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Imam Osama Hassan hofft, dass niemand das Feuer in der Moschee gelegt, sondern der Brand eine andere Ursache hat.

USA

Manchmal hilft nur beten

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Kurz nachdem Trump vielen Muslimen die Einreise verbietet, brennt eine Moschee in Texas. Und einem Pfarrer fehlt in New Orleans das Geld, um die Kinder der Ärmsten zu unterrichten. Eine Reise durch Trump-Land, Teil II.

New Orleans, Louisiana:

Von Montgomery sind es gut fünf Stunden bis New Orleans, der Stadt des Karnevals und des Hurrikans „Katrina“. Dort lebt Bill Terry. Er ist Pfarrer der Kirche St. Anna und Dokumentar des Todes. An der Außenwand seiner Kirche stehen auf mehreren Tafeln die Namen der Menschen, die in den vergangenen Jahren gewaltsam in New Orleans ums Leben gekommen sind. Mehr als 2000 Namen sind es schon, und wenn die Kollekte ausreicht, dann hängt Father Terry bald noch eine Tafel auf. Bis dahin schreibt er die Namen der Gewaltopfer auf eine Liste.

„Die Welt ist verrückt, verrückt, verrückt“, sagt der 65 Jahre alte Terry. Trump sei ein Geschäftsmann, der nur am Geschäft interessiert sei. Was könne da alles geschehen, jetzt, wo dieser Mann im Weißen Haus sitze. Amerika sei noch eine vergleichsweise junge Nation. Man habe hier nicht die Erfahrung Europas und wisse nicht, wie schrecklich Kriege sein könnte. Dann kichert Father Terry, als sei ihm gerade ein guter Witz durch den Kopf gegangen. Er brauche Geld, um Kinder aus Tremé, einem der ärmsten Viertel von New Orleans, zu unterrichten. Er müsse sich mal überlegen, ob er nicht in Washington wegen des Geldes nachfragen solle. Vielleicht klappe es ja mit dem Argument, dass Bildung aus Kindern Steuerzahler mache und dass die Gesundheitskosten dann ebenso sinken wie die Kriminalitätsrate. Das müsste doch selbst Trump einsehen, sagt der Pfarrer, runzelt die Stirn, besinnt sich dann und sagt zu mir: „Geh bitte zurück nach Deutschland und frage Mercedes, ob sie mir eine Millionen Dollar geben. Ich nenne meine Schule dann auch Mercedes-Benz-Schule.“ Terry hat kein Vertrauen in die neue Regierung.

Die Fahrt von New Orleans nach Texas führt durch Sümpfe. Die Straßen stehen auf Stelzen, die Sonne blendet. Es ist konservatives Land, Trump-Land. Zwischen Lafayette und Lake Charles steht an der Autobahn I 10 ein großes Schild, das für ein Geschäft mit Erotikartikeln wirbt. „Make love great again“, heißt es darauf in hübscher Anlehnung an Trumps Spruch von „Make America great again.“ Es ist der Abend, an dem Trump in Washington seinen Kandidaten für den Obersten Gerichtshof präsentiert. Damit will er sein Vermächtnis sichern, noch bevor seine Präsidentschaft so richtig begonnen hat. Denn US-Verfassungsrichter sind auf Lebenszeit gewählt und urteilen noch, wenn der Präsident, der sie ausgewählt hat, längst nicht mehr im Amt ist. Neil Gorsuch ist erst 49 Jahre alt.

Victoria, Texas:

Vor genau einem Jahr ist die erste Vorwahl der Republikaner gewesen. Donald Trump hat verloren. Die Zeitungen haben geschrieben, der Mann sei doch zu schlagen. Ein Tag später habe ich mit zwei Kollegen gewettet, dass Jeb Bush gegen Hillary Cliton antreten werde. Es ist dann, wie wir heute wissen, ganz anders gekommen, und ich musste ein Abendessen mit drei Gängen kochen.

Anderthalb Fahrtstunden hinter Houston liegt Victoria, ein unansehnliche Kleinstadt in Texas. Es ist mit 29 Grad ungewöhnlich warm, und im Autoradio schwärmt der christlich-konservative Radioprediger Brian Fischer vom neuen Präsidenten. Er bete für Trump. Und, „hey“, sagt Fischer auf UKW 88,5, „hier die neueste Hiobsbotschaft vom Klimawandel.“ Auf der Sierra Nevada liege der Schnee so hoch wie seit 22 Jahren nicht mehr. „Hähähö“, meckert Fischer hämisch in sein Mikrofon. Viele Anhänger Trumps sind nicht davon überzeugt, dass der Mensch einen Anteil an der Erderwärmung hat. Der neue Chef meines Nachbarn Charlie etwa gehört dazu.

