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Marine Le Pen lässt die Maske fallen

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Von: Axel Veiel

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"Lügnerin" gegen "Kind der Eliten": Marine Le Pen und Emmanuel Macron kurz vor dem heftigen Schlagabtausch im Fernsehen.
"Lügnerin" gegen "Kind der Eliten": Marine Le Pen und Emmanuel Macron kurz vor dem heftigen Schlagabtausch im Fernsehen. © EPA

Von wegen weichgespült: In einem brutalen TV-Duell offenbart Marine Le Pen ihre hässliche Seite, beleidigend, aggressiv. Besiegelt der Auftritt ihre Niederlage?

Das Präsidentschaftsrennen, dieser nun schon Monate währende Marathon, hat ihr offensichtlich nichts anhaben können. Von Verschleißerscheinungen keine Spur. Fast möchte man bezweifeln, dass die von den Wahlplakaten herabschauende Madame überhaupt Marine Le Pen ist. Die harten Züge der Rechtspopulistin, wenn sie ihren Zorn auf die Mächtigen, die Eliten, das System artikuliert – sie fehlen. Ein mädchenhaftes, weichgezeichnetes Antlitz ziert die Plakate. Was im politischen Steckbrief der Präsidentschaftskandidatin als unveränderliche Kennzeichen geführt wurde, ist auch nicht mehr da.

Das beginnt beim Familiennamen. Marine steht da nur noch. Le Pen fehlt. Die Partei, deren Vorsitz sie 2011 übernommen hat? Fehlanzeige. „Ihr könnt mich ruhig wählen“, scheint sie dem Betrachter bedeuten zu wollen, ich bin nicht die rechtsradikale Scharfmacherin, als die ich immer wieder dargestellt werde. Denn eines steht fest: Nur wenn sie außerhalb des eigenen Lagers überzeugt, kann sie sich am Sonntag in der Stichwahl gegen Emmanuel Macron durchsetzen.

Am Mittwoch hatten mehr als 16 Millionen Franzosen im Fernsehen eine ganz andere Marine Le Pen erlebt. Das TV-Duell mit Rivalen Emmanuel Macron war ein Schlagabtausch, wie ihn die Franzosen in dieser Brutalität noch nie erlebt haben. „Das war keine Debatte, das war ein Gemetzel“, sollte der „Figaro“ tags darauf feststellen.

Kaum haben die Fernsehmoderatoren den Ring freigegeben, landet die 48-Jährige auch schon die ersten Schläge. Sie schmäht den am anderen Ende des Tisches sitzenden Macron als „Kandidaten einer wilden Globalisierung“, eines „Krieges jeder gegen jeden“, als „kalten Geschäftsbanker“, „verwöhntes Kind der Eliten“.

Den Rücken leicht rund, den Kopf etwas eingezogen, gleicht der 39-Jährige einem von der Wucht der gegnerischen Attacken in die Enge getriebenen Boxer. Er versucht, mit Ironie zu kontern. Sie deutet dies offenbar als Schwäche, legt nach. Er schlägt zurück, nennt Le Pen eine „Unsinn erzählende Lügnerin“. Die Kandidaten fallen einander ins Wort, versuchen einander zu übertönen.

Ähnlich wie im US-Wahlkampf einst Donald Trump gegen Hillary Clinton zu Felde zog, mischt Le Pen Wahres, Halbwahres und offensichtliche Lügen zu einem provokativen Cocktail. Das Vorgehen verheißt doppelten Lohn. Zum einen mag es den Widersacher aus der Reserve locken, verunsichern. Zum anderen verhindert es eine sachliche Debatte, bei der sie nur schlecht aussehen kann. Ein in sich schlüssiges Vorhaben für Frankreich hat sie nun einmal nicht, sieht man einmal ab von der propagierten Abschottung gegenüber EU, Einwanderern und internationaler Konkurrenz.

Macron hat keinen leichten Stand. Während die Schläge auf ihn einprasseln, muss er versuchen, das Gleichgewicht zu halten. Kontert er mit rhetorischer Eleganz, mag die Widersacherin ihn einen überheblichen, volksfernen Elitehochschulabsolventen nennen. Bleibt er nüchtern und sachlich, wird sie versuchen, ihn als volksfernen Technokraten auszuweisen. Erschwerend kommt hinzu, dass der Liberale propagiert, was die Mehrheit der Franzosen bisher noch nie gewollt hat und vermutlich noch immer noch nicht will: sich der Welt öffnen, wie sie nun einmal ist, sich der Globalisierung stellen, der Konkurrenz, der Immigration – und gemeinsam mit den europäischen Partnern das Beste aus all dem machen.

Laut Umfragen zahlt sich der von Le Pen vorgegebene Konfrontationskurs nicht aus. Einer Blitzumfrage zufolge halten 63 Prozent der Zuschauer Macron für überzeugender, 34 Prozent Le Pen. Für die Stichwahl sagen die Meinungsforscher mit 60 und 40 Prozent ein ähnliches Ergebnis voraus. Aber die TV-Duelle Trump–Clinton und die anschließenden Umfragen mahnen zur Vorsicht.

Aufholen kann Le Pen nur, wenn der Wähler ihr abnimmt, was ihre Plakate signalisieren sollen: dass sie das Zeug zur alle Franzosen beschützenden Landesmutter hat. Einiges hat sie auf diesem Weg schon erreicht. Le Pen hat den Front National salonfähig gemacht. Die einst von Konservativen und Sozialisten gegen den FN errichteten Dämme sind gebrochen. Wo Linke und Rechtsbürgerliche die Reihen schlossen, als Le Pens Vater Jean-Marie im April 2002 in die Stichwahl vorgedrungen war, leisten die Parteien heute allenfalls halbherzig Widerstand. Wo die Wähler den bürgerlichen Jacques Chirac damals mit überwältigenden 82 Prozent zum Präsidenten kürten, darf Macron heute 60 Prozent erwarten. Wo vor 15 Jahren die Franzosen zu Hunderttausenden auf die Straße gingen und gegen rechts protestierten, herrscht heute bedrückende Stille. Aber noch immer schrecken eben viele Franzosen davor zurück, einer FN-Kandidatin das Land anzuvertrauen.

Und so kommt Le Pen nun eben nicht mehr als Frontistin daher. Den Vorsitz des Front National hat sie einstweilen niedergelegt. Selbst der Kern des Präsidentschaftsprogramms wurde weichgezeichnet. Hatte sie im März noch klipp und klar erklärt, im Fall eines Wahlsiegs werde Frankreich „binnen sechs Monaten aus dem Euro aussteigen und zum Franc zurückkehren“, will sie seit dem vergangenen Wochenende Unternehmen die Möglichkeit erhalten, mit dem Euro zu bezahlen, der eine der früheren Verrechnungseinheit Ecu ähnliche Referenz bleiben soll. Dass das im Schnellverfahren konzipierte Nebeneinander der Währungen das Wirtschaftsleben kompliziert, ohne die Franzosen vor den Nachteilen der Rückkehr zum Franc zu bewahren – Schwamm drüber.

Macron reicht zu dieser Maskerade nicht die Hand. Und er denkt auch nicht daran, den Familiennamen der Kontrahentin gnädigem Vergessen anheimfallen zu lassen. Als „Madame Le Pen“ redet er sie an, immer und immer wieder. Es scheint, als wolle er es ins Bewusstsein der Zuschauer hämmern: Diese Frau ist die Tochter des antisemitischen, des fremdenfeindlichen, des kürzlich erst wieder Homosexuelle schmähenden Parteigründers Jean-Marie Le Pen. Die Widersacherin erinnert ebenfalls an die Herkunft des Rivalen. In Endlosschleife wiederholt sie, dass er Geschäftsbanker war, Berater und Wirtschaftsminister des mit einer „katastrophalen Bilanz“ aus dem Amt scheidenden Präsidenten François Hollande. Einig sind sich Le Pen und Macron allein darin, dass sie nichts verbindet, dass sie wie Feuer und Wasser sind – zwei Welten, die einander ausschließen.

Bei den Abschlusskundgebungen der Kandidaten sind diese Welten noch einmal zu erleben. Wer Macrons Einladung ins Pariser Event-Center gefolgt ist, findet sich auf einer Party wieder. Weltläufig geht es zu. Hunderte von europäischen Sternenbannern schmücken den Saal. Alle Hautfarben sind vertreten. Gefolgsleute des Kandidaten tragen himmelblaue, rosa oder hellgelbe T-Shirts. „Frühlingstöne sind das“, sagt eine Hostess. Die Musik kündet bereits vom Sommer. Sie stammt von den französischen Antillen. Immer mehr Leute klatschen mit, wiegen sich in den Hüften, lachen.

Und sooft Macron später auch vor der „keineswegs gebannten Gefahr“ warnt, dass Le Pen am Sonntag an die Macht gelangen könnte, der Fröhlichkeit tut dies nicht wirklich Abbruch. Sie ist ja auch nicht aufgesetzt. Der Großteil der sich im Pariser Event-Center Drängenden steht vermutlich auf der Sonnenseite des Lebens oder traut sich zumindest zu, aus eigener Kraft dorthin gelangen zu können. Soweit sie nicht schon in der Moderne sind, lassen sie sich von Macron allzu gerne dorthin führen. Obamas „Yes we can“ feiert Wiederauferstehung. Macron hat kürzlich mit dem früheren US-Präsidenten telefoniert, der ihn jetzt auch öffentlich unterstützt.

Ganz anders geht es bei Le Pen zu. Im Halbdunkel einer kahlen Messehalle der Pariser Vorstadt Villepinte kommt sie mit ihren Anhängern zusammen. Zum Tanzen ist niemandem zumute. Die Apokalypse scheint nah. Von „Armut, Angst und Leid der Franzosen“ erzählt die Kandidatin, von der deutschen Kanzlerin Angela Merkel, die „Frankreich erniedrigen, klein machen, unterwerfen“ wolle. Sollte Macron Präsident werden, drohe den Franzosen gar Vernichtung.

Mag sein, dass die in der ersten Wahlrunde richtig liegenden Meinungsforscher auch in der zweiten recht behalten werden, dass Macron am Sonntag das Rennen macht. Wenn es so kommt, wird er sich im Elysée-Palast vermutlich bald an den Abend des TV-Duells erinnern. Das heißt, die Franzosen werden ihn daran erinnern. Jene 34 Prozent der französischen Gesellschaft werden sich zurückmelden, die der Ansicht sind, dass Le Pen in der Debatte die bessere Figur gemacht hat.

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