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Ceuta gilt für viele als Tor nach Europa.
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Ceuta gilt für viele als Tor nach Europa.

Spanien

Marokko und Spanien: Eine groteske Geschichte

  • Peter Rutkowski
    VonPeter Rutkowski
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Die Geschichte der marokkanisch-spanischen Beziehungen ist höchst wechselhaft.

Die Weltmacht Spanien war eigentlich schon deklassiert, als sie vom 17. Jahrhundert an zu ihren afrikanischen „Besitzungen“ kam. Und weil der Niedergang sehr lange dauerte und nach mancherlei Ansicht noch immer nicht vorbei ist – andere Kolonialmächte erledigten das in weniger als einem Jahrzehnt –, begleiten seine kolonialen Überreste, Wiedergängern gleich, das Weltgeschehen bis zum heutigen Tag.

Drei Namen stehen für den eigentümlich halblebigen Fortbestand des spanischen Kolonialepos: Ceuta, Melilla und die Westsahara. Und bei jedem spielt Marokko eine mindestens so unrühmliche Rolle wie der einstige Kolonialherr auf der gegenüberliegenden Seite der Straße von Gibraltar.

Spanien besitzt noch neun Landstücke und Inseln im Norden Marokkos

Tatsächlich zählt Spanien neun afrikanische Besitzungen, aber außer den „autonomen Städten“ (so der spanische Amtsjargon) Ceuta und Melilla sind das praktisch unbewohnte Inseln entlang der marokkanischen Mittelmeerküste. Aber auch so reichen sie für gelegentlichen Dissens zwischen Madrid und Rabat. Zuletzt gab es 2002 Ärger um die Isla de Perejil, nachdem marokkanische Gendarmen sie besetzten und spanische Kommandos diese kampflos wieder vertrieben. Grenzstreit zwischen Spanien und Marokko bleibt zivil, wenn auch unfreundlich.

Nach dem Niedergang des Islam bemächtigten sich nach und nach Frankreich, Spanien und Italien des Maghreb. Während französische und spanische Truppen bis in die 1920er Jahre hinein ihre Herrschaft über Marokko langwierig und auch mittels einiger Kriegsverbrechen (die damals als solche aber nicht angesehen wurden) zu konsolidieren suchten, war der koloniale Eroberungszug im westlichen Ausläufer der Sahara mehr als 1000 Kilometer südlich des Mittelmeerstrands merklich einfacher. Was nicht zuletzt daran liegt, dass die westliche Sahara seit jeher eine der am spärlichsten besiedelten Gegenden der Welt ist. Fehlende soziale Infrastruktur ermöglichte Spanien die relativ ruhige Ausbeutung dortiger Ressourcen.

Im Norden, in Marokko, suchte das seit napoleonischen Tagen als unfähig verdammte spanische Militär seinen altvorderen heroischen Status wiederzugewinnen. Allen voran der monarchistische Kolonialkrieger Francisco Franco, der am Ende nur obsiegte, weil er und seinesgleichen das französische Eroberungsmodell kopierten: eine Volksgruppe als Hilfstruppe gegen eine widerständige Volksgruppe ausspielen. Francos als wortwörtliche Halsabschneider berüchtigte „Moros“ sollten im Bürgerkrieg 1936 bis 1939 in den republikanischen Reihen schieren Terror verbreiten. Diese Ejército de África wurde von Küstenflugplätzen durch deutsche und italienische Flieger nach Spanien geschafft. Ceuta war einer der Feldflugplätze der Putschisten.

Ceuta war nie marokkanisch

Die Halbinsel Ceuta geht auf eine karthagische Gründung zurück, war dann römisch, iberisch, arabisch, portugiesisch, schließlich spanisch ... Nur marokkanisch war sie nie, was den seit Marokkos Unabhängigkeit 1956 formulierten Herrschaftsanspruch trotz der offensichtlichen geografischen Zugehörigkeit (siehe nebenstehende Karte) untergräbt. Ähnlich verhält es sich mit Melilla, einem original phönizischen Handelsposten. Da beide Städte lange vor der Eroberung des Landesinneren bereits spanisches Krongebiet waren, wurden sie bei der Unabhängigkeit Marokkos ausgeklammert. Bis zur Aufnahme in die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft 1986 waren sie lukrative Freihäfen, was auch den Konflikt mit Marokko runterzukochen vermochte.

1995 wurden Ceuta und Melilla dann per Autonomiestatut Bestandteile Kastiliens. Die aus Angehörigen des Berber- oder Rifkabylen-Volkes bestehende proletarische Unterschicht kam damit in den Genuss spanischer Pässe, ebenso die jüdische und die pakistanische Gemeinde. Seit 2010 ist Eid al-Adha dort auch offizieller Feiertag, was den Zusammenhalt der Enklaven noch über das krasse wirtschaftliche Gefälle zwischen Marokko und EU-Gebiet hinaus weiter verstärkt.

Die europäischen Außenposten können dabei als quasi neutrales Feld dienen, auf dem sich Okzident und Orient begegnen, ohne gleich in Konflikthaltung zu verfallen (wie beispielsweise Griechenland und die Türkei). Die aus US- und EU-Sicht gemäßigte internationale Haltung des marokkanischen Königshauses tut ein Übriges dazu.

Seit Jahren werden von Marokko Flüchtlinge bis zu den Grenzzäunen der Enklaven „durchgereicht“. Der Maghreb leidet seit Jahrzehnten unter Korruption und mangelnden Investitionen in neue Wirtschaftszweige. Die virulente Jugendarbeitslosigkeit zwischen Rabat und Bagdad war einer der Gründe für die Aufstände des Arabischen Frühlings. Marokko verzichtet also nur zu gerne auf die Flüchtlinge von südlich der Sahara. rut

Franco begann seinen Siegeszug in Marokko.

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