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Mit seinen 84 Metern ist das „Hoho Wien“ das höchste Holzhochhaus der Welt. imago
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Mit seinen 84 Metern ist das „Hoho Wien“ das höchste Holzhochhaus der Welt. imago

Holzbauweise

Materialrevolution im Bauwesen

  • Joachim Wille
    VonJoachim Wille
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Die Initiative „Bauhaus der Erde“ will im Städtebau Stahl und Beton durch Holz ersetzen. Dadurch kann der Anteil an klimaschädlichen Baumaterialien drastisch sinken.

Das „Hoho Wien“ hat 24 Stockwerke. Keine Sensation für ein Hochhaus. Doch die gibt es: Sie steckt allerdings unter der Fassade, die konventionell aussieht. Das 84 Meter hohe Gebäude in der Wiener Seestadt Aspern besteht vom ersten Stock an aufwärts zu 75 Prozent aus Holzteilen. Etwa 800 Säulen aus österreichischer Fichte tragen die Geschosse neben einer Stahlbetonkonstruktion, aber auch die Wandelemente und die Decken sind aus dem nachwachsenden Rohstoff, der einen CO2-Speicher darstellt. Der Anteil der klimaschädlichen Baumaterialien wie Stahl und Beton ist gegenüber Gebäuden minimiert.

Das „Hoho“ ist ein Musterfall für eine neue Initiative, die eine Materialrevolution im Bauwesen begründen will, genannt „Bauhaus der Erde“. Der Kernpunkt: Im Städtebau soll Stahl und Beton durch Holz ersetzt werden. Wobei entscheidend ist, dass der Holzbau längst nicht mehr nur für Ein- und Zweifamilienhäuser, sondern eben auch für Mehrfamilien- und Hochhäuser taugt.

Initiator ist der Klimaforscher Schellnhuber

Gegründet wurde das neue „Bauhaus“ von dem renommierten Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber, dem Umweltbundesamtspräsidenten Dirk Messner, der Architekturprofessorin Annette Hillebrandt vom Bund der Deutschen Architekten und Architektinnen sowie 20 weiteren Fachleuten. Es soll – anlog zur Bauhaus-Bewegung des 20. Jahrhunderts – „Keimzelle einer globalen Bewegung“ werden mit dem Ziel, „die gebaute Umwelt nachhaltig zu transformieren“. Vorgestellt wurde das Projekt am Mittwoch in Berlin.

Hintergrund der Initiative, die von Schellnhuber als früherem Präsidenten des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) initiiert wurde: Der Öko-Fußabdruck des Sektors ist wahrhaft gigantisch. Durch Errichten, Betreiben und Abriss von Gebäuden und Infrastrukturen erzeugt der Bausektor circa 40 Prozent der globalen Treibhausgas-Emissionen. Der Herstellung der Hauptbaustoffe Stahl, Beton und Bausteine ist extrem CO2-intensiv.

Ein mächtiger CO2-Speicher

So ergab eine Studie des PIK im vorigen Jahr: Wird weiter wie bisher vor allem mit Beton und Stahl gebaut und nimmt die Wohnfläche pro Kopf weiter zu wie bisher, könnten allein die Emissionen aus der Produktion der mineralischen Baustoffe bis zu einem Fünftel des CO2-Restbudgets aufbrauchen, das weltweit noch ausgestoßen werden darf, ohne das Zwei-Grad-Erwärmungslimit des Pariser Klimavertrags zu gefährden.

„Das muss sich schleunigst ändern, soll das Pariser Abkommen nicht scheitern“, sagt Schellnhuber. Er fordert deshalb von allen Verantwortlichen eine „Bauwende“ – analog zur Energie- und Verkehrswende. Das Konzept bringe dabei sogar eine doppelte Dividende. Die weltweite Substitution von Stahl, Beton und Klinker durch organische Baustoffe wie Holz oder Bambus würde nicht nur erhebliche Mengen an klimaschädlichen Emissionen vermeiden.

Es würde auch ein mächtiger „CO2-Speicher“ entstehen. Im verbauten Holz oder Bambus ist der beim Wachstum der Bäume aus der Atmosphäre aufgenommene Kohlenstoff für viele Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte eingelagert. Zur Illustration: Das in einem Holz-Einfamilienhaus gespeicherte CO2 entspricht den Emissionen, die bei rund 1000 Flügen Frankfurt–New York und zurück entstehen.

Gibt es überhaupt genug Holz?

Die Frage, ob es überhaupt genug Holz für eine solche Transformation gibt, beantwortet Schellnhuber mit Ja. In Europa produzierten die meisten Forste derzeit Überschüsse, vom Schadholz durch Trockenheit und Borkenkäfer-Befall ganz zu schweigen. Zudem lasse sich das Angebot durch eine weltweite Aufforstung mit verbesserten Verfahren noch deutlich steigern.

Laut PIK-Studie können die derzeit genutzten Potenziale der weltweiten Holzernte bereits einen Großteil des Bedarfs für eine „Bauwende“ decken, wenn die Wohnflächen-Ansprüche weltweit nicht weiter steigen. Allerdings müssten die Wälder bei höherer Holznutzung konsequent vor einer nicht nachhaltigen Abholzung geschützt werden.

Bauen mit Holz hat viel Potenzial

Der Umweltbundesamt-Chef Messner unterstricht bei der Präsentation, dass das Bauen mit Holz gerade auch hierzulande große Potenziale habe. „Der Gebäudebereich hinkt beim Klimaschutz in Deutschland noch hinterher“, sagte er. Die Holzbauweise scheide bei Primärenergiebedarf und Treibhausgaspotenzial grundsätzlich besser ab als die Massivbauweise. Sie bringe also viele Vorteile, gerade auch beim energetischen Sanieren von Altbauten.

Voraussetzung aber: Nachhaltigkeit. Messer forderte, es dürfe nur „international einheitlich zertifiziertes Holz“ eingesetzt werden, das durch funktionierende Lieferketten-Trackingsysteme die Herkunft aus Waldschutzgebieten ausschließt.

Auch die EU ist interessiert

Bisher ist das Bauen mit Holz eine Nische. Immerhin zeigt sich die Politik dafür aufgeschlossener denn je – auch in Deutschland, wo Häuser traditionell seit dem Ende des Mittelalters aus Stein zu etwa entsteht ein 98 Meter hoher Wohnturm, in München gibt es bereits eine Mustersiedlung mit 570 Wohnungen, und das Land Baden-Württemberg hat eine „Holzbau-Offensive“ gestartet – übriges zum Missfallen der Mauerstein-Industrie, die eine Wettbewerbsverzerrung befürchtet.

Das Thema nimmt erst langsam Fahrt auf. Doch Schellnhuber kann für sein Bauhaus-Projekt, das von der „Laudes Foundation“ (früher C&A-Stiftung) eine Startförderung von 2,5 Millionen Euro erhalten hat, schon einen großen Erfolg verbuchen. Die Europäische Kommission hat sie mit dem Aufruf zur Gründung eines „New European Bauhaus“ bereits aufgegriffen.

Von der Leyen dringt auf praktische Antworten

Es soll nach den Vorstellungen von Kommissionspräsidenten Ursula von der Leyen „den notwendigen gesellschaftlichen Diskurs über neue Bauweisen und Designformen anregen“. Gesucht seien „praktische Antworten“ auf die Frage, wie modernes Leben im Einklang mit der Natur aussehen könne. Mehr Holzbau dürfte ein Hauptthema dabei sein.

Mehr zum Kampf gegen den Klimawandel lesen Sie hier.

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