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Porträt von Kaiser Wilhelm II., dem letzten deutschen Kaiser, aus dem Jahre 1905. Am 27. Januar 1859 wurde der Kaiser in Potsdam geboren. Das "Wilhelmische Zeitalter" endete nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg am 10. November 1918, als der deutsche Kaiser ins holländische Exil ging, wo er am 4. Juni 1941 auf Schloss Doorn starb.

Aus Mangel strebte er zum Militär

Eingekeilt zwischen einem schwachen Vater und einer fordernden Mutter: Kaiser Wilhelm II. machte es nicht nur den deutschen Führungsschichten schwerAm 1. August 1914 brach der Erste Weltkrieg aus. In seinem Beitrag zeichnet der Historiker Wolfgang J. Mommsen ein anderes Bild des letzten deutschen Kaisers.

Von WOLFGANG J. MOMMSEN

Die Persönlichkeit Wilhelms II. und seine Rolle in der jüngeren deutschen Geschichte haben die deutsche und die internationale Forschung in den letzten Jahren intensiv beschäftigt. Nachdem lange die Tendenz vorherrschte, den tatsächlichen Einfluss des Kaisers auf die politischen Entscheidungsprozesse eher gering einzuschätzen, hat John Röhl seit geraumer Zeit und jüngst in einer großen, und eindrucksvoll dokumentierten Biographie (die allerdings bisher nur bis zur Jahrhundertwende gediehen ist) den Monarchen erneut als eigentlichen Entscheidungsträger im Kaiserreich in den Mittelpunkt der Betrachtung gerückt und die Fehlentwicklungen der deutschen Politik, die in die "Urkatastrophe" des Ersten Weltkrieges (Kennan) hineingeführt hat, ganz wesentlich zugerechnet.

Wenn dies so ist, und zumindest auf den ersten Blick spricht Röhls überwältigendes Quellenmaterial eindeutig dafür, so stellt sich die Frage, weshalb die deutschen Führungsschichten das "persönliche Regiment" Wilhelms II. hingenommen haben, obschon dessen schädliche Auswirkungen auf die Stellung des Deutschen Reiches in der Welt auf die Dauer schwerlich zu übersehen waren.

Max Webers scharfes Urteil

Wohl am schärfsten hat Max Weber 1906 diese Frage aufgeworfen: "Das Maß von Verachtung, welches uns als Nation im Ausland (Italien, Amerika, überall! Nachgerade - mit Recht! Das ist entscheidend - entgegengebracht wird, weil wir uns dieses Regime dieses Mannes gefallen lassen, ist nachgerade ein Machtfaktor von erstklassiger weltpolitischer Bedeutung für uns geworden".

John Röhl hat die große Machtstellung des Kaisers und die Bereitschaft der führenden Eliten, sich dessen wechselnden, durchgängig persönlich motivierten, Bestrebungen immer wieder willig zu unterwerfen, auf den so genannten Königsmechanismus zurückgeführt, mit anderen Worten auf die durchgängig bestehende Abhängigkeit der Führungseliten von den selbstherrlichen und nicht selten willkürlichen Personalentscheidungen des Kaisers.

Insofern spricht er auch von Neoabsolutismus, der diesem ganz auf den Monarchen zentrierte Herrschaftssystem eigen gewesen sei. Ohne doch diesen Sachverhalt als solchen in Abrede stellen zu wollen, halten wir dafür, dass die Verhältnisse weit vielschichtiger waren und es verfehlt wäre, Wilhelm II. zum eigentlichen Verantwortlichen für das Scheitern nicht nur der deutschen Außenpolitik der letzten Jahrzehnte vor 1914, sondern auch die verhängnisvollen Entwicklungen im Innern verantwortlich zu machen.

Wilhelm, der älteste Sohn Friedrich Wilhelms und seiner englischen Gemahlin Viktoria, war unter nicht eben günstigen Auspizien aufgewachsen. Sein Vater, der Kronprinz Friedrich Wilhelm, der am Ende, als er bereits todkrank mit Kehlkopfkrebs darniederlag, für drei Monate als Friedrich III. deutscher Kaiser wurde, war durch lange Jahre des Wartens auf den Thronwechsel, welches einer Existenz am Rande der politischen Macht gleichkam, zermürbt.

Er galt den Zeitgenossen freilich gemeinhin ohnehin als willensschwach und nachgiebig. Der Umstand, dass ihm, nachdem er im deutsch-französischen Krieg von 1870 / 71 immerhin beachtenswerte Erfolge als Heerführer hatte verzeichnen können, nicht viel mehr zu tun blieb, als die Pflege von Kunst und Wissenschaft, hat nicht zuletzt auch seine väterliche Autorität gegenüber seinem Sohn Wilhelm geschwächt, der mit den Jahren eine enge Bindung an seinen Großvater Wilhelm I. einging, welche durchaus in Konkurrenz zu jener des eigenen Vaters stand.

