Der Sozialdemokrat Manfred Stolpe galt als Kümmerer. 
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Der Sozialdemokrat Manfred Stolpe galt als Kümmerer. 

Todesfall

Ein anständiges Leben im falschen System

Graue Eminenz der Ost-Kirche, erster Ministerpräsident von Brandenburg, Bundesverkehrsminister: Manfred Stolpe ist gestorben.

Auf Brandenburg ließ Manfred Stolpe nie etwas kommen. Auch wenn er schon seit vielen Jahren politisch nicht mehr in der ersten Reihe stand, mischte sich der Sozialdemokrat und erste Ministerpräsident des Landes ein, wurde um Rat gefragt – als Brandenburg-Versteher, als Zeitzeuge und Mahner. „Irgendwie stehen wir alle auf seinen Schultern“, sagte Matthias Platzeck, der Stolpe 2002 als Regierungschef in Brandenburg beerbt hatte, nach der Landtagswahl 2019, bei der die SPD stärkste Kraft wurde.

Da war Stolpe, der mit seiner Erkrankung stets offen umging, schon schwer gezeichnet. Bereits 2004 war Darmkrebs festgestellt worden, später war auch die Leber befallen. Seit längerem schon fiel Stolpe das Sprechen schwer. Irgendwann versagte seine sonore Stimme, die bei vielen Menschen Vertrauen weckte. In der Nacht zum Sonntag ist Manfred Stolpe im Alter von 83 Jahren in Potsdam verstorben.

Der einstige Kirchenfunktionär in der DDR und erste Ministerpräsident in Brandenburg lebte zwei sehr unterschiedliche Leben in zwei verschiedenen Systemen. Ein strenger Pflichtmensch war Stolpe immer, egal, wo er gerade tätig war. Er sah sich selbst in der Traditionslinie der preußischen Toleranz. Später mündete das, nach der friedlichen Revolution und den Wende-Wirren 1989/90, im „Brandenburger Weg“ des neuen Potsdamer Landtags – alle mitnehmen, niemanden ausgrenzen, das war zeitlebens Stolpes Credo.

Stolpe: Ministerpräsident in Zeiten des Umbruchs

Seine 12 Jahre als Ministerpräsident des neu gegründeten Landes fielen in die Zeit des Umbruchs, des wirtschaftlichen Niedergangs, der Massenarbeitslosigkeit, aber auch der Hoffnung. Stolpe erlebte alle Facetten dieser Zeit – die großen Erfolge, aber auch die bitteren Niederlagen. So konnte er die meisten der etwa 50 „industriellen Kerne“ nicht retten. Unter anderem musste das traditionsreiche Nähmaschinenwerk in Wittenberge (Prignitz) dicht machen. Auch der Kampf um die Chipfabrik in Frankfurt (Oder) war letztlich vergebens. Zurück blieben abgehängte Regionen und ein Potsdamer Regierungschef, der einmal enttäuscht sagte: „Die Konkurrenz aus dem Westen war zu stark. Und manchmal war ich wohl auch zu gutgläubig bei Versprechen windiger Investoren.“

In die Pflicht nehmen ließ sich Stolpe oft und sogar, als niemand mehr damit rechnete. Er war als Ministerpräsident im Juni 2002 zurückgetreten, damals war er 66 Jahre alt. Im Herbst des Jahres gewann Gerhard Schröder zum zweiten Mal die Bundestagswahl. Bei der Kabinettsbildung wurde er von Vertretern der Ost-SPD gedrängt, das Bundesverkehrsministerium, das auch für den „Aufbau Ost“ zuständig war, endlich mit einem Ostdeutschen zu besetzen. Im letzten Moment aber sagte der Sachse Wolfgang Tiefensee überraschend ab. Matthias Platzeck kam auch nicht infrage, er war gerade in Brandenburg neuer Regierungschef geworden. Da schaute alles auf Stolpe. Der Potsdamer ließ sich nicht lange bitten, erwartet hatten das die wenigsten.

Für sein zweites politisches Abenteuer setzte Stolpe sogar seine Gesundheit aufs Spiel. Eine nötige Operation verschob er, er wollte unbedingt die auf der Kippe stehende Lkw-Maut retten, für die er zuständig war.

Stolpe wollte eigentlich Förster werden

Dass der 1936 im pommerschen Stettin geborenen Stolpe einmal Brandenburg regieren und sogar Bundespolitiker werden würde, war ihm nicht in die Wiege gelegt. Die Familie war zum Kriegsende vor der heranrückenden Roten Armee nach Greifswald geflohen.

Der Sohn eines Gastwirts, hatte eigentlich Förster werden wollen, bevor er sich schließlich für ein Jura-Studium entschied. Wie vielen seiner Generation bot die junge DDR auch Stolpe zunächst erstaunliche Freiräume, er war bei den Jungen Pionieren, in der FDJ und gleichzeitig Mitglied der Jungen Gemeinde.

Aber nach der Niederschlagung des Arbeiteraufstands am 17. Juni 1953 verstärkte die SED-Führung ihren Druck vor allem auf die Christen. Nachdem sowjetische Panzer den Ungarn-Aufstand 1956 niedergewalzt hatten – Stolpe war zu dieser Zeit Student in Jena – standen vor allem jene unter Beobachtung, die sich wie er weigerten, in die SED einzutreten. Die Uni-Leitung attestierte dem frischgebackenen Juristen auf den Abschlusszeugnis „bürgerliches Denken“. Für eine Karriere im SED-Staat war das keine Eintrittskarte.

Stasi-Vorwürfe gegen Stolpe bestätigten sich nicht

Zunächst kam er als Jurist in der Verwaltung der Evangelischen Kirche in Berlin unter, stieg aber in der Ost-Kirche bald auf und war lange Jahre Konsistorialpräsident. 1978 war Stolpe maßgeblich am sogenannten „Staat-Kirche-Gespräch“ beteiligt. Sein Gegenüber am Verhandlungstisch: SED-Chef Erich Honecker. Stolpes Kontakte zum DDR-Staat waren von 1992 bis 1994 Gegenstand eines bundesweit beachteten Untersuchungsausschusses im Brandenburger Landtag. Die Vorwürfe einiger Bürgerrechtler trafen Stolpe hart, doch ungeachtet von Rücktrittsforderungen blieb er im Amt. Der Ausschuss stellte zwei Jahre später „keine schuldhafte Verstrickung“ fest. Stolpe prozessierte aber noch jahrelang gegen den Vorwurf der Stasi-Spitzelei. Er habe die DDR nicht gehasst, erklärte er später. „Es gab nicht nur Täter und Opfer. Es gab in der überwältigenden Mehrheit vielfache Versuche, im falschen System ein anständiges Leben zu führen.“

Ein anständiges Leben zu führen - das versuchte Stolpe auch nach seinem Ausscheiden aus der Politik, fuhr viele Hundert Kilometer durchs Land, engagierte sich gegen den Rechtsextremismus und warb im Deutsch-Russischen Forum um mehr Verständnis für Russland.

Ein Nachruf von Igor Göldner und Volkmar Krause

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