+
Vor der Paulskirche: Daniel Cohn-Bendit durchbricht die Barrikaden.

Daniel Cohn-Bendit

Der Mann, der 1968 verkörpert

  • schließen
  • Bernd Messinger
    schließen

Daniel Cohn-Bendit interessierte sich nicht die Bohne für Gesellschaftstheorie. Sein Feld war die Praxis, die politische Aktion. Damit verkörpert er den Mythos von 1968.

Im Juli kam Daniel Cohn-Bendit in Frankfurt an, in der Stadt, in der das Jahr der Revolte in vollem Gange war. Doch bei den Wortführern des Aufstands dort war der Held des Mai 1968 in Paris keineswegs willkommen. Der 72-jährige erzählt davon heute noch in einer Mischung von Amüsement und Ernst. „Mein Status als Star der Revolte war für die Platzhirsche in Frankfurt ein Problem“, urteilt er. Und: „Es ging um unerwünschte Konkurrenz.“

KD Wolff mag dies allerdings so nicht bestätigen. Der damalige Bundesvorsitzende des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) betont, er sei damals „nicht eifersüchtig“ auf den Star der Bewegung aus Frankreich gewesen. Allerdings macht Wolff, heute Verleger des Stroemfeld-Verlages, kein Hehl daraus, dass sich Cohn-Bendits und seine politische Praxis erheblich unterschieden. „Ich habe seine Art, Politik zu machen, immer wichtig und interessant gefunden.“ Wolff hat damals die Klassiker der Gesellschaftstheorie und Philosophie gelesen von Marx/Engels bis Hegel, er interessierte sich brennend für den Soziologen Theodor W. Adorno und dessen Schriften wie etwa die „Dialektik der Aufklärung“ und besuchte dessen Vorlesungen, um sich dort auch mit Adorno auseinanderzusetzen.

Cohn-Bendit interessierte sich dagegen nicht die Bohne für Gesellschaftstheorie. Sein Feld war die Praxis, die politische Aktion. „Ich hab mich zwar eingeschrieben in Soziologie in Frankfurt, aber ich hatte nicht das Ziel, zu studieren, lacht er noch heute. Er besuchte keine Vorlesungen und Seminare und las auch nur wenige der Bücher, die bei den Studenten damals Kultstatus besaßen. „Ich besaß überhaupt keine Faszination für Adorno“, sagt er offen. Ein ziemlich gespanntes Verhältnis entwickelte er zu Hans-Jürgen Krahl, dem Studentenführer, der bis heute als intellektueller Kopf der Frankfurter Revolte gilt. Krahl lieferte sich ausgedehnte Wortgefechte in den Vorlesungen etwa mit Adorno. „Er sprach gestochen scharf im Duktus der Kritischen Theorie“, erinnert sich Cohn-Bendit, um gleich hinzuzufügen: „Das war nicht mein Politikstil.“ Für ihn war Krahl, wie er spöttisch sagt, „der König der Abstraktion.“

Nein, Cohn-Bendit liebte statt dessen die großen, mitreißenden Auftritte, die fetzigen Reden vor größerem Publikum bei den Teach-ins, bei denen es immer um das große Ganze zu gehen schien. „Daniel Cohn-Bendit war eine Erscheinung, die einen eigenen Theaterrang besaß, er ist komödiantisch aufgetreten“, sagt in der Erinnerung der Schriftsteller Peter Härtling. „Unter dem Tarnkäppchen“ des Spaßvogels habe der Revolutionär freilich stets die ernsthafte Absicht verfolgt, die Gesellschaft zu verändern.

Cohn-Bendit hatte schon in seiner Zeit an der Universität von Nanterre Kontakt zu den Frankfurter Genossen geknüpft. Im Februar 1968 besuchte ihn KD Wolff an der französischen Universität und die beiden freundeten sich an. Und doch: Aus der Sicht Cohn-Bendits war der SDS in Frankfurt viel zu theorielastig und schwerblütig. „Ich habe den SDS immer mehr als ein Soziologie- und Politologie-Seminar empfunden,“ so Cohn-Bendit. Er wusste, dass er umgekehrt von den SDS-Aktivisten dafür „als Aktionist belächelt“ wurde. Doch das nahm er in Kauf. „Die Bewegung in Frankfurt war sehr kopflastig“: Bei diesem Urteil bleibt er.

Denn für ihn gab es ... mehr als nur die politische Theorie und den Anspruch, die Gesellschaft zu verändern. „Es sollte auch Spaß machen“, sagt er schlicht. Die täglichen Demonstrationen durch die Stadt, die Auseinandersetzungen mit der Polizei, die Sprechchöre, die Aufrufe mit dem Megafon, auf dem Höhepunkt dann die Besetzung der Universität: Bei alledem war ihm auch der Spaßfaktor wichtig. Er wollte leben und gut leben und keine Zeit vergeuden. „Meine Doktorarbeit habe ich auf der Straße gemacht.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion