen der Klimakrise werden besonders für Inseln und arme Länder im globalen Süden verheerend sein. Eine Initiative aus Barbados will den internationalen Finanzmarkt für die Klimarettung nutzen.

Bridgetown - Tropische Inselstaaten, etwa in der Karibik, gelten in der westlichen Vorstellung als paradiesisch. Doch gleichzeitig gehören gerade diese Teile der Welt zu denen, die durch die Klimakrise am stärksten bedroht und schon jetzt betroffen sind. Auf der Insel Dominica etwa hat 2017 ein Sturm Schäden in Höhe von 227 Prozent des Bruttoinlandsproduktes des kleinen Landes verursacht. Der Bericht des Weltklimarats (IPCC) nennt für kleine Inseln weltweit unter anderem Verluste von Menschenleben, ungewisse Versorgungssicherheit bei Essen und Trinkwasser, Unbewohnbarkeit von Küsten und Zerstörung von Infrastruktur und Wirtschaftskraft als Risiken, die durch die Klimakrise entstehen. Aus eben dieser Region der Welt, gernauer aus Bridgetown, der Hauptstadt von Barbados, kommt nun ein Vorschlag, der einen Weg in der Krise zeigen soll

Der „Bridgetown Initiative“ gehe „es nicht um Bridgetown oder Barbados, sondern um die Welt“, stellt Avinash Persaud gegenüber der Frankfurter Rundschau klar. Persaud ist einer der Initiator:innen der nach der Hauptstadt von Barbados benannten Initiative, die sich zum Ziel gesetzt hat, im internationalen Finanzsystem neue, der Klimakrise angepasste, Strukturen zu schaffen. Diese sollen insbesondere im globalen Süden Investitionen in Klimaprojekte ermöglichen und anschieben – und dabei den Nutzen für das Klima über Profite stellen.

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Initiative aus Barbados will mehr Geld gegen die Klimakrise einsammeln

Ins Leben gerufen wurde die „Bridgetown Initiative“ von der Premierministerin von Barbados, Mia Mottley. Mottley und Persaud kommen aus Barbados und haben gemeinsam an der London School of Economics studiert, bevor Mottley von 1994 an zu einer prägenden Figur der Politik in Barbados wurde. Der Ökonom Persaud gründete unterdessen Investment-Firmen, arbeitete in Führungspositionen für große internationale Banken wie JP Morgan und unterrichtete an Universitäten.

Inzwischen ist er Wirtschaftsberater für Mottleys Regierung. Weil die Klimakrise für den Inselstaat in der Karibik eine existentielle Bedrohung ist, haben Mottley und Persaud die Initiative gestartet, deren Agenda im Herbst 2022 veröffentlicht wurde. „Dabei handelt es sich um eine Liste mit neun umsetzbaren Vorschlägen – umsetzbar nicht irgendwann, sondern in den nächsten 12 Monaten“, sagt Persaud. „Wir haben kein Interesse daran, elegante Ideen zu entwickeln, denen applaudiert wird, die aber nie implementiert werden. Unser Fokus liegt auf klaren, praktischen Zielen.“

Barbados fordert mehr Investitionen in Klimaprojekte

Bei den Verhandlungen der Klimakonferenz COP27 in Ägypten im November war die „Bridgetown Initiative“ dann zwar mit einer Rede von Mottley präsent. Eine prominentere Rolle im Abschlussbericht der Konferenz spielte jedoch ein Fonds für Verluste und Schäden in Folge der Klimakrise. Der Fonds wurde zwar beschlossen, Details und konkrete Verpflichtungen zu Einzahlungen fehlen aber noch. Teil des Konzepts aus Barbados soll die Einführung internationaler Steuern für fossile Energie und Emissionen sein.

Im Zentrum der Bridgetown-Vorschläge steht aber ein anderer Aspekt: Statt Ausgleichszahlungen für durch die Klimakrise entstandene Schäden, die von Industriestaaten an Entwicklungsländer fließen, möchte die Initiative einen Mechanismus für Investitionen in Klimaprojekte schaffen. Dabei soll Geld in großem Umfang frei gemacht werden, um die Klimabilanz der Welt entscheidend zu verbessern: Regeln für Investitionen sollen so gestaltet werden, dass Klimanutzen über Renditen steht.

