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Massaker im Pfingstgottesdienst

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Von: Johannes Dieterich

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Tatort St. Francis in Owo im Bundesstaat Ondo.
Tatort St. Francis in Owo im Bundesstaat Ondo. © Rahaman A Yusuf/dpa

Nach dem tödlichen Anschlag auf eine katholische Kirche steht Nigeria unter Schock. Der Gouverneur spricht von einem „satanischen Überfall“.

Den Altar hat eine Granate zerfetzt, zwischen den hölzernen Bankreihen der Kirche liegen Leichen in ihrem Blut auf dem Boden, auch eine aufgeschlagene Bibel ist mit Blut durchtränkt: Bilder aus der katholischen St.-Francis- Kirche in der südwestnigerianischen Stadt Owo, die einem die Sprache verschlagen.

Ausgerechnet während des Gottesdienstes am Pfingstsonntag, den Christ:innen in aller Welt als Manifestation des Heiligen Geistes feiern, wurde das Gotteshaus zum Schauplatz einer der blutigsten Überfälle in der Geschichte des westafrikanischen Staates. Mindestens 50 Gläubige, darunter Kinder und schwangere Frauen, sollen dem Anschlag zum Opfer gefallen sein. Oluwole Ogunmolasuyi, ein Lokalpolitiker im Bundesstaat Ondo, sprach am Montag von bis zu 100.

Arakunrin Akeredolu, der Gouverneur des nigerianischen Bundesstaates Ondo, erklärt den Tag zum „schwarzen Sonntag“ und spricht von einem „satanischen Überfall“. „Es ist unglaublich“, sagt der katholische Bischof der Stadt, Jude Arogundade, „dass Leute an diesem Tag ein Gotteshaus überfallen mit der Absicht, jeden zu töten.“ St. Francis’ Priester war fast am Ende des Gottesdienstes angelangt, als plötzlich mehrere bewaffnete Männer in die Kirche eindrangen. Erst warfen sie Handgranaten, dann eröffneten sie das Feuer.

Mehrere Minuten lang soll die Schießerei angehalten haben, selbst die, denen zunächst die Flucht gelang, sollen vor der Kirche von weiteren Schützen niedergestreckt worden sein. Dann verschwanden die fünf Männer in ihrem VW Golf so schnell, wie sie aufgetaucht waren. Dutzende von Verletzten wurden in Owos Hospital eingeliefert. Dessen Ärzt:innen mussten die Bevölkerung zu Blutspenden aufrufen, weil nicht genügend Konserven vorhanden waren.

Nigeria befindet sich seit Sonntag im Schock: Zwar mussten sich die Bewohner:innen des bevölkerungsreichsten Staat Afrikas in den vergangenen zwei Jahrzehnten an Massaker gewöhnen – aber nicht in diesem Teil des Landes, der bislang als relativ sicher galt. Der Norden Nigerias wird von den Extremisten der islamischen Boko-Haram-Sekte oder von Lösegeld erpressenden Banditen heimgesucht, doch im Yoruba-Land leben Christen und Muslime seit Hunderten von Jahren friedlich zusammen.

Bislang bekannte sich noch keine Organisation zu dem Überfall. Allerdings werden die ersten Finger auf Angehörige des Fulani-Volks gerichtet, die in der Sahel-Zone immer häufiger als Sündenböcke herhalten müssen. Sie sind nomadische Viehhirten, die regelmäßig mit sesshaften Ackerbauern zusammenstoßen. Dafür wird sowohl die Ausbreitung der Wüste als auch die Klimaerwärmung verantwortlich gemacht, denn die traditionellen Weidegebiete der Fulani schrumpfen zusammen. Außerdem sind sie Muslime, während es sich bei den Ackerbauern nicht selten um Christen handelt.

In jüngster Zeit werden aus Nigeria immer öfter kaltblütige Verbrechen gemeldet. Zwischen Kaduna und der Hauptstadt Abuja überfielen Bewaffnete im April etwa einen Zug, töteten acht Passagiere und entführten Dutzende – von den meisten fehlt noch heute jede Spur.

Im kommenden Jahr sollen Wahlen stattfinden. Urnengänge sind in dem westafrikanischen Erdölstaat immer von Unruhen begleitet. Weil das Land zur Hälfte von Muslimen im Norden und von Christen im Süden bewohnt wird, herrscht das ungeschriebene Gesetz, dass einem Präsidenten aus dem Norden einer aus dem Süden folgen soll. Der amtierende Präsident Muhammdu Buhari, dessen Amtszeit im kommenden Jahr zu Ende gehen wird, stammt aus dem Norden. Derzeit finden die Vorwahlen statt: Die regierende „All Progressive Congress“ (APC) und die oppositionelle „People’s Democratic Party“ (PDP) müssen ihre Kandidat:innen für die Präsidentschaft bestimmen. Favorit der APC ist der Yoruba Bola Tinubu, Favorit der PDP der Nordnigerianer Atiku Abubakar. Eine Konstellation, die die Temperatur noch zusätzlich aufheizt. (mit dpa)

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