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Stille Trauer im texanischen El Paso an der Grenze zu Mexiko. Hier wurden zahlreiche Menschen Opfer eines mutmaßlich rassistischen Verbrechens.

USA

Massaker in El Paso: Der blutige weiße Hass

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Nach zwei Massakern in den USA wird wieder über die laxen Waffengesetze gestritten. Und auch über die Frage: Hat Trumps Hetze gegen Migranten den Todesschützen von El Paso angestachelt?

Die rund eintausend Kilometer lange Anfahrt zum „mexikanischen Walmart“ in der mehrheitlich von Latinos bewohnten Grenzstadt El Paso dauert zehn Stunden. Zeit genug für den 21-Jährigen aus dem blütenweißen Bilderbuch-Vorort von Dallas seinen teuflischen Plan noch einmal zu überdenken. Tut der junge Mann aber nicht.

Eine Sicherheitskamera zeigt den schmächtigen Jungen um 10.39 Uhr und 35 Sekunden am Samstagmorgen, wie er den gut besuchten Walmart im „Cielo Vista“-Einkaufszentrum durch die Abteilung für Autozubehör betritt, ein Sturmgewehr Typ AK-47 „Kalaschnikow“ im Anschlag, bestückt mit einem 30-Schuss-„Bananen“-Magazin, Standardwaffe von Millionen Ostblocksoldaten, Gewalt-Ikone unzähliger Widerstandskämpfer und Freischärlern. Kurz darauf eröffnet der Schlaks das Feuer auf Wehrlose.

Augenzeugen versuchen später, den Horror der nächsten Minuten in irgendwie sinnvolle Worte zu fassen: das trockene Stakkato der Schüsse, leblose Körper auf dem Boden, Menschen, die wie irr Deckung suchen, Schreie Chaos.

Schütze von El Paso nennt auf rechter Plattform rassistische Motive

„Ich sah ein Baby, das vielleicht sechs bis acht Monate alt war, mit Blut über seinem Bauch,“ sagt Manuel Uruchurtu (20) einem Reporter vor Ort. „Es hat geschrien und geschrien. Aber es lebte noch.“ Andere hatten weniger Glück. „Hay no“ ist auf einem Video, ein ungläubiges, fast flehendes „Oh, nein“ auf Spanisch. Dann fällt ein Schuss. Dann ist Stille.

Als sich der Schütze der Polizei ergibt, hat er mindestens 20 Menschen auf dem Gewissen. Zwei Dutzend weitere mit zum Teil schweren Schussverletzungen werden in umliegenden Krankenhäusern behandelt.

Nach den Motiven des Schützen muss nicht lange gesucht werden. „Dieser Anschlag ist eine Antwort auf die hispanische Invasion von Texas“, heißt es in einem vier Seiten langen „Manifest“, das jemand 19 Minuten vor dem ersten Notruf im Online-Forum „8chan“ einstellte. Dieselbe Plattform nutzte auch der australische Rechtsterrorist, der in Christchurch in Neuseeland auf Muslime schoss.

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Menschen starben im vergangenen Jahr in den USA durch den Gebrauch von Schusswaffen. 28.227 wurden nach Angaben des Gun Violence Archive verletzt.

Die Logik des Manifests ist so einfach wie brutal. „Wenn wir genügend Leute loswerden, kann unser Weg zu leben nachhaltiger werden.“ Für Experten ist es praktisch ausgemacht, dass der mutmaßliche Massenmörder die rassistische Abhandlung mit dem Titel „Eine unbequeme Wahrheit“ verfasst hat. Er führt ausdrücklich das Vorbild aus Neuseeland an und beklagt die „Übernahme der lokalen und bundesstaatlichen Regierung meines geliebten Texas“ durch Latinos. „Die starke Präsenz der hispanischen Population in Texas wird uns in eine demokratische Hochburg verwandeln.“ Damit sind die US-Demokraten gemeint, die seit John F. Kennedy den Südstaaten als Verräter gelten. Das sind dieselben Verschwörungstheorien, auf die sich weiße Terroristen von den Anschlägen auf eine Kirche in Charleston über die Moschee in Christchurch bis hin zu den Synagogen in Pittsburg und Poway berufen haben.

Trump: keine Distanzierung vom Hass in Charlottesville

Die Basis dafür hat der französischen Suprematist Renaud Camus geliefert, der den westlichen Eliten unterstellt, aus Profitstreben heraus die weiße Bevölkerung ersetzen zu wollen. Das steckte auch hinter den Rufen „Juden werden uns nicht ersetzen“, die 2017 bei dem Fackelmarsch von US-Nazis durch die Straßen von Charlottesville im Bundesstaat Virginia schallten. Als einer von ihnen eine Gegendemonstrantin totfuhr.

Donald Trump versäumte es damals, sich klar von dem Hass in Charlottesville zu distanzieren. In den US-Medien zirkuliert ein auf der mutmaßlichen Facebook-Seite des Täters von El Paso eingestelltes Foto, das neun Waffen am Boden zeigt, die zu „TRUMP“ angeordnet sind.