„In der Karibik verbrennen und ertrinken wir“: Barbados macht Vorschläge im Kampf gegen den Klimawandel

Die Projekte, in die Geld investiert wird, würden nach ihrem Beitrag zur Bekämpfung der Klimakrise ausgewählt werden – und nicht nach ihrem Potenzial für finanziellen Profit. Die Projekte, die sich um Mittel aus dem zu schaffenden Globalen Klimafonds bewerben, wären zwar im Prinzip kommerzielle Unterfangen, die kein Geld verlieren. Finanziert würden aber diejenigen, die den Ausstoß von Treibhausgasen und die Effekte der Klimakrise am stärksten reduzieren. „Das wäre eine sehr subtile Änderung darin, wie die Märkte funktionieren“, sagt Persaud, „mit der wir – statt wie heute finanzielle Rentabilität – Beiträge zur Bewahrung des Planeten belohnen würden.“

Es scheint also, als würde der Vorschlag Instrumente des globalen Finanzsystems nutzen, um kapitalistische Logiken umzukehren. Aber: Eine Debatte darüber, ob Vorschläge wie die „Bridgetown Initiative“ innerhalb kapitalistischer Strukturen arbeiteten oder diese aushebeln, „ergibt für mich nicht besonders viel Sinn“, sagt Avinash Persaud. „In der Karibik verbrennen und ertrinken wir gleichzeitig. Das ist es, was die Klimakrise bedeutet: In der Vergangenheit konnte jemandem das eine oder das andere passieren; wir sind innerhalb eines Jahres mit beidem konfrontiert. Das fokussiert unsere Aufmerksamkeit ungemein – auf die Fragen, warum passiert das, und wie lässt es sich ändern?“

Barbados will Zuschüsse für Investitionen in Resilienz-Maßnahmen gegen die Klimakrise

Ein anderes Bewertungssystem für Investitionen sei dabei besonders für mehr Resilienz gegen die Klimakrise entscheidend: „Der private Sektor interessiert sich dafür nicht, weil mit Resilienz-Maßnahmen wie Flutsperren, Kanalsystemen und Uferbefestigungen kaum Geld zu verdienen ist. Daher brauchen wir Zuschüsse für solche Investitionen.“

Zur Person

Avinash Persaud (56) ist Ökonom und hat in Management-Positionen für mehrere große Banken und Investmentfonds gearbeitet.

Akademische Positionen hatte er unter anderem an der London School of Economics inne und war Mitglied von Komissionen zu Wirtschaftsreformen bei der UN und dem IWF.

In Barbados arbeitet Persaud als ökonomischer Berater für die Regierung. rba

Das sei vor allem unabdingbar, weil durch die bisher verursachten Klimaveränderungen schon feststeht, dass Anpassungen und die Kompensation von Schäden nötig werden. Deshalb, und weil die Schäden ungleich und nicht zufällig in der Welt verteilt sind, seien auch Versicherungen gegen Klimaschäden keine Option. Die Prämien für die am stärksten betroffenen Länder wären zu hoch und Versicherer würden sich zurück ziehen, bevor sie benötigt werden. „Lasst uns also das Geld für Versicherungen in der Zwischenzeit besser in Resilienz investieren, um gegen die nicht mehr aufzuhaltenden Schäden besser gerüstet zu sein“, sagt Avinash Persaud. Für einen versicherungsbasierten „globalen Schutzschirm“ hatte Deutschland unter anderem auf der COP27-Konferenz geworben.

Geld für den Kampf gegen die Klimakrise soll aus Währungsreserven kommen

Ein Mittel, das für die klimagerechten Investitionen eingesetzt werden könnte, sind Persaud zufolge sogenannte Sonderziehungsrechte (SZR). SZR erlauben es Mitgliedsländern des Internationalen Währungsfonds (IWF), zu festgeschriebenen Konditionen Geld in Reservewährungen an den internationalen Finanzmärkten zu leihen – insbesondere in Krisensituationen, in denen sie für ihre eigenen Reserven gar nicht oder nur zu sehr hohen Zinsen Geld leihen können. Das Gesamtvolumen der SZR liegt bei einer Billion US-Dollar, dem gegenüber stehen weltweit Währungsreserven von mehr als zwölf Billionen. Diese 12 Billionen Dollar habe die Welt auf die hohe Kante gelegt, sagt Persaud. Jetzt, wo sie vor dem Abgrund der Klimakatastrophe stehe, sei die Zeit, sie zu mobilisieren.

Die SZR sind unter den IWF-Mitgliedsstaaten nach deren Wirtschaftskraft verteilt. Das bedeutet, dass die reichen Nationen wie die USA und die Länder der Euro-Zone besonders viele davon haben, obwohl sie weniger auf die Rechte angewiesen sind. „Die Hälfte der SZR werden nicht genutzt, daher schlagen wir vor, mit ihnen den globalen Klima-Fonds auszustatten, der zu günstigen Konditionen Geld für Investitionen in Klima-Anpassungsprojekte verleihen kann“, erklärt Persaud einen der Kern-Vorschläge der „Bridgetown Initiative“.

Klimaschutzmaßnahmen brauchen hohe Renditen, um rentabel zu sein

Damit will Persaud ein wesentliches Hindernis für klimafreundliche Investitionen im globalen Süden angehen: die Kosten für Kapital, die in diesen Ländern besonders hoch sind. Wegen der unterschiedlichen Zinskosten muss ein Erneuerbare-Energien-Projekt in Deutschland nur etwa sieben Prozent Rendite erzielen, um profitabel zu sein, in Barbados aber zehn und in Sambia sogar vierzig Prozent. Solche Renditen erreicht kaum ein Projekt, deswegen fehlen Investitionen. Im globalen Süden würden nur 15 Prozent der Projekte für erneuerbare Energien von privatem Kapital finanziert – das Gegenteil von 85 Prozent in den Industrienationen.

Daran soll sich dank Bridgetown nicht erst in ferner Zukunft etwas ändern, sondern bald. Persaud hofft, dass die Initiative bei den Treffen der Führungsgremien der Weltbank und des IWF im Frühling auf der Tagesordnung stehen wird. Außerdem ist für Juni ein Gipfeltreffen von Mottley und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron geplant. Macron soll dabei helfen, die Schaffung des Globalen Klimafonds voranzubringen. Schon bei der COP27 hatte er signalisiert, den Vorschlag aus Barbados zu unterstützen.

Deutschland hat Vorbehalte gegen Klimafinanzierung aus Währungsreserven

Ein Hindernis bei der Umsetzung könnte jedoch fehlende Einigkeit darüber sein, woher das Kapital für diesen Fonds kommen soll– unter anderem wegen Vorbehalten aus Deutschland. Denn die Bundesbank und das Finanzministerium lehnen es ab, dafür die Deutschland zugeteilten Sonderziehungsrechte einzusetzen. Auf Anfrage der FR sagen Sprecher:innen von Zentralbank und Ministerium: „Deutschland kann sich an der Weiterverleihung von SZR an Treuhandfonds des IWF oder an Entwicklungsbanken grundsätzlich nicht beteiligen.“

Denn die Rechte seien Teil der von der Bundesbank verwalteten Währungsreserve. Sie stünden „für eine Weiterreichung aus ökonomischen, rechtlichen und ordnungspolitischen Gründen nicht zur Verfügung“. Zudem vertreten Regierung und Bundesbank den Standpunkt, dass eine Umleitung für Zentralbanken des Euro-Systems auch europarechtlich nicht zulässig sei.

Verhandlungsarbeit für Klimaschutz-Vorschlag aus Barbados nötig

Für Persaud ist das jedoch kein K.o.-Kriterium für die Schaffung des Klimafonds. SZR seien nur ein Weg, diesen mit Kapital auszustatten. „Wenn Deutschland oder andere Länder es einfacher finden, dafür Garantien oder Kapitaleinzahlungen zur Verfügung zu stellen, werden wir uns dem nicht verwehren“, sagt der Wirtschaftswissenschaftler. Auch Sorgen darüber, dass durch die Initiative das Kredit-Rating der internationalen Entwicklungsbanken leiden könnte, hält Persaud für unbegründet. Um die Umsetzung der Vorschläge der Initiative tatsächlich in diesem Jahr auf den Weg zu bringen, könnte in internationalen Entscheidungsgremien aber noch Überzeugungs- und vor allem Verhandlungsarbeit nötig sein.

In diesem Jahr sieht Persaud sowohl die dringende Notwendigkeit, die Reformen der „Bridgetown Initiative“ auf den Weg zu bringen, als auch eine Chance dafür. Vor dem Hintergrund von klimatischen Katastrophen auf vielen Kontinenten im vergangenen Jahr sagt er: „Es bietet sich jetzt ein Moment, den wir nutzen müssen – und der vielleicht nicht noch einmal kommt, wenn wir das nicht tun.“ (Daniel Roßbach)

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