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Unter der Wiese die Toten: An diesem Hang im Oderbruch blühen Adonisröschen, dazwischen: die rostigen Überreste einer Granate. 

Gedenken

Der Mann für die letzte Ehre

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Im Zweiten Weltkrieg starben Millionen Zivilisten und Soldaten. Bis heute liegen die Gebeine Zehntausender unter der Erde. Werden Knochen gefunden, bettet Joachim Kozlowski sie um. So bekommen die Toten nach Jahrzehnten ein Grab – wenn auch oftmals eines ohne Namen.

Er schaffte es nur bis ins erste Dorf hinter den Sümpfen der Oder. Hat ihn eine deutsche Granate erwischt oder eine Kugel aus einer Maschinenpistole? Kameraden, vermutlich, zerrten seinen Leichnam auf eine Wiese, nahmen ihm Pistole, Papiere, persönliche Gegenstände und Schuhe ab und bedeckten ihn mit Erde. Nichts markierte die Stelle. 75 Jahre lagen die Gebeine dort.

Jetzt aber wird ein neuer Deich gebaut zwischen Friedrichsthal und Schwedt. Kampfmittelräumer begleiten die Bauarbeiten. Und wenn sie einen Knochen finden, stecken sie einen Stab an die Stelle und rufen Joachim Kozlowski.

Der 48-Jährige, ergrauende Schläfen, straffe Gestalt, ist der Umbetter. Der einzige hauptamtliche Experte bundesweit, angestellt beim Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Kozlowski kommt mit seinem Pick-up an den Deich gefahren, auf der Ladefläche Spaten, Plastikwannen, Messstäbe. Bis zu 300 Kriegstote holt er jedes Jahr allein im Raum Brandenburg-Berlin aus der Erde. Die Arbeit wird ihm nicht ausgehen. „Es liegen hier bestimmt noch 30 000, die noch zu finden sind“, sagt er.

Die Schlacht um Berlin war die letzte und zugleich die blutigste des Zweiten Weltkriegs. 2,5 Millionen Sowjetsoldaten, 6250 Panzer, 41 000 Geschütze und 7500 Kampfflugzeuge griffen auf einer Linie von 300 Kilometern Breite an. Im Süden an der Neiße stand Marschall Iwan Konews 1. Ukrainische Front, in der Mitte, auf dem kürzesten Weg nach Berlin, Marschall Georgi Shukows 1. Weißrussische Front, weiter nördlich Marschall Konstantin Rokossowskis 2. Weißrussische Front. Shukow bot an den Seelower Höhen mehr als 900 000 Sowjetsoldaten auf, denen 130 000 Deutsche gegenüberstanden.

Shukow opferte allein zwischen dem 16. und 19. April 1945 rund 33 000 Männer, um den deutschen Widerstand auf den Seelower Höhen zu brechen und als Erster nach Berlin vorzustoßen. Die Opferzahlen in den letzten Kriegswochen insgesamt gehen in die Hunderttausende.

In Friedersdorf bei Seelow wohnt der Umbetter Kozlowski. Er ist aufgewachsen mit der Geschichte und den Hinterlassenschaften dieses letzten Gemetzels des Zweiten Weltkriegs. Auch auf seinem eigenen Grundstück hat er schon Kriegstote gefunden. Früher war er Rettungsassistent. Seine Kenntnisse über Anatomie hat er später in der Rechtsmedizin vervollkommnet. Aus den Jahren auf dem Rettungswagen hat Kozlowski einen Satz mitgebracht, den er auch an diesem sonnigen Aprilmorgen an der Oder wieder sagt: „Man darf nicht mit jedem Toten mitsterben.“ Er sagt das, während er die bräunlich verfärbten Knochen in die Plastikwanne legt, vorsichtig, einen nach dem anderen.

Der Krieg konnte an der Oder nie wirklich in die Vergangenheit übergehen. Auch in Friedrichsthal nicht. Während Kozlowski gräbt, beobachtet ihn der Nachbar von seinem Grundstück her aufmerksam. Dass hier noch ein Kriegstoter in der Erde liegt, wundert ihn überhaupt nicht. Er zeigt auf den Hang, der im zarten Grün der Birken und Robinien daliegt. „Dort oben ist noch alles voller Schützengräben. Da lag die Wehrmacht.“ Und dann zeigt er Richtung Fluss: „Von da kamen die Russen. Die hatten auch schwere Geschütze dabei.“

Eine Frau kommt mit einem etwa zehnjährigen Kind zu Kozlowski: „Darf der Junge mal zugucken?“, fragt sie. Der Umbetter müht sich um Fassung. „Wenn er 18 ist. Das hier ist wirklich nichts für Kinder. Und hier kann Munition liegen, das ist ein Sperrgebiet“, antwortet er ruhig. Die beiden ziehen ab.

„Das Mindeste ist ein würdiges Grab“: Joachim Kozlowski legt die Gebeine eines russischen Soldaten frei. Sternberg

Kozlowski trägt vorsichtig mit dem Spaten die oberste Erdschicht ab, dann tastet er mit den behandschuhten Händen in der Erde. Als Erstes bekommt er den Schädel zu fassen, der auf Höhe der Augenhöhlen zerbrochen ist. Vorsichtig legt er ihn in die Wanne. Er deutet auf das Gebiss: „Ein Deutscher hätte wahrscheinlich Amalgamfüllungen, ein Russe nicht. Dieser hat keine. Und sehen Sie die Abnutzungen an den Backenzähnen? An den Zähnen kann man erkennen, was die Leute gegessen haben.“

Kozlowski ist sich sicher: Die Backenzähne sehen aus wie bei einem, der gern Sonnenblumenkerne mit den Zähnen knackt – wie es in Osteuropa gängig ist. Der Tote vom Deich war also über die Oder gekommen, um den Krieg in Berlin zu beenden.

Bereits im Januar 1945 hatte die Rote Armee die Oder erreicht. Der Vormarsch durch Schlesien und Westpreußen war schnell gegangen, zu schnell für die Nachschublinien. Eine Offensive war noch nicht möglich. Währenddessen kamen auch die Alliierten im Westen schnell voran. Würden etwa die Amerikaner als Erste in Berlin sein? „Das deutsche Westheer begann sich langsam aufzulösen, was den Alliierten eine ganz neue Perspektive eröffnete: Die Reichshauptstadt Berlin schien zum Greifen nahe“, schreibt der Potsdamer Militärhistoriker Peter Lieb in seinem neuen Buch „Die Schlacht um Berlin und das Ende des Dritten Reichs 1945“.

Am 13. April 1945 überquerten US-Soldaten erstmals die Elbe bei Barby südlich von Magdeburg. „Die Amerikaner waren damit – wie die Rote Armee an der Oder – nur noch 80 Kilometer von Berlin entfernt. Lieb schreibt: „Der grundlegende Unterschied war allerdings: Während den sowjetischen Truppen an der Oder verhältnismäßig starke deutsche Verbände gegenüberstanden, lagen zwischen Simpsons 9. US-Armee und Berlin nur noch schwache deutsche Truppenteile.“ Dennoch erklärte US-Oberbefehlshaber Dwight D. Eisenhower zwei Tage später, dass die Einnahme Berlins „keinen Sinn“ habe.

Er befürchtete Spannungen mit Stalin, wenn die Amerikaner quasi durch die Hintertür den Sowjets den Hauptpreis des Sieges wegschnappen würden. Und Eisenhower wollte die GIs nicht in verlustreiche Straßenkämpfe mit Hitlers letztem Aufgebot in die Ruinen Berlins schicken. Lieb schreibt: „Es wäre zu Todesraten gekommen, die man den demokratischen Gesellschaften der USA und des Vereinigten Königreichs nur schwerlich hätte vermitteln können. Stalin hingegen kannte derlei Skrupel nicht.“

Der sowjetische Diktator spielte seine ehrgeizigen Befehlshaber Konew und Shukow gegeneinander aus, indem eine Abgrenzung ihrer Operationsgebiete unterblieb. Shukows Truppen erreichten als Erste die östlichen Bezirke Berlins, Konews und Rokossowskis Einheiten schlossen am 25. April den Ring bei Ketzin westlich von Potsdam. Berlin war nun eingekesselt. Hitler hatte sich in seinem Bunker verschanzt und die Hauptstadt zur „Festung Berlin“ erklärt.

Volkssturmmänner, Hitlerjungen und gerade volljährige Rekruten wurden verheizt, in einer Mischung aus Fanatismus und Angst vor dem Feind und den wild gewordenen Erschießungskommandos der eigenen Leute. Hitler selbst setzte seinem Leben im Bunker ein Ende.

Umbetter Kozlowski macht keinen Unterschied zwischen deutschen und sowjetischen Toten. Die Deutschen machen es ihm nur manchmal einfacher. Denn eigentlich will er den Gebeinen nicht nur ein Grab geben, sondern ihre Identität zurückholen. Und da stehen die Karten bei den Rotarmisten oft schlecht. Nur wenige trugen in diesen letzten Kriegsmonaten Erkennungsmarken. Die Uniformknöpfe sind aus schlechterem Metall als bei den Deutschen und verrotten schneller. Nur manchmal hat Kozlowski Glück: Einige sowjetische Orden haben auf der Rückseite eine Nummer, die ihren Träger verrät.