Dominierend war freilich von Anbeginn der Einfluss der Gattin des Kronprinzen und späteren Kaisers, Viktoria von Preußen, die kein Hehl daraus machte, dass sie Preußen und Deutschland in außenpolitischen Dingen gern an der Seite Großbritanniens gesehen hätte und die auch ihren Mann dafür gewonnen hatte, dass Deutschland ein fortschrittliches Regiment nach englischem Vorbild führen müsse. Dies aber führte unter den damaligen Verhältnissen in Preußen-Deutschland, nicht ohne kräftiges Zutun Bismarcks, der hier mit einigem Recht Gefahren für seine eigene Stellung ausmachte, dazu, dass das Kronprinzenpaar, namentlich aber Viktoria selbst, zunehmend politisch isoliert wurde und namentlich von konservativer Seite als undeutsch und potentiell gefährlich angefeindet wurde, während die ursprünglich vorhandene Gefolgschaft im Lager des gemäßigten Liberalismus immer mehr dahinschwand.

Viktoria, die älteste Tochter der britischen Königin Viktoria und des Prinzen Albert, war von Anbeginn geneigt, ihren Sohn Wilhelm an dem großen Vorbild ihres Vaters, der freilich schon 1861 verstorben war, zu messen. Sie fand, dass ihr eigener Sohn auf ganzer Linie hinter dem hehren Vorbild des Prinzen Albert zurückblieb, und dies besserte sich auch nicht im Lauf der Jahre. Es kam hinzu, dass Wilhelm aufgrund von Komplikationen bei seiner Geburt eine leicht verkrüppelte linke Hand und einen verkürzten linken Arm hatte, was seine Mutter als einen schwerwiegenden Makel empfand und durch rigorose, ziemlich schmerzhafte Behandlungsmethoden zu korrigieren suchte, welche am Ende erfolglos blieben. Unzweifelhaft hat der junge Wilhelm unter der Einstellung seiner Mutter mehr noch gelitten als unter den Strapazen, die mit diesen aufwendigen Behandlungsmethoden verbunden waren.

Auch sonst waren die Bedingungen, unter denen der junge Wilhelm aufwuchs, nicht eben besonders günstig. Auch wenn die Kronprinzessin ungeachtet ihrer Ausstellungen ihrem Sohn durchaus mütterliche Liebe entgegenbrachte, litt Wilhelm gleichwohl an einem Defizit an persönlicher Zuwendung.

Als dann späterhin für den künftigen Thronfolger ein Erzieher gesucht wurde, fiel die Wahl des Kronprinzenpaars auf Dr. Georg Ernst Hinzpeter, einen Mann von unbezweifelbar hohen intellektuellen Gaben, aber, wie Stockmar bezeugte, von "spartanischer Gefühlskälte", also gewiss nicht das, was der junge, durch die persönlichen Lebensumstände einigermaßen verunsicherte Prinz eigentlich gebraucht hätte. Wilhelm wurde von Hinzpeter einem ausgeprägt puritanischen, überaus harten Erziehungsreglement unterworfen, das vor allem die Tugenden des Pflichtbewusstseins und unbedingter Disziplin vermitteln sollte, zugleich aber ihn zwang, ein breites Wissen auf vielen Gebieten zu erlangen, wie es ein künftiger Monarch nun einmal nötig haben werde. Später trat noch ein militärischer Erzieher hinzu, der freilich nicht im gleichen Maße in die Erziehung des Prinzen eingriff.

Unzufriedene Eltern

Insgesamt wurde die Erziehung Wilhelms, in die das Kronprinzenpaar so viele Erwartungen gesetzt hatte, nicht der erhoffte Erfolg. Der Besuch eines bürgerlichen Gymnasiums in Kassel und anschließend das Studium an der Universität Bonn hatten nicht dazu geführt, dass Wilhelm zu einer weltoffenen, umfassend gebildeten Persönlichkeit mit liberalen Neigungen geworden war, und auch seine charakterlichen Eigenschaften ließen nach Ansicht vornehmlich seiner Eltern zu wünschen übrig; er galt mit einigem Recht als arrogant, gefühlskalt und selbstbezogen, egoistisch und ohne jegliches Taktgefühl, mit einer Neigung zu maßlosem bramabarsierenden Auftreten. Man wird wohl nicht falsch liegen, wenn man davon ausgeht, dass Wilhelm schon früh die Neigung entwickelte, sich in ein militärisches Ambiente zu flüchten, in dem seine Unsicherheit und seine Minderwertigkeitsgefühle durch die dort bestehenden Reglements aufgefangen wurden.

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