+
Testen, testen, testen: So hat Südkorea die Pandemie unter Kontrolle bekommen. Das schwebt dem Bundesinnenministerium auch vor.

Maßnahmen

Massentests und Handyortung

  • schließen

In einem vertraulichen Papier spielen Experten für das Innenministerium verschiedene Szenarien durch – und empfehlen der Regierung teils drastische Schritte.

Das Bundesinnenministerium hat Wissenschaftler untersuchen lassen, wie bestimmte staatliche Schritte das Tempo der Ausbreitung des Coronavirus in Deutschland beeinflussen würden. Das ergibt sich aus einem Strategiepapier des Hauses, über das die „Süddeutsche Zeitung“ berichtet. In dem Arbeitspapier werde festgehalten, wie sich die aktuelle Situation auf die innere Sicherheit auswirken könnte, „welche unterschiedlichen Verläufe sind hier denkbar“, sagte Ministeriumssprecher Steve Alter am Freitag in Berlin.

Demnach will das Ministerium der Corona-Krise mit einer massenhaften Ausweitung von Tests und später mit digitalen Möglichkeiten wie unter anderem Tracking begegnen. Vorbild sei dabei Südkorea, das mit Massentests und der Isolierung von Erkrankten die Ausbreitung des Coronavirus stark verlangsamt habe, ohne das öffentliche Leben zum Stillstand zu bringen, heißt es in dem vertraulichen Papier mit dem Titel „Wie wir Covid-19 unter Kontrolle bekommen“.

Die bei weitem wichtigste Maßnahme gegen das Virus ist den Experten des Innenministeriums zufolge „das Testen und Isolieren der infizierten Personen“. Getestet werden sollten „sowohl Personen mit Eigenverdacht als auch der gesamte Kreis der Kontaktpersonen von positiv getesteten Personen“. Die Fachleute hoffen, dass die Testkapazität in Deutschland „sehr schnell“ hochgefahren werden könne.

So spielten sie ein Szenario durch, in dem vom 6. April an 50 000 Tests pro Tag möglich seien, vom 13. April an 100 000 und Ende April 200 000. Derzeit sind nach Angaben von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) wöchentlich 300 000 bis 500 000 Coronavirus-Tests machbar.

Die Wissenschaftler gehen den Berichten zufolge in diesem positivsten Szenario davon aus, dass sich rund eine Million Menschen infizieren und etwa 12 000 sterben würden. Das strenge Vorgehen müsste zwei Monate durchgehalten werden. Danach „müsste weiterhin kontinuierlich hohe Wachsamkeit bestehen bleiben“, weil die Bevölkerung nur zu einem geringen Teil gegen das Virus immunisiert wäre.

Um das medizinische Personal vor Infizierten zu schützen, sollten Bürgerinnen und Bürger den notwendigen Rachenabstrich selbst erledigen, zum Beispiel in Drive-in- oder Telefonzellen-Teststationen, so die Fachleute. Um die Suche nach Kontakten von positiv getesteten Personen zu erleichtern, sollten dann längerfristig computergestützte Lösungen und das umstrittene Tracking von Mobiltelefonen zum Einsatz kommen. Tracking ist die Lokalisierung des Standorts und des Bewegungsradius von Personen mit Hilfe ihrer Smartphones.

Alle positiv Getesteten müssten isoliert werden, zu Hause oder in einer Quarantäneanlage. Sobald diese Verfahren einmal eingespielt seien, „können sie relativ kostengünstig über mehrere Jahre hinaus die wahrscheinlich immer wieder aufflackernden kleinen Ausbrüche sofort eindämmen“, heißt es in dem Strategiepapier.

Gesundheitsminister Spahn hatte bereits einen Vorstoß gewagt, den Gesundheitsämtern durch die Änderung des Infektionsschutzgesetzes Zugriff auf Handydaten zu geben, ließ nach Protesten unter anderem von Justizministerin Christine Lambrecht (SPD) jedoch davon ab. Freilich hält er an dem Ziel im Prinzip fest.

Aus Sicht der Experten des Innenministeriums ist es für den Erfolg des Antivirenkampfs entscheidend, dass es der Bundesregierung gelingt, die Bevölkerung zu mobilisieren. Daher sei es elementar, die Menschen noch stärker als bisher vom Ernst der Lage zu überzeugen und mit verbreiteten Fehlvorstellungen aufzuräumen. Zum Irrglauben gehöre etwa, dass das Virus nur die Alten treffe oder für Kinder harmlos sei. Den Experten zufolge müssten alle Bürgerinnen und Bürger erkennen, dass auch sie in eine dramatische Lage geraten könnten, zum Beispiel weil schwer kranke Angehörige von überfüllten Krankenhäusern abgewiesen würden. Dies könne für mehr als 80 Prozent der Intensivpatienten gelten – mit der Folge von Millionen Toten. Nötig sei daher eine „deutschlandweite und transparente Aufklärungs- und Mobilisierungskampagne“.

Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) hatte das Papier am 18. März bei seiner Grundsatzabteilung in Auftrag gegeben. Es entstand unter Federführung von Staatssekretär Markus Kerber mit Hilfe des Robert-Koch-Instituts und weiterer Fachleute, unter anderem von ausländischen Universitäten. (mit dpa)

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion