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Manilas erzwungener Klimaschutz

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Von: Felix Lill

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Juli 2020: Die Menschen stehen Schlange in der Stadt, um sich an einem Aktionstag einen Helm und Reflektoren abzuholen.
Juli 2020: Die Menschen stehen Schlange in der Stadt, um sich an einem Aktionstag einen Helm und Reflektoren abzuholen. © Imago

Der Verkehr in der philippinischen Hauptstadt ist bislang vor allem motorisiert. Jetzt steigen die Menschen zunehmend aufs Rad um – auch weil die Benzinpreise für viele unbezahlbar sind.

Red Constantino traut sich kaum, es auszusprechen. Aber dann tut er es doch: „Also, wenn dieser Krieg in der Ukraine irgendwo auf der Welt auch etwas Gutes ausgelöst hat, dann wohl hier in Manila.“ Er deutet auf ein Fahrrad, das er mitten in seinem Büro geparkt hat. „Damit bin ich jetzt nicht mehr der Einzige. Es werden immer mehr. Und das ist etwas wirklich Gutes.“

Red Constantino ist Vorsitzender der NGO „Institute for Climate and Sustainable Cities“ (ICSC), die sich seit Jahren dafür einsetzt, den Verkehr in der philippinischen Hauptstadt – und auch überall sonst im Land – neu zu denken. Sie fordert ein flächendeckendes Schienennetz und Fahrradspuren auf den Straßen. Lange fand Constantino damit wenig Gehör. Doch jetzt tut sich etwas.

Der Ukraine-Krieg hat auch auf den Philippinen vieles verändert. Bisher galten Menschen, die lieber aufs Fahrrad steigen, in den Augen der Mehrheit oft als arm oder elitäre Hipster. Die Standardtransportmittel im Land wie die Jeepney genannten Minibusse oder das Auto haben einen Motor und fahren mit Benzin. Allerdings ist das über die vergangenen Monate ein teures Vergnügen geworden, seit die Ölpreise stark angestiegen sind.

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Vor allem in der stark motorisierten 13,5-Millionen-Metropole Manila hat dies zu Verwerfungen geführt. Zahlreiche Jeepney-Fahrer:innen, deren Kleinbusse ein billiges Transportmittel waren, gaben ihre Jobs auf: Sie mussten höhere Preise verlangen, als die Kundschaft zahlen konnte. Auch die Taxifahrer:innen sind wegen der hohen Kosten in Schwierigkeiten geraten.

„Das ist natürlich ein soziales Problem, weil viele Menschen jetzt ihre Jobs verloren haben“, sagt Red Constantino. Aber aus stadtplanerischer und umweltpolitischer Perspektive kommt der Preisschock gerade richtig. Seit Jahren hat Manila weltweit einen Ruf als Metropole, die täglich im Verkehrschaos versinkt.

Inmitten von Wirtschaftswachstum und Urbanisierung wurde das Auto spätestens in den 1980er Jahren zum Statussymbol einer zahlenmäßig wachsenden Mittelschicht. An eine Verlagerung auf den Schienenverkehr dachte die Regierung damals nicht. Und wegen seines ungünstig strukturierten, noch aus Zeiten der spanischen Kolonialzeit stammenden Straßennetzes war Manila von Anfang an höchst anfällig für Staus. Die wachsende Zahl an Autos tat ihr Übriges.

Fokus auf fossilen Brennstoffen

Der Inselstaat Philippinen gehört zu den vom Klimawandel am stärksten betroffenen Ländern. Entsprechend zählt der Staat bei internationalen Klimaverhandlungen zu den lautesten Vertretern der Forderung nach einer Art der Klimagerechtigkeit, bei der Industriestaaten sowohl Klimaschutz als auch die Anpassung ärmerer Länder an den Klimawandel finanzieren.

Die Regierung erließ 2009 ein Gesetz, mit dem Schritte zur Verringerung von Risiken wegen Naturkatastrophen in die Anpassungspläne an den Klimawandel sowie die Armutsbekämpfung integriert werden sollten. Auf das Pariser Klimaabkommen hin hatte sich Manila dazu verpflichtet, die CO2-Emissionen bis 2030 um 70 Prozent zu senken. Im April 2021 hob die Regierung das Ziel auf 75 Prozent an. An konkreten Schritten mangelt es bisher jedoch.

Der Energiemix besteht vor allem aus fossilen Brennstoffen (47 Prozent Kohle, 22 Prozent Erdgas, sechs Prozent Erdöl), erneuerbare Energien kommen auf rund ein Viertel (Daten von 2020). fxl

Zwar reagierten die Stadtplaner:innen kreativ. Als der Boden keinen Platz mehr für neue Straßen bot, baute man sie überirdisch auf Säulen. Eine vor einigen Jahren erlassene Regulierung sieht zudem vor, dass Autos mit bestimmten Nummernschildern nur noch an bestimmten Tagen fahren dürfen. Nur führte dies dazu, dass sich viele Menschen ein weiteres Auto kauften, um weiterhin jeden Tag fahren zu können.

Längst ist die Verkehrslage zu einem Problem für Umwelt und Gesundheit geworden. In der zentral gelegenen Stadt Quezon City, die zum Metropolverbund Manila gehört, macht der Verkehr 15 Prozent der CO2-Emissionen aus. Das Geschehen auf den Straßen ist auch für den Großteil der Feinstaubbelastung verantwortlich. So hängen laut dem internationalen Städteverbund C40 allein in Quezon City jedes Jahr fast 4000 verfrühte Todesfälle mit der schlechten Luftqualität zusammen. Für ganz Manila dürfte der Wert demnach um ein Vielfaches höher liegen.

Doch es zeigt sich ein Wandel, den die Folgen des Ukraine-Kriegs wohl nur beschleunigen. Eine Umfrage der Weltbank ergab zuletzt, dass immer mehr Menschen auf das Rad umsteigen. Mehrere Mitarbeiterinnen von Red Constantinos ICSC zählten schon im Sommer vergangenen Jahres an verschiedenen innerstädtischen Straßen die Zahl der Radfahrer:innen und schätzten sie täglich auf eine halbe Million. Pandemiebedingte Transportbeschränkungen hatten viele Berufstätige zum Umdenken gezwungen.

Jetzt, wo die Corona-Vorschriften wieder zurückgenommen worden sind, bleibt das Radfahren wegen der hohen Benzinpreise attraktiv. Im Juni forderte der Parlamentsabgeordnete Joseph Victor Ejercito mehr und sicherere Radwege. Die großen Zeitungen berichteten darüber – begleitet von der Forderung, dass Manila hier dringend etwas tun müsse. Seit Beginn der Pandemie wurden zumindest 500 Kilometer Fahrradwege gebaut.

Red Constantino nimmt auch eine neue Offenheit bei den lokalen Regierungen wahr: „Sie sind zwar noch immer von der irren Idee besessen, dass sich Verkehrsprobleme lösen lassen, indem man mehr Straßen baut, obwohl man in Wahrheit alternative Transportmittel fördern muss.“ Aber zumindest hörten die Stadtplaner den Vorschlägen von Personen wie Constantino heute eher zu. Und je mehr Menschen Rad fahren, desto besser dürften seine Argumente sein.

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