Jetzt kniet Kozlowski auf der Erde und streicht mit einem Metalldetektor über den Boden. Das Gerät war früher mal am Flughafen im Einsatz. Kozlowski wartet auf das charakteristische Piepen. Munition, Orden, Knöpfe, Eheringe, Armbanduhren im Dutzend – er hat schon alles gefunden rund um seine Toten. Er hat auch auf provisorischen Lazarettfriedhöfen gegraben, etwa in Potsdam: „Verbände halten sich erstaunlich gut“, berichtet er. „Und einmal habe ich eine chirurgische Schere gefunden, die schnitt noch einwandfrei.“

Auch andere teilen diese Faszination für die Überreste des Krieges, auch andere gehen mit Metalldetektoren durch die Wälder. Aber diese anderen sind aufs Geschäft aus, die Toten scheren sie nicht. Militariahändler und Kriegsschatzsucher – für Kozlowski sind sie neben Zeit und Zersetzung die eigentlichen Gegner seiner Arbeit. „Sie nehmen alles, was sie verkaufen können, und ich soll die Knochen wegräumen“, sagt er aufgebracht. Erkennungsmarken, persönliche Gegenstände, alles findet seinen Markt. „Diese Leute nehmen den Toten ihre Identität.“

Endlich gibt Kozlowskis Metalldetektor ein Piepen von sich. Der Umbetter holt ein rundliches Etwas aus der Erde, ebenso bräunlich verfärbt wie die Knochen. Er klopft damit gegen seinen Spaten, es klingt metallisch. „Ein Uniformknopf, endlich“, sagt er. „Wenn wir den Rost freibürsten, werden wir einen Stern sehen.“

Der Metalldetektor piept ein weiteres Mal. Noch ein Knopf, völlig verrostet. Sonst nichts mehr. Der Tote aber ist einfach auszubetten, „fein säuberlich in Rückenlage, komplettes Skelett. Der ist hier ordentlich notdürftig verscharrt worden“. Wer auch immer das vor 75 Jahren tat, entfernte aber auch alles, was auf die Identität des Toten hindeuten könnte.

So werden die Gebeine als „unbekannter Soldat“ auf dem Soldatenfriedhof in Lebus im Oderbruch bestattet. „Zubettungsfriedhof“ nennt sich das. Die deutschen Toten, die Kozlowski findet, kommen auf die Kriegsgräberstätte nach Lietzen, ebenfalls im Oderbruch.

Auf dem „Zubettungsfriedhof“ für die Rotarmisten wird bald auch der prominenteste unbekannte Tote bestattet, den Kozlowski gefunden hat, im vergangenen Herbst im Garten der Villa Kellermann in Potsdam, die Günther Jauch gehört. Bei dem Toten fanden sich Infanteriemunition der Roten Armee und eine Zeitungsseite mit kyrillischer Schrift, sonst nichts. Er blieb ein weiterer unbekannter Rotarmist. Auch eine Obduktion in der Potsdamer Rechtsmedizin ergab keine weiteren Anhaltspunkte.

Kozlowski wird die Gebeine dort bei Gelegenheit abholen, dann kommen der Tote aus Jauchs Garten, der Rotarmist vom Oderdeich und Dutzende weitere in ihr Grab ohne Namen. 43 Kriegstote waren es allein auf 1,8 Kilometern Deichbau bei Friedrichsthal in den vergangenen zwei Jahren. Beim Toten dieses Frühlingstags ergeben sich zumindest Hinweise auf die Todesursache: Am rechten Oberschenkelhals ist ein großes Stück abgesplittert. Wenn der Rotarmist dort im Beckenbereich von einem Geschoss getroffen wurde, ist er in kürzester Zeit verblutet.

Den Oberschenkelknochen holt Kozlowski dann noch einmal auf der Ladefläche seines Pick-ups hervor und legt ihn an den Messstab an: 46 Zentimeter ist der Knochen lang, das ergibt eine vermutliche Körpergröße von 1,69 Metern. Die Abnutzung der Gelenke lässt Kozlowski ein Alter von 30 Jahren aufwärts schätzen. Hatte der Soldat eine Frau, hatte er Kinder? Haben sie je erfahren, wo er vor 75 Jahren ins Frühlingsgras stürzte und nicht mehr aufstand? Kozlowski kann es nicht mehr herausfinden. Aber er kann ihn bestatten lassen.

Bei etwa der Hälfte findet sich ein Name, bei allen dasselbe Schicksal: Sie gehörten zu den letzten Opfern des blutigsten Kriegs auf Europas Boden. „Das Mindeste, was man für sie tun kann“, sagt Joachim Kozlowski, „ist ihnen noch ein würdiges Grab zu geben.“

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