Am Stadtrand von Victoria hängt der Geruch nach verbranntem Holz in der Luft. Vor drei Tagen ist die Moschee der kleinen muslimischen Gemeinde abgebrannt. Ein paar Stunden zuvor hat Trump das Einreiseverbot für Staatsbürger aus sieben, mehrheitlich muslimischen Ländern unterzeichnet. Die Polizei von Victoria hat die Ursache für das Feuer noch nicht ermittelt. Der Iman der Moschee, Osama Hassan, ein bulliger Mann aus Ägypten, und der Gemeindevorsteher Shahid Hashmi, ein Chirurg im örtlichen Krankenhaus, wirken geschockt. „Ich bete, dass das Feuer nicht gelegt wurde, sondern eine andere Ursache hat“, sagt Hashmi. Es könne doch nicht sein, dass jemand nur Stunden nach Unterzeichnung des Dekrets Feuer gelegt habe. Doch nicht in Victoria, wo die paar Dutzend Muslime gar nicht auffallen. Allerdings: Vor zehn Tagen ist in die vor 17 Jahren eingeweihte Moschee eingebrochen worden. Der oder die Täter nahmen Computer mit. Hashmi und Hassan sind erstaunt über die Solidarität aus der Stadt. Binnen drei Tagen ist mehr als eine Million Dollar an Spenden für den Wiederaufbau der Moschee zusammen gekommen.

Laredo, Texas:

Michael Seifert sieht aus wie Sean Connery, ist in einem früheren Leben katholischer Priester gewesen und kümmert sich jetzt um Einwanderer an der texanisch-mexikanischen Grenze. Ich habe ihn in den vergangenen Jahren zweimal getroffen, aber noch nie so aufgebracht erlebt wie an diesem Tag. „Im Grund hat uns Trump den Krieg erklärt“, sagt Seifert. Der Präsident will eine Mauer an der Grenze bauen. Er hat schon damit begonnen, illegale Einwanderer, die mit dem US-Gesetz in Konflikt geraten sind, abzuschieben. Und jetzt sollen auch noch lokale Polizisten als Einwanderungspolizisten arbeiten. „Das geht nicht“, sagt Seifert. Er ist mit ein paar Dutzend Aktivisten aus der Grenzregion in die texanische Hauptstadt Austin gefahren, um gegen diesen Plan zu protestieren. Wir können nur am Telefon miteinander sprechen.

An diesem Abend eskalieren Proteste gegen einen rechtslastigen Blogger an der Universität von Berkeley in Kalifornien, und die „Washington Post“ berichtet, dass sich der Präsident am Telefon ein hitziges Wortgefecht mit dem australischen Ministerpräsidenten geliefert hat. Viele fragen sich, warum sich Trump selbst im Gespräch mit einem der engsten Verbündeten der USA nicht im Griff hat.

Die Fahrt nach Arizona führt durch eine endlose Wüstenlandschaft. Auf dem USB-Stick fürs Autoradio finde ich Bob Dylans Ballade „The times they are a-changin’“. Es ist Zufall, aber passender Zufall. Bei Lordsburg in New Mexico steht ein verwittertes Holzschild mit der Aufschrift: „Vote Democrat“. Es lässt sich nicht sagen, wie lange die Aufforderung dort schon steht.

Es geht geradeaus. Immerzu. Weil kaum Verkehr ist, stelle ich den Tempomat auf 75 Meilen in der Stunde und mache etwas Verbotenes. Ich lese auf dem Handy David Frums Aufsatz aus der März-Ausgabe der Zeitschrift „The Atlantic“. Darin entwickelt der frühere Redenschreiber von George W. Bush, der sich ganz gewiss keinen linksliberalen Blütenträumen hingibt, ein fürchterliches Szenario. Trump könne es gelingen, ein autokratisches System in den USA zu verfestigen und sich damit die Wiederwahl im Jahr 2020 zu sichern. In dem Text steht der Satz: „Der Vorteil, einen modernen Staat zu kontrollieren, liegt weniger in der Macht, die Unschuldigen zu verfolgen, als in der Macht, die Schuldigen zu beschützen.“

Phoenix, Arizona:

In der Kneipe „Taco Guild“, die mit ihren hohen Wänden und Porträts spanischer Adliger offenbar so aussehen soll, wie sich ein amerikanischer Innenarchitekt eine südeuropäische Zunfthalle vorstellt, treffe ich einen Reserveoffizier der Army. Er will seinen Namen nicht nennen, er plaudert gerne.

Ich habe den Eindruck, er schämt sich, dass Trump sein Präsident ist. Der Mann zieht sein Handy aus der Tasche, sucht ein wenig herum und findet auf Youtube eine Szene aus dem Film „Der Untergang“, in dem Bruno Ganz Hitler spielt. Der Originalton ist deutsch, die Untertitel sind englisch. Donald Trump wird darin durch den Kakao gezogen. Mir bleibt das Lachen im Hals stecken. „Es ist irgendwie komisch“, sagt der Offizier, „dass ich das einem Deutschen zeige. Aber im Gegensatz zu euch dürfen wir mit Hitler Scherze treiben.“

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