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Häme für SPD im ZDF: Markus Lanz provoziert, statt zu informieren

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Von: Tina Waldeck

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Markus Lanz: Die Sendung vom 17. Mai 2022
Die Runde bei Markus Lanz am Dienstagabend, 17. Mai. (Screenshot) © ZDF

In seiner ZDF-Sendung geht Moderator Markus Lanz den SPD-Vorsitzenden Lars Klingbeil hart an.

Berlin – Die SPD hat in NRW das „schlechteste Ergebnis aller Zeiten“, verkündet Markus Lanz und versucht Lars Klingbeil (Bundesvorsitzenden der SPD) im ZDF mit Häme zu überschütten, doch dieser weiß sich ruhig zu behaupten. Mit ihm ergründet Kerstin Münstermann (Journalistin der »Rheinischen Post«) die politischen Kommunikationsprobleme, während Christoph Reuter („Spiegel“-Auslandsreporter) und Harald Welzer (Soziologe und Herausgeber von „taz.FuturZwei – Zeitschrift für Politik & Zukunft“) beharrlich auch weiterhin das Thema der Waffenlieferungen diskutieren.

„Deprimierend ist keine politische Kategorie“, also war der Wahlausgang in NRW für Lars Klingbeil einfach „nicht gut“. Punkt. Sie haben mit etwas anderes gerechnet, denn die Statistiken waren anfangs nicht schlecht für die SPD: Bis zum Sonntagnachmittag haben noch alle Umfrageinstitute prophezeit: Es wird ein Kopf-an-Kopf-Rennen geben.

Markus Lanz im ZDF: NRW im Fokus

Markus Lanz aber steigert sich in seine persönlichen Wahlbeobachtungen hinein und bittet Kerstin Münstermann um die Bestätigung, dass es „ein Desaster“ war. „Lassen sie doch die Kirche im Dorf“, beruft sich diese auf 2005: Da hat dies Gerhard Schröder gesagt, als er gerade abgewählt worden ist, denn für ihn schien da klar zu sein, dass er der neue Kanzler sein wird. Hochmut kommt vor dem Fall oder ist die Wahrheit leichter zu ertragen, wenn sie ausgeblendet wird?

Markus Lanz im ZDFDie Gäste der Sendung vom 17. Mai 2022
Lars KlingbeilSPD Bundesvorsitzender
Kerstin MünstermannJournalistin
Christoph ReuterJournalist
Harald WelzerPublizist

Markus Lanz im ZDF: Lars Klingbeil bedrückt die niedrige Wahlbeteiligung

Am meisten schmerzt Lars Klingbeil die sinkende Wahlbeteiligung, welche auf 55 % heruntergegangen ist: „Das tut weh“. Sechs Millionen Wahlberechtigte sind in NRW nicht wählen gegangen, rechnet Markus Lanz vor und „dramatisch“ findet das auch Kerstin Münstermann: Denn eine „Politikverdrossenheit“ ist hart, gerade in Zeiten von „Krieg und Krise“. Harald Welzer sieht da in der Bevölkerung ein großes Desinteresse an politischer Kommunikation.

Zur Sendung

Markus Lanz vom 17. Mai im ZDF: Zu den herben Stimmenverlusten der SPD bei der NRW-Wahl, zur Ukraine-Politik der Bundesregierung und zum Führungsstil von Kanzler Scholz. Die Sendung in der ZDF-Mediathek.

Markus Lanz im ZDF: Kritik am Schönreden der SPD

Stundenlanges Analysieren am Wahltag und ein beständiges „schönreden“. „Sie haben einfach keinen guten Job gemacht.“ Punkt. Es gibt eine große Distanz zwischen der Politik und der Bevölkerung, die zwischen Arbeit, Familie und den Sorgen um gesteigerte Preise Schwierigkeiten hat, sich in diesen Dialogen zurechtzufinden: Ein Großteil der Bevölkerung wird in den Gesprächen nicht mitgenommen.

Lars Klingbeil beschreibt bei Markus Lanz seine Erfahrungen, als er in NRW unterwegs war: Da sprachen viele Menschen über die steigenden Kosten, denn viele trifft das hart. Vielleicht haben sie in den letzten Wochen in den politischen Sendungen zu viel über Waffenlieferungen gesprochen und zu wenig über die Sorgen der Menschen in diesem Land?

Klingbeil gegen Lanz: „Sie verstehen mich absichtlich falsch“

Ob es nun seine Schuld sei, hakt Markus Lanz gleich nach. „Sie verstehen mich absichtlich falsch“, beklagt Lars Klingbeil und bringt das Konzept einiger Journalisten auf den Punkt. Vielleicht sollte auch in der politischen Kommunikation bei den Talkshows weniger provoziert und mehr informiert werden. Doch zurück zu Markus Lanz (ZDF). Die Menschen interessieren sich eben dafür, was gerade in der Ukraine passiert, rechtfertigt sich dieser: „Wenn man den Leuten differenzierte Kommunikation anbietet, verstehen die das erstaunlicherweise“. Wenn sie allerdings für dumm erklärt werden, dann „bekommen sie einen Hals“. „Das ist Marketing, das ist, wie Politik verkauft wird“, erklärt er weiter. Da bleibt die Frage, ob Politik verkauft oder kommuniziert werden sollte, denn auch da gibt es einen Unterschied.

Markus Lanz: altbewährte Muster im ZDF

Markus Lanz bleibt zumindest konsequent weiter in seinen altbewährten Mustern und zählt polemisch alle Schlagworte auf, die für eine weite Reichweite sorgen könnten. (In den ersten Interviews von Olaf Scholz klang es so, „als würde Deutschland sofort den dritten Weltkrieg auslösen, wenn es schwere Waffen liefert“). Zu Recht stellt Lars Klingbeil fest, dass der Moderator da „500 Sachen in einen Topf“ zusammen wirft. Der Kanzler führt eine Bundesregierung, die sich seit Beginn des Krieges immer konstant „ein Stück weiterbewegt“ hat: Sie haben sich stetig um einen Konsens mit den politischen Partnern bemüht. Die Entscheidung, nun doch schweres Gerät zu liefern, war in den Gesprächen abgestimmt.

Es wäre von einem Bundeskanzler „erwartbar, dass die Haltung klar kommuniziert wird“, erklärt Harald Welzer dagegen. Der Konsens zwischen allen ist doch, dass der Krieg in der Ukraine so schnell wie möglich beendet werden muss, dies sei auch die Intention des offenen Briefes in der Emma gewesen: Dass über die Konsequenzen gesprochen wird. Aber was wäre denn die darauf basierende Handlung, fragt Kerstin Münstermann konkret nach und wieder verbeißt sich Harald Welzer in lapidarer Rhetorik: „Die Logik der Gewalt ist nicht die einzige Logik, der wir folgen müssen, weil das auch Putins Logik ist.“ Und es geht ja eigentlich um die Erhaltung von Demokratie „und um nichts anderes“. Christoph Reuter zieht auch hier andere Schlüsse, denn die Logik von Putin wäre doch, dass die Ukraine sich brav niederwalzen, entwaffnen und „entukrainisieren“ lässt. Oder auch: Vielleicht gibt es im Sinne von Putin gar keine Logik mehr?

Lars Klingbeil verteidigt bei Markus Lanz die Position der Bundesregierung

Lars Klingbeil versucht noch einmal die Position der Bundesregierung zu verdeutlichen, denn: „Wir haben uns entschieden, schwere Waffen zu liefern.“ Und sie sprechen sich für ein Paket mit Sanktionen, Ausstieg aus der Energie-Abhängigkeit, einem politischen Druck und Waffenlieferungen aus. „Am Ende wird das Ergebnis dieses Krieges nicht auf dem Schlachtfeld, sondern am Verhandlungstisch getroffen werden“, aber von der Ukraine und von Russland. Deutschland kann nur den politischen Druck erhöhen, um der Ukraine zur Seite zu stehen. „Wenn wir Verhandlungspartner hätten, die gerne miteinander reden wollen, dann bräuchten wir auch keine Diplomatie“, fügt Harald Welzer lakonisch hinzu. Vielleicht bringen rhetorische Spitzfindigkeiten am Ende doch auch mal Mittel für praktische Lösungen? (Tina Waldeck)

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