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"Alles in allem ist Marine Le Pen der moderne Baum, der den FN-Wald versteckt."

Frankreich

"Marine Le Pens Feminismus dient nur der Islamkritik"

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Die Wissenschaftlerin Cécile Alduy über die Rhetorik der Nationalistin und was dahintersteckt.

Frau Alduy, Marine Le Pen war die einzige Frau unter den wichtigeren Kandidaten des französischen Präsidentschaftswahlkampfs. Ist das relevant?
Es verleiht ihr formell eine gewisse Legitimität, über moderne Frauenthemen zu sprechen, zumal sie selbst eine geschiedene Mutter ist. Marine Le Pen zitiert auch gerne Feministinnen wie Elisabeth Badinter oder Simone de Beauvoir.

Macht sie das zur Feministin?
Sie sagt es zumindest. Aber es ist ein reiner Verbalfeminismus, der einem einzigen Zweck dient – der Islamkritik. Ein anderes Motiv nennt sie nicht und hat sie auch nicht, wenn man genau hinschaut. Ich habe ihre Reden analysiert und stelle fest, dass ihr ‚Feminismus‘ nur der Islamkritik dient. Nie geht es ihr um die Gleichheit der Geschlechter, die Prekarität arbeitender Mütter, Familienpolitik oder Abtreibung.

Auch nicht um die Stimmen von Frauen?
Doch, natürlich, und das umso mehr, als der Front National unter Jean-Marie Le Pen kaum Frauen anzuziehen vermochte. Indem sich Marine Le Pen als moderne Französin gibt, sucht sie auch Stimmen. Ihre Haltung mündet aber immer in die Kritik am Islam und dem radikalen Islamismus.

Feminismus als bloßer Vorwand also?
Genau. Auf die gleiche Weise geht Marine Le Pen vor, wenn sie sich für den Laizismus einsetzt. Dagegen ist in Frankreich niemand. Auf den ersten Blick vertritt sie also konsensuelle Argumente – einmal für die Frauen, dann wieder für den Laizismus. Die Zielscheibe dahinter bleibt aber immer der Islam. Ansonsten bringt die Kandidatin keinerlei feministische Ideen oder Gedanken ein. Nichts zu den historischen oder sozialen Zusammenhängen, nichts zur Diskriminierung der Frauen in den Unternehmen oder auf der Straße.

Vermag sie damit Wählerinnen zu überzeugen?
Ich denke schon. Im Präsidentschaftswahlkampf 2012 war sie die Einzige, die von der Gleichheit von Mann und Frau sprach. In der laufenden Kampagne thematisierten auch Emmanuel Macron und zuvor ebenso Benoît Hamon, zum Teil auch François Fillon, Themen wie die Lohngleichheit. Bis 2016 findet sich davon aber nichts in den Reden der französischen Spitzenpolitiker, die ich über zwanzig Jahre analysiert habe.

Ist denn Le Pens Islamkritik unter feministischem Blickwinkel ungerechtfertigt?
Niemand bestreitet, dass viele Frauen in Banlieue-Zonen auf Probleme stoßen, die damit zu tun haben, dass sie Frauen sind. Marine Le Pen hat dieses Tabu gebrochen, indem sie davon zu sprechen begann. Der Front National stellt häufig richtige Fragen, aber er gibt die falschen Antworten. Wegen punktueller Probleme kann man nicht die ganze Gemeinschaft anprangern – schließlich leben viele Muslime in Frankreich wie die übrigen Franzosen. Machismus und Frauenfeindlichkeit gibt es unter Vertretern aller Communities und Religionen, was Le Pen völlig übergeht.

Hat Le Pens Partei, der Front National, sein Frauenbild revidiert?
Der Diskurs hat sich stark verändert: Zwischen Jean-Marie, der antisemitisch, homophob und frauenfeindlich ist, und Marine Le Pen besteht ein großer Unterschied. Bei einem so extremistischen Vater ist es einfach, ein klein wenig moderner zu erscheinen. Aber wenn man das aktuelle Wahlprogramm von Marine Le Pen anschaut, fällt auf, dass sie die von der Linken eingeführte Ehe für alle abschaffen will; ihre Nichte Marion Maréchal Le Pen will Abtreibungen nicht mehr von der Krankenkasse erstatten lassen. Alles in allem ist Marine Le Pen der moderne Baum, der den FN-Wald versteckt.

Interview: Stefan Brändle

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