Carsten Maschmeyer (r.) mit Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder im Sommer 2011 bei einem Fußballspiel.
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Carsten Maschmeyer (r.) mit Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder im Sommer 2011 bei einem Fußballspiel.

Schröder und Maschmeyer

Maschmeyers Masche

  • Steven Geyer
    vonSteven Geyer
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Carsten Maschmeyer bestritt oft, seine enge Verbindung zu Gerhard Schröder für seine geschäftlichen Interessen genutzt zu haben. Doch die besondere Beziehung sorgte dafür, dass die „Riester-Rente“ vor allem die Finanzbranche begünstigte.

Nur kurz beschäftigten dieser Tage zwei Ereignisse das politische Berlin, obwohl sie zusammen genug Zündstoff für eine wochenlange Debatte und grundlegende Gesetzesänderungen enthalten. Es war im Kanzleramt, in dem das Bundeskabinett Mitte dieser Woche den Rentenbericht verabschiedete. Danach wurde vor allem über sinkende Beiträge und das Festhalten an der Rente mit 67 berichtet. Doch nur wenige, etwa der Chef des CDU-Arbeitnehmerflügels Karl-Josef Laumann, wiesen auch auf eine bittere Erkenntnis hin: die Riester-Rente ist in weiten Teilen gefloppt.

Als SPD-Kanzler Gerhard Schröder und sein Arbeitsminister Walter Riester sie 2002 einführten, priesen sie die private, aber staatlich geförderte Rentenversicherung als Garant für höhere Alterseinkommen für alle Bürgerinnen und Bürger in Deutschland. Was der Staat an gesetzlicher Rente kürzen müsse, würde jeder selbst aus dem Kapitalmarkt holen. Doch so kam es nicht. Selbst freundlich gerechnet, sagt Laumann, werden die Alterseinnahmen heutiger Riester-Kunden „deutlich unter dem Niveau liegen, das vor einigen Jahren noch allein mit der gesetzlichen Rente erreicht wurde“. Schlimm genug.

Doch dann war da noch dieses zweite Ereignis, sechs Tage zuvor: Keine drei Kilometer entfernt, im schicken Hilton-Hotel nahe dem Berliner Gendarmenmarkt, stellten die Journalisten Wigbert Löer und Oliver Schröm ihr Buch „Geld Macht Politik“ vor. Sie hatten dafür Tausende Dokumente gewälzt, die ihnen aus dem Inneren des Finanzdienstleisters AWD zugespielt wurden. Der Allgemeine Wirtschafts-Dienst hatte mit Finanzprodukten, Fonds und Riester-Verträgen gute Geschäfte und seinen Chef zum Millionär gemacht: den schillernden Unternehmer Carsten Maschmeyer aus Hannover.

Umstrittene Vertriebsmethoden

Die Vertriebsmethoden des AWD waren stets umstritten. Viele Bürger verloren Geld, der Staatsanwalt ermittelt. Auch die Männerfreundschaft zwischen Maschmeyer und Schröder war schon vorher legendär. Als neu wurde nach der Buchvorstellung vor allem berichtet, dass Maschmeyer den frisch ausgeschiedenen Kanzler 2005 zum Millionär gemacht hatte: Laut den Unterlagen zahlte er ihm zwei Millionen Euro für die Rechte an seinen Memoiren – obwohl dieser vom Verlag später maximal eine Million Euro erhielt.

Interessanter als dieses Abschiedsgeschenk ist all das, was Maschmeyer zuvor in seine Beziehung zu Schröder gesteckt hatte, wie das Buch nun detailliert belegt: Ausgerechnet der Mann, der mit dem aggressiven Verkauf zwielichtiger Finanzprodukte an möglichst uninformierte Normalbürger Millionen verdiente, pflegte enge Kontakte zu der Regierung, die der Rentenversicherung eine neue „Säule“ hinzufügte – und diese sogleich den privaten Versicherungsfirmen überließ.

„Schröder öffnete die Rente für den Kapitalmarkt“, beschreibt es der Publizist Albrecht Müller, ehemaliger SPD-Bundestagsabgeordneter und langjähriger Kritiker der Reformen, „und Maschmeyer hatte zuvor die Rolle der Brechstange gespielt.“

Carsten Maschmeyer, der AWD 2009 verlassen hat, bestritt oft, seine enge Verbindung zu Gerhard Schröder für seine geschäftlichen Interessen genutzt zu haben. Er habe Schröder und Riester ja nicht einmal gekannt, als sie die subventionierte Privatvorsorge einführten.

