1. Startseite
  2. Politik

Russische TV-Journalistin hat Angst um ihr Leben: „Bin jetzt Feind Nummer eins“

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Samira Müller

Kommentare

Die russische TV-Journalistin Marina Owssjannikowa protestiert live im Staatsfernsehen gegen den Ukraine-Krieg. Jetzt fürchtet sie um ihr Leben.

Moskau – Nach den Protesten im russischen Staatsfernsehen gegen den Ukraine-Krieg* fürchtet die Journalistin Marina Owssjannikowa um ihr Leben. Am Montagabend (14.03.2022) hatte sie mit einem Plakat bei einer Live-Sendung des Ersten Kanals dazu aufgerufen, den Krieg zu beenden und der Propaganda keinen Glauben zu schenken. In einem separat aufgenommenen Video bezeichnete Owssjannikowa den russischen Angriff auf die Ukraine als Verbrechen.

Nach der Aktion hat Owssjannikowa nun Angst um ihr Leben und das ihrer Familie. Doch trotz der Angst um ihre Sicherheit will sie Russland* nicht verlassen. „Wir werden in Russland bleiben“, sagte die zweifache Mutter in einem Interview mit dem Spiegel am Mittwoch (16.03.2022). Owssjannikowa hat einen 17-jährigen Sohn und eine 11-jährige Tochter. Sie mache sich zwar große Sorgen, doch: „Ich bin Patriotin, mein Sohn (ist) ein noch viel größerer. Wir wollen auf keinen Fall weg, nirgendwo hin auswandern.“ Ein Asylangebot des französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron habe sie abgelehnt, sagte Owssjannikowa.

Protest gegen Putin und den Ukraine-Krieg: Russische TV-Journalistin hat Angst um ihr Leben

Doch eines wird der 44-Jährigen zunehmend bewusst: „Mein Leben hat sich für immer verändert, das begreife ich erst langsam. Ich kann nicht mehr zurück in mein altes Leben.“ Zudem sei ihr bewusst, dass jetzt alles passieren könnte, „ein Autounfall, alles, was die wollen“. „Ich bin jetzt der Feind Nummer eins hier“, sagte Owssjannikowa.

Russische TV-Journalistin Marina Ovsyannikova
Nach ihrem Protest gegen den Ukraine-Krieg im russischen Fernsehen fürchtet die Journalistin Marina Ovsyannikova um ihr Leben. © Twitter/dpa

In den russischen Staatsmedien ist es verboten, vom Krieg zu sprechen. Russland nennt das Vorgehen im Nachbarland eine „militärische Spezialoperation“ zur „Entmilitarisierung“ und zur „Entnazifizierung“ der Ukraine*. Owssjannikowa verstecke sich derzeit bei Freunden und nehme Beruhigungsmittel. Für ihre Angehörigen sei die Aktion ein Schlag ins Gesicht gewesen. Ihr Sohn habe ihr vorgeworfen, sie habe das Leben der gesamten Familie zerstört.

Sie habe Angst vor den Konsequenzen ihres Handelns und bange um ihre Sicherheit. Aber sie „habe bereits den Punkt überschritten, an dem es kein Zurück mehr gibt“, sagte die Journalistin. Zum Zeitpunkt ihrer Protestaktion habe sie nicht an die weitreichenden Folgen gedacht. „Sie werden mir nun bewusst. Jeden Tag mehr und mehr“, sagte die Journalistin. Doch bereuen würde sie ihre Tat nicht. Im Interview mit dem Guardian sagte sie: „Ich werde kein einziges Wort zurücknehmen. Das sind meine Ansichten.“

TV-Protest gegen den Ukraine-Krieg: Owssjannikowa erhält milde Strafe

Für ihre Protestaktion wurde Owssjannikowa bereits am Dienstag (15.03.2022) zu einer Geldstrafe von 30.000 Rubel, etwa 226 Euro, verurteilt. Allerdings kann ihr möglicherweise noch eine weitere Strafe drohen. Es seien Ermittlungen wegen der angeblichen Verbreitung von Lügen über Russlands Streitkräfte aufgenommen worden, meldete die Staatsagentur Tass unter Berufung auf eine Quelle bei den Ermittlungsbehörden. Befürchtet wurde, dass Owssjannikowa doch noch nach dem neuen Mediengesetz belangt werden könnte, das bis zu 15 Jahre Haft vorsieht.

„Ich verstehe, dass jeder Staat für seine Interessen kämpft, und wir uns in einem Informationskrieg befinden“, sagte die Journalistin. Im Umgang mit Auslandsnachrichten und ausländischen Medien habe sie ein Bewusstsein für eine Realität jenseits der offiziellen Sicht entwickelt. „In unserem Land hatte die Staatspropaganda aber schon vor dem Krieg in der Ukraine schreckliche Formen angenommen. Jetzt mit Beginn des Krieges ist es unmöglich, die Propaganda zu ertragen“, fügte sie hinzu. Doch jetzt könne sowieso niemand mehr planen. Der russische Krieg gegen die Ukraine habe „alle Pläne zerstört“. (smü mit dpa/AFP) *fr.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

Auch interessant

Kommentare