Opposition in Weißrussland

Belarus: Maria Kolesnikowa sollte gewaltsam in die Ukraine abgeschoben werden

  • Stefan Scholl
    vonStefan Scholl
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Fast einen Tag lang gab es keine Informationen über den Verbleib von Maria Kolesnikowa. Nun sagt der Grenzschutz in Belarus, er habe die Oppositionelle festgenommen. 

  • Die Opposition protestiert seit Wochen in Belarus gegen Lukaschenko.
  • Ihre Oppositionsführerin Kolesnikowa wurde entführt.
  • Im Verdacht steht die weißrussische Regierung.

+++ 18.55 Uhr:  Die belarussischen Behörden haben nach Angaben eines Augenzeugen versucht, die verschwundene Oppositionspolitikerin Maria Kolesnikowa gewaltsam in die Ukraine abzuschieben. Kolesnikowa sei „auf den Rücksitz eines Autos gezwungen“ worden, berichtete in Kiew der belarussische Aktivist Anton Rodnenkow, der bei dem Vorfall an der belarussisch-ukrainischen Grenze anwesend war. Kolesnikowa habe sich gewehrt und unter anderem ihrem Pass zerrissen, am Ende sei sie festgenommen worden.

+++ 09:15 Uhr: Nach dem Verschwinden der Oppositionspolitikerin Maria Kolesnikowa in Belarus (Weißrussland) hat der Grenzschutz ihre Festnahme bestätigt. Das teilten die Behörden der Staatsagentur Belta zufolge am Dienstagmorgen mit. Zuvor hieß es noch, sie sei in die Ukraine ausgereist. Die 38-Jährige ist eine der wichtigsten Anführerinnen der Proteste gegen den autokratischen Staatschef Alexander Lukaschenko.

Die Opposition hatte am Morgen noch keine Informationen, wo sich Kolesnikowa aufhält. Das teilte der Koordinierungsrat der Demokratiebewegung mit, dem sie angehört. Ebenso unbekannt sei, wo sich ihr Mitarbeiter Iwan Krawzow und ihr Sprecher Anton Rodnenkow aufhielten. „Wir können nur die Tatsache bestätigen, dass Maria Kolesnikowa Belarus nicht freiwillig verlassen wollte.“

+++ 08.10 Uhr: Nach ihrem Verschwinden soll die Oppositionspolitikerin Maria Kolesnikowa nach Angaben des Grenzschutzes Belarus (Weißrussland) verlassen haben. Sie halte sich in der Ukraine auf, teilten die Behörden mehreren Medien zufolge am Dienstagmorgen zunächst mit. Am frühen Morgen habe sie die Grenze gemeinsam mit ihrem Mitarbeiter Iwan Krawzow und ihrem Sprecher Anton Rodnenkow passiert. Ob diese Angaben stimmen, ist zunächst noch unbestätigt.

Wollte Kolesnikowa illegal aus Belarus ausreisen?

Die Staatsagentur Belta meldete, Kolesnikowa habe versucht, das Land illegal zu verlassen. Dabei sei sie festgenommen worden. Sie habe danach dennoch ausreisen können, hieß es. Von ihrem Team gab es zunächst keine Bestätigung für diese Informationen.

Seit Montagvormittag gab es von der einer der wichtigsten Anführerinnen der Proteste gegen Staatschef Alexander Lukaschenko kein Lebenszeichen. Der Koordinierungsrat der Demokratiebewegung, dem sie angehört, ging davon aus, dass Kolesnikowa im Zentrum der Hauptstadt Minsk von Unbekannten entführt worden war. Das Innenministerium hatte mitgeteilt, es habe Kolesnikowa nicht festgenommen.

Erstmeldung: Sie waren maskiert, trugen Zivilkleidung und zerrten Maria Kolesnikowa in einen Sobol-Kleinbus. Am Montagvormittag wurde Maria Kolesnikowa, die prominenteste Führerin der belarussischen Opposition, die noch im Land ist, im Zentrum der Hauptstadt Minsk verschleppt. Noch wenige Minuten vorher soll sie einem Journalisten am Telefon erzählt haben, sie hole ein Paket von der Post ab, dass ihr der Staatssicherheitsdienst KGB geschickt habe.

Belarus: Kolesnikowa ist Mitstreiterin der Oppositionskandidatin gegen Lukaschenko

Die frühere Flötistin und Kulturmanagerin Kolesnikowa war im belarussischen Präsidentschaftswahlkampf eine der engsten Mitstreiterinnen von Oppositionskandidatin Swetlana Tichanowskaja. Die 38-Jährige, die vorher mehrere Jahre in Deutschland gelebt hatte, gehört zum Koordinationsrat der Protestbewegung gegen den umstrittenen Wahlsieg von Staatschef Alexander Lukaschenko. „Die Staatsmacht veranstaltet Terror“, kommentierte Tichanowskaja am Montag die Ereignisse aus ihrem Exil im EU-Nachbarland Litauen.

Außer Kolesnikowa wurden auch Iwan Krawzow, Sekretär des Koordinationsrates, und dessen Pressesprecher Anton Rodnenkow verschleppt. Tichanowskaja sagte, die Entführungen seien ein Versuch, die Arbeit des Koordinationsrates zu stoppen und seine Mitglieder einzuschüchtern, und weiter: „Aber die Behörden irren sich, wenn sie meinen, sie könnten uns aufhalten.“

Am Sonntag hatten in Minsk und anderen Städten in Belarus wieder Hunderttausende gegen Lukaschenko protestiert. Sicherheitskräfte, aber auch Schläger in Zivil, waren brutal gegen Demonstranten vorgegangen, nach Polizeiangaben gab es 633 Festnahmen. Seit der umstrittenen Präsidentschaftswahl am 9. August demonstrieren die Menschen in Belarus gegen den seit 26 Jahren autoritär regierenden Lukaschenko.

Belarus: schwarze Liste von Oppositionellen

Alexander Urban, ein weiterer Minsker Oppositionssprecher, sagte unserer Zeitung, die Sicherheitsorgane verschärften ihr Vorgehen, wollten vor allem die Führer und Koordinatoren der Proteste ausschalten. „Wir hoffen aber, dass die Verschleppten schnell wieder auftauchen, und dass Maria ins Ausland abgeschoben wird, wie Olga Kowalkowa.“

Olga Kowalkowa, ebenfalls Mitglied des Kooperationsrates, war im August festgenommen worden und gelangte nach ihrer Freilassung nach Polen. Sie erklärte gestern, Repressalien gegen den Koordinationsrat seien sinnlos, die Bürger gingen von selbst auf die Straße. „So lange, bis die Staatsmacht ihre Forderungen erfüllt.“

Im Telegram-Kanal „HaraKiri“, der als KGB-Sprachrohr gilt, kursiert seit Wochen eine schwarze Liste von Oppositionellen, darauf stehen unter anderem Maria Kolesnikowa und ihre gestern verschwundenen Kameraden. „Man wird euch nicht vergessen“, droht HaraKiri. „Und wenn Blut fließt, dann wird man euch abholen.“ Kolesnikowas Handy war gestern eingeschaltet, arbeitete aber nicht.

Im Zuge der Proteste in Belarus ist nach Angaben der Grünen auch die ehemalige belarussische Grünen-Vorsitzende festgenommen worden. Der Grünen-Bundesvorsitzende Robert Habeck sagte am Montag in Berlin, ihn habe die Nachricht erreicht, dass auch Irina Suchij festgenommen wurde. Die Information kam nach Angaben einer Parteisprecherin von der Europäischen Grünen Partei. Es müsse davon ausgegangen werden, „dass das Regime mit brutaler Härte gegen die Demonstranten vorgeht“, sagte Habeck. (mit afp)

Rubriklistenbild: © TUT.BY / AFP

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