Der US-Präsident ließ sich am Sonntag über die Details des Massakers unterrichten. Es gebe „keinen Grund und keine Ausrede, die jemals das Töten unschuldiger Menschen rechtfertigen könnte“, twitterte er dann.

Das FBI erwägt, die Tat als Inlands-Terror oder Hassverbrechen zu verfolgen. Wie sehr die Bedrohung gestiegen ist, illustriert eine Statistik der Bundespolizei, wonach seit dem 11. September 2001 mehr Menschen bei Anschlägen einheimischer Terroristen ums Leben kamen, als damals durch Al-Kaida. FBI-Chef Christopher Wray sagte dem Kongress kürzlich, in diesem Jahr seien bereits mehr als 100 Personen wegen des Verdachts auf Vorbereitung einheimischer Terroranschläge festgenommen worden.

„Das Motiv ist Hass“, ist sich auch die lokale Kongressabgeordnete Veronika Escobar sicher. Die Grenzregion mit den beiden ineinander übergehenden Schwesterstädten El Paso (USA) und Ciudad Juarez (Mexiko) sei ein Ort friedlichen Miteinanders gewesen. Der Täter? „Das war jemand, der von außen in unsere Gemeinde kam, um uns zu schaden.“

Polizisten am Tatort: In einem Supermarkt in der Grenzstadt El Paso hat ein 21-Jähriger 20 Menschen erschossen.

So sehen das viele Einwohner, die routiniert vom Spanischen ins Englische wechseln, Familie auf beiden Seiten der Grenze haben und von dem gemeinsamen Handel leben. Bürgermeister Dee Margo erinnert daran, dass seine Stadt als eine der sichersten in den USA galt. „So etwas haben wir hier nicht erwartet.“

In jüngster Zeit geriet El Paso als Brennpunkt von Trumps Kampf gegen die Migranten in die Schlagzeilen. Während Tausende aus Honduras, El Salvador und Guatemala über die Grenze kamen, um Schutz vor Drogen- und Bandengewalt zu finden, versuchte Trump dort ein – abschreckendes – Exempel zu statuieren.

Und so machen seit März Bilder von Menschen die Runde, die US-Grenzschützer tagelang unter der „Paso del Norte“-Grenzbrücke wie Vieh hinter Maschendraht einpferchen, wie das Internierungslager im nahen Tornillo, wo die Regierung zumindest 6200 Kinder und Jugendliche festhielt.

Bestseller-Autor Richard Parker zeigt auf Donald Trump

Der aus El Paso stammende Analyst und Bestseller-Autor („Lone Star Nation: How Texas Will Transform America“), Richard Parker, meint, das Massaker sei ein Nebenprodukt von Trumps Ägide mit ihrer unmenschlichen Flüchtlings- und Einwanderungspolitik. Er habe lange eine Eskalation der Gewalt befürchtet, sagt Parker. „Die Anfänge dafür liegen beim Präsidenten.“

Andere Kritiker weisen auf die Parallelität bei der Wortwahl hin. So rede Trump regelmäßig von einer „Invasion“ aus Lateinamerika. Beto O’Rourke, der Trump im November 2020 herausfordern will und aus El Paso stammt, hält dem Präsidenten vor, selber ein Rassist zu sein. „Und er facht den Rassismus in diesem Land an.“ O’Rourke stimmt auch in den Chor der Kritiker ein, die der Regierung Untätigkeit beim weitgehend uneingeschränkten Zugang zu Waffen vorhalten. „Eine Zukunft, in der jedes Jahr 40 000 Menschen ihr Leben wegen Waffengewalt verlieren, kann ich nicht akzeptieren.“

Viele Tote auch bei Attacke in Ohio

Das erste August-Wochenende ragt besonders heraus, weil es in der Nacht zum Sonntag auch in einem Kneipenviertel von Dayton im US-Bundesstaat Ohio zu einer Attacke mit mindestens zehn Toten und sechzehn Verletzten kam. Nach Informationen von vor Ort besteht kein Zusammenhang zu dem Terror in El Paso. Bei dem Vorfall im „Oregon District“ habe es sich um einen Streit gehandelt, der eskalierte. Demnach eröffnete ein Mann das Feuer, weil die Türsteher ihn nicht in eine Bar ließen. Die herbeigeeilte Polizei tötete den Schützen.

Ob mutmaßlicher Rechtsterrorismus, psychische Erkrankung oder überdrehte Aggression – in den USA wird Waffengewalt nach Ansicht von Experten immer unkontrollierter. Allein in diesem Jahr registrierte das gemeinnützige „Gun Violence Archive“ bereits 249 Angriffe mit Schusswaffen. In nur 215 Tagen, wohlgemerkt.

Für die Angehörigen der Opfer machen die Motive der Schützen dagegen kaum einen Unterschied. Für sie zählt zuallererst der plötzliche Verlust ihrer Lieben. „Ich möchte denen, die trauern zeigen, dass sie nicht allein sind“, sagt Celina Arias, die mit mehr als 200 Menschen vor der „St. Pius X.“-Kirche von El Paso am Sonntagabend eine Kerzenwache hielt. „Es hätte jeden treffen können.“ Celinas Mann tankte draußen am Walmart als drinnen das Morden begann.

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