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Blumen für die Opfer in Hanau.

Interview

„Die AfD ist mitverantwortlich dafür, dass psychisch Kranke rassistisches Gedankengut vermehrt aufgreifen"

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Psychiater Stompe über die Schuldfähigkeit des mutmaßlichen Täters von Hanau.

Herr Stompe, wie ist Ihr Eindruck vom psychischen Zustand des mutmaßlichen Attentäters?

Der mutmaßliche Täter hatte offensichtlich eine psychische Störung, die in Richtung einer paranoiden Schizophrenie ging, wobei auch als komorbide Diagnose eine narzisstische Persönlichkeitsstörung im Raum stehen dürfte. Nach dem, was man über das sogenannte Manifest weiß, hat sich Tobias R. persönlich von Geheimdiensten bedroht und verfolgt gefühlt. Das deutet auf eine schwere psychotische Erkrankung hin.

Ist eine solche Erkrankung schon eine Entschuldigung für die Tat?

Nein, das ist ein komplizierter Abwägungsprozess. Bei einer Persönlichkeitsstörung stellt sich die Frage der Schuldfähigkeit in den meisten Fällen nicht, bei einer Schizophrenie schon. Menschen mit Persönlichkeitsstörungen sind für gewöhnlich schuldfähig, während man bei einer Schizophrenie davon ausgeht, dass es sich um eine psychische Erkrankung handelt, die mit einer Schuldunfähigkeit einhergeht.

Der norwegische Attentäter Anders Breivik wurde trotz einer Persönlichkeitsstörung und einer psychisch relevanten Erkrankung für voll schuldfähig erklärt.

Thomas Stompe, Jahrgang 1959, ist Facharzt für Psychiatrie und Neurologie in Wien.

Der Fall Breivik ist durchaus mit dem von Tobias R. vergleichbar. Ich rechne auch im Fall Hanau mit einem langen Abwägungsprozess und einander widersprechenden Gutachten.

Wann wird Wahn zum Terror?

Das Problem ist, dass psychisch Kranke immer wieder auch Inhalte aufgreifen, die gesellschaftlich relevant sind. Wenn sich jemand verfolgt fühlt, greift er Themen auf, die medial präsent sind, wie die Angst vor Ausländern, die Xenophobie. Er baut seinen Verfolgungswahn auf dieser kulturellen Matrix auf, für die eigentlich andere verantwortlich sind.

Auf welcher kollektiven Matrix basierte der Verfolgungswahn von Tobias R.?

Rechtsextreme Ideologien spielen eine entscheidende Rolle. Diese bereitliegende kulturelle Matrix wird von einem offenbar psychisch schwer kranken Menschen aufgegriffen und mit seiner persönlichen biografischen Problematik verwoben. So hat zum Beispiel der mutmaßliche Attentäter von Hanau wie häufig bei den sogenannten Incels – also unfreiwillig zölibatär lebenden Männern – Ausländer und Fremde für übermächtig potent gehalten und daraus seine eigene Erfolglosigkeit bei Frauen erklärt. Daraus wiederum resultierte ein Teil seines Hasses auf Fremde.

Wie groß ist der Schritt vom Wahn zur Tat?

Bestimmte Wahninhalte erhöhen die Wahrscheinlichkeit für ein Gewaltdelikt, wenn sich der Betroffene von dem vermeintlichen Verfolger schwer bedroht oder beeinträchtigt fühlt und wenn sich zusätzlich auf dieser erlebten Bedrohung eine hohe Aggressionsspannung mit dem Bedürfnis, den Gegner ausschalten zu müssen, aufbaut. Häufig haben diese Kranken die Überzeugung, eigentlich in einem Akt von Notwehr zu handeln oder ein Zeichen setzen zu müssen. Insgesamt ist die Wahrscheinlichkeit eines Gewaltdelikts im Vergleich zur Allgemeinheit zwar erhöht, die Gefahr, Opfer zu werden, ist trotzdem sehr gering. Die meisten Kranken mit einem vergleichbaren Wahn sperren sich zu Hause ein und meiden die Öffentlichkeit, manche bringen sich um aus Angst vor den Verfolgern, nur sehr wenige werden selbst zu Tätern.

Welche Verbindungen gibt es zwischen psychisch kranken Einzeltätern und rassistischen Ideologien?

Bedenklich ist, dass gewisse Ideen innerhalb der Gesellschaft, die seit der NS-Diktatur über Jahrzehnte mehrheitlich geächtet waren, wieder hoffähig geworden sind, nicht zuletzt durch Parteien und Gruppierungen wie die AfD, die im Internet sehr aktiv und im öffentlich-politischen Leben präsent sind. Die AfD ist damit mitverantwortlich dafür, dass psychisch Kranke rassistisches Gedankengut vermehrt aufgreifen.

Die völkischen Theorien gehen von einer „Umvolkung“, vom Austausch der Bevölkerung aus. Handelt es sich dabei um ein pathologisches Phänomen?

Der einzelne psychotische Mensch kann Angst entwickeln, weil ihn jemand zum Beispiel komisch anschaut. Er gibt einem realen Ereignis eine abnorme Bedeutsamkeit, die er auf sich bezieht, und das ist pathologisch. Bei dem angesprochenen kollektiven Wahn verhält es sich anders. Da geht es um Menschen, die sich durch die Globalisierung oder ähnliche Faktoren in ihrer gesellschaftlichen Position gefährdet fühlen und versuchen, Schuldige – zumeist Angehörige von Minderheiten – auszumachen.

Interview: Jörg Köpke

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