Doch „Maschi“ – wie ihn seine Freundes in Hannover nennen – hat auch selbst schon ein Buch geschrieben: In „Selfmade“ (2012) erklärt er die Bedeutung des Netzwerkens. Und wie wichtig Geduld dabei ist. „Zahlen Sie regelmäßig auf Ihr Networking-Sparkonto ein“, rät er darin. Nettigkeiten und Gefälligkeiten seien eine Investition, die man einzahlte – bis man irgendwann eine Abhebung tätige.

AWD verdiente auf Kosten der Bürger

Seine große Abhebung erfolgte 2005: AWD, aber auch Versicherungsfirmen wie die Allianz, hatten von Rot-Grün lange eine „Reform der Reform“ gefordert. Die Riester-Rente war mau angelaufen, Maschmeyer persönlich bot sich bei einem der vielen Treffen mit dem Kanzler an, „einen pragmatischen Vorschlag“ zu Verbesserung des Systems auszuarbeiten, wie er später schreibt. Seine Erklärung für den schleppenden Absatz war dann, dass Verkaufsagenten wie seinen AWD-Angestellten der Ansporn fehle, weil sie für ihre Verkäufe nicht ausreichend und nicht schnell genug Provision kassierten.

Tatsächlich halbierte die Regierung die Wartefristen vor Provisionszahlungen, verhinderte härtere Zulassungskriterien für Riester-Makler, lockerte die Voraussetzungen für staatliche Förderung der Finanzprodukte. Nun verdienten AWD & Co. erst richtig – auf Kosten der Bürger, wie viele Verbraucherschützer-Tests seither ergeben haben.

Doch das neue Enthüllungsbuch zeigt auch das lange Vorspiel, das sich Maschmeyer leistete. Alles begann, als Schröder noch Niedersachsens Ministerpräsident war und seine Wiederwahl ihm 1998 zur SPD-Kanzlerkandidatur verhelfen sollte. Maschmeyer zahlte, anonym, 650 000 DM für eine Anzeigenkampagne pro Schröder. „Dass ein Unternehmer an einem so entscheidenden Moment in der Karriere eines Politikers so direkten Einfluss auf die politische Willensbildung nimmt, ist herausragend“, sagt der Grünen-Finanzexperte im Bundestag, Gerhard Schick. Der Parlamentarier hat gerade selbst ein Buch über die Beeinflussung der Finanzbranche veröffentlicht.

Das Spektrum des Lobbyismus sei dabei breit: von Anzeigenkampagnen über Expertenpapiere für den Bundestag bis hin zu Spenden und persönlichen Beziehungen. Über die enthüllten AWD-Dokumente staunte Schick dennoch: Eine solche Vermischung privater mit politischen Interessen wie zwischen Maschmeyer und Schröder rage heraus. „Ich finde, dazu muss sich Gerhard Schröder erklären“, fordert Gerhard Schick.

So umgarnte Maschmeyer den inzwischen zum Kanzler aufgestiegenen Schröder so lange, bis er 2004 persönlich auf einer AWD-Tagung auftrat. „Sie als AWD-Mitarbeiter erfüllen eine staatsersetzende Funktion“, habe Schröder den Angestellten mitgegeben. „Sichern Sie die Rente Ihrer Mandanten, denn der Staat kann es nicht!“

Heute, mit Blick auf den aktuellen Rentenbericht, wirkt Schröders Aufruf zynisch. Die einzigen Sieger des neuen Systems, bilanziert etwa der Chef des Bundes der Versicherten, Axel Kleinlein, seien „die Anbieter der kapitalgedeckten Vorsorge, die stets ihre Kosten und Boni abzwacken, unabhängig davon, ob sich das Spiel rentiert.“

Nach Schröders Rede war Maschmeyer so begeistert, dass er dem Kanzler Honorar anbot – was das Kanzleramt allerdings abbog. Das hätte mehr als Geschmäckle gehabt.

Weniger heikel sind da schon die Dankbarkeiten nach dem Ausscheiden aus dem Amt. So fand Schröders Reform-Kronzeuge und externer Renten-Berater Bert Rürup einen lukrativen Wirtschaftsjob: Er gründete mit Maschmeyer eine Beraterfirma. Arbeitsminister Riester wurde nach dem Ende von Rot-Grün zu einem der Abgeordneten mit den höchsten Nebenverdiensten – AWD und andere Finanzfirmen buchten ihn als gutbezahlten Redner. Eine Anstellung fand er auch: als „Berater“ der Firma von Rürup und Maschmeyer.

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