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Manifest gegen den Völkermord

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Von: Arno Widmann

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Gedanken zu Karl Mays „Winnetou“ von Arno Widmann

Alle paar Jahrzehnte gibt es eine Debatte um Karl Mays Rassismus. Der Mann lebte schließlich zwischen 1842 und 1912, in der Hochzeit des Imperialismus und des Kampfes des Deutschen Reiches um einen „Platz an der Sonne“. Er konnte dem Zeitgeist eben nicht entfliehen. So ein Gutteil der Argumentation.

Wer Karl May nach dem Zweiten Weltkrieg las, der las ihn ganz anders. Väter und Großväter hatten gerade an fast ganz Europa ihr rassistisches Überlegenheitsmütchen ausgetobt. Sie waren ausgezogen die „rassisch minderwertigen“ Völker zu unterwerfen, um „Lebensraum“ für die eigene Bevölkerung zu erwerben. Das Ergebnis war ein in Trümmern liegendes Deutschland. Und die Erfahrung, dass auf den totalen Krieg die totale Niederlage folgte. Der Wahn von der eigenen Überlegenheit zerstob erst einmal. Bis er sich später im Jubel über das „Wirtschaftswunder“ langsam wieder aufbaute.

Karl Mays „Ich-Erzähler“ war kein Imperialist, der andere Völker bekriegte. Er war ein Angestellter einer Eisenbahngesellschaft oder ein Reisender, der überall auf Menschen traf, die er achtete und wertschätzte. Und Winnetou gar, den Häuptling der Apachen, liebte er.

Ich sollte vielleicht hinzufügen, dass die Romanfigur Häuptling der Mescalero-Apachen war. In der Debatte um den deutschen Terrorismus spielte 1977 der Buback-Nachruf des „Göttinger Mescalero“ eine große Rolle. Der Versuch, gegen die „klammheimliche Freude“ über die Ermordung des Generalbundesanwalts auch in der radikalen Linken die Vernunft sprechen zu lassen, war die Stimme Winnetous.

Aber zurück zur „Winnetou“-Lektüre nach dem Krieg. Die Verständigung der Völker war möglich, erzählte uns damals Karl May. Es war ja nicht nur der Ich-Erzähler, der auf Winnetou zugegangen war, sondern auch Winnetou war dem Weißen entgegengekommen. Winnetou wird im Laufe von Karl Mays Erzählung zum Inbegriff wahrer Humanität – ein ins wirkliche Leben gekommenes Ideal. Eine Jesusfigur. Das ist natürlich Quatsch und hat mit der Realität nichts zu tun. Aber Karl May erzählt Märchen, in denen Helden auftreten und Abenteuer erleben. Vielleicht das älteste erzählerische Genre. Auch dass Realität und Religion, Liebe und Hass, Erniedrigung und Beleidigung hineingemischt werden, ist nichts Besonderes.

Karl May war kein Sänger des Imperialismus. Im Gegenteil. Er schrieb gegen ihn an. Allerdings ebenfalls mit alten Klischees. Winnetou ist nicht nur eine Jesusfigur, sondern auch eine der Inkarnationen des „edlen Wilden“, also eine der Figuren, die die europäische Literatur spätestens seit Tacitus erfunden hatte, um der eigenen Zivilisation einen wenig schmeichelnden Spiegel entgegenzuhalten.

Einen der schönsten Texte zu diesem Thema veröffentlichte der Baron de Lahontan im Jahre 1703. Es sind Dialoge mit dem Irokesen Adario über Religion, Moral und Demokratie. Der Weiße redet von Glauben und Herrschaft, der Irokese von Vernunft und der Kommunikation unter Gleichen. Was davon auf realen Gesprächen basiert, die Lahontan in den französischen Kolonien Nordamerikas mit Indigenen geführt hatte, was davon Lahontans Erfindung ist, darüber streiten die Gelehrten.

Die Sünde, seinerseits am Bild des „edlen Wilden“ gearbeitet zu haben, hat Karl May begangen. Die Realität hat er sicher verfehlt. Wenn er denn je auf sie gezielt hatte. Seine Allmachts-fantasien teilten sich beim Lesen mit. Aber es waren seine, nicht die seiner „Rasse“. Es waren die Allmachtsfantasien eines Erzählers. Sie zielten nicht auf Vernichtung anderer. Nun ja, der Held musste gewinnen. Jedes seiner Abenteuer.

Brauchen wir solche Geschichten? Ich bin Jahrzehnte lang ohne sie ausgekommen. Aber die Welt um mich sah „Indiana Jones“ und „Star Wars“. Auch unsere Väter und Großväter – und etliche Mütter und Großmütter ebenfalls – hatten Karl May gelesen. Die Lektüre hatte sie nicht davon abgehalten, zu Rassisten zu werden. Wie Karl May auch mich nicht zu einem Pazifisten gemacht hat.

Wissen Sie noch, wie „Winnetou Band 1“ beginnt? Ich wusste es nicht mehr, aber als ich den Anfang jetzt wieder las, war alles wieder da: „Lieber Leser, weißt du, was das Wort ,Greenhorn‘ bedeutet?“ Aber in der Ausgabe auf meinem Lesegerät ist diesem Anfang eine Einleitung vorangestellt, die ich noch nie wahrgenommen hatte. Darunter steht als Autorenangabe „der Verfasser“. Die „Winnetou“-Romane, so erklärt diese Einleitung, seien als ein Denkmal gedacht, das der Autor Winnetou errichten wolle, „und wenn der Leser, welcher es mit seinem geistigen Auge schaut, dann ein gerechtes Urteil fällt über das Volk, dessen treues Einzelbild der Häuptling war, so bin ich reich belohnt“.

Der Erzähler sitzt am Sterbebett der indigenen Völker Amerikas. „Der Weiße kam mit süßen Worten auf den Lippen, aber zugleich mit dem geschärften Messer im Gürtel und dem geladenen Gewehre in der Hand. Er versprach Liebe und Frieden und gab Hass und Blut ... Wollte der Rote sein gutes Recht geltend machen, so antwortete man ihm mit Pulver und Blei.“

Als im Jahre 1893 drei Bände „Winnetou, der rote Gentleman“ (so der ursprüngliche Titel der Trilogie) erschienen, war Sitting Bull, der 1885 nichts mehr als eine Nummer in der Wildwest-Show von Buffalo Bill gewesen war, seit drei Jahren tot. Die „Indianer“ waren massakriert worden. „Winnetou“ sollte, so hatte es sich Karl May gedacht, ein Nekrolog werden. Eine Erinnerung an den Völkermord und eine Reflexion darüber: „Welche eigenartigen Kulturformen werden der Menschheit durch den Untergang dieser Nation verloren gehen? Dieser Sterbende ließ sich nicht assimilieren, weil er ein Charakter war, musste er deshalb getötet, kann er nicht gerettet werden?“

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