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Aktivistin über schlechte Versorgung: „Man will nicht so gern über Hilfe für Geflüchtete reden“

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Von: Viktor Funk

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Am Bahnsteig im Bahnhof von Przemaysl, im äußersten Südosten Polens, warten ukrainische Flüchtende auf ihre Weiterreise nach Österreich. Ein Helfer der polnischen Armee hilft drei Kindern in den Zug nach Graz.
Am Bahnsteig im Bahnhof von Przemaysl, im äußersten Südosten Polens, warten ukrainische Flüchtende auf ihre Weiterreise nach Österreich. Ein Helfer der polnischen Armee hilft Kindern in den Zug nach Graz. © Christoph Reichwein/dpa

Aktivistin Tanja Maier über die schlechte Versorgung der Ukraine-Geflüchteten in Österreich, politische Tabus und wichtige private Initiativen.

Frau Maier, wie kamen Sie dazu, ukrainischen Geflüchteten in Österreich Einkaufsgutscheine auszuteilen?

Ich habe im März privat Nachrichten bekommen, dass am Wiener Hauptbahnhof Menschen stehen, die Russisch oder Ukrainisch sprechen und die Hilfe brauchen. Also bin ich hin. Ich habe Russisch studiert und in Moskau gelebt, kann die Sprache und wollte schauen, was ich tun kann. Dann habe ich mit anderen Freiwilligen den Menschen einfach bei der Orientierung geholfen, den nächsten Zug zu finden, ihnen Kaffee gekauft, so etwas. Ich war täglich vier, fünf Stunden vor Ort. Schnell hatte dann die Caritas diese Art von Hilfe aufgebaut. Mitte April habe ich aber registriert, dass ukrainische Geflüchtete kommen, die schon in Wien leben. Die hatten Hunger, die haben am Bahnhof bei der Caritas gegessen.

Und dann haben Sie mit Ihrem Geld ausgeholfen?

Am Anfang habe ich selbst etwas gegeben, aber weil ich auf meinem Blog über die Hilfsaktion berichtet habe, schickten mir Fremde Geld für die Geflüchteten. Ich bin dann mit den Menschen einkaufen gegangen und habe darüber in einer russischsprachigen Facebook-Gruppe für Mütter in Wien berichtet. Statt direkt Geld zu geben, haben ich dann Gutscheine geholt, die ich den Leuten einfach geben konnte. Das war für sie auch einfacher, sie anzunehmen, weil viele nicht um Geld bitten wollten, sich schämten. Aber auch das Verteilen der Karten hat nicht so gut funktioniert, wir mussten uns dafür extra treffen. Die Idee, die Einkaufskarten dann per Post zu schicken, ist sehr hilfreich. Damit erreichen wir Menschen in ganz Österreich.

Warum ist das überhaupt nötig?

In Deutschland kriegen die Geflüchteten rund 450 Euro pro Erwachsenen*, wenn ich richtig informiert bin, in Österreich dagegen viel weniger und sie dürfen kaum was dazuverdienen. Es wird diskutiert, ob man die Gesetze ändert, aber es dauert viel zu lange. Die Menschen haben oft zu wenig oder gar kein Geld, manche arbeiten dann illegal, das sind natürlich keine guten Jobs.

Tanja Maier.
Tanja Maier. © Privat

Wie funktioniert Ihre Hilfe?

Wir verteilen Einkaufskarten zu je 50 Euro, damit kann man schon einiges einkaufen, Fleisch zum Beispiel. Wir haben zuerst bei Spar die Gutscheine geholt, jetzt bei Hofer, weil die Lebensmittel da billiger sind.

Das passiert inzwischen digital …

Anfang Mai hat mich Mario Zechner via Twitter kontaktiert. Er ist IT-Fachmann und meinte, er könnte eine Webseite bauen, über die alles einfacher zu organisieren wäre. Jetzt können Menschen über die Homepage spenden oder um Hilfe bitten. Aber es gibt auch manchmal Direktspenden, erst heute habe ich von einer Dame 20 Gutscheinkarten von jeweils 50 Euro bekommen, die kann ich jetzt direkt zur Post bringen.

Das hilft wahrscheinlich nur kurzfristig …

Jede Familie bekommt nur einmal solche Hilfe, anders geht es nicht. Am Anfang habe ich auch mal zwei Gutscheine gegeben, aber es sind zu viele, deswegen ist das nicht mehr möglich. Und ich versuche zu helfen, indem ich Leute zusammenbringe. Mir folgen auf Twitter viele Menschen in Österreich. Wenn mich mal ein Hilferuf aus einer kleinen Stadt oder aus einem Dorf erreicht, dann schaue ich, ob jemand aus diesem Ort mir folgt und bringe die Menschen dann zusammen.

Zur Person und Zur Sache

Tanja Maier ist Finanzfachfrau, außerdem hat sie Slawistik studiert und in Moskau gelebt. Seit Anfang März unterstützt sie in einer Privatinitiative Geflüchtete aus der Ukraine, die in Österreich wegen schlechter sozialer Versorgung oft nicht über die Runden kommen. Über ihre Hilfe berichtet sie auf: https://tanjamaier.substack.com (Englisch).

Mario Zechner digitalisierte diese Hilfe. Über die Webseite cards-for-ukraine.at (mehrsprachig) können Freiwillige spenden und Betroffene um Hilfe bitten. Inzwischen haben Maier und Zechner nach eigenen Angaben gemeinsam rund 5000 Menschen geholfen. vf

Und das funktioniert?

Das funktioniert wirklich super. Ich hatte zum Beispiel Kontakt zu einer Familie, die in der Messe-Wien untergebracht war, einer Unterkunft mit Tausenden Betten. Die Familie kam in ein kleines Dorf an einem See in Oberösterreich. Die Mutter schrieb mir, dass sie kein Geld mehr hat, dass das Geld vom Staat nicht kommt und sie nicht wissen, was sie tun sollten. Ich habe von dieser Situation auf Twitter berichtet und am gleichen Tag ist ein Mann aus diesem Ort zu der Familie gegangen und hat ihnen Geld gegeben. Ich weiß nicht, wie viel, aber die Mutter hat mich angerufen und weinte, weil sie so gerührt war und nicht glauben konnte, dass ihnen einfach so jemand hilft.

Wer spendet solche Gutscheine?

Das sind nur Privatpersonen. Wir haben bisher keine Gutscheine von Supermärkten oder Behörden bekommen, nur von Privatpersonen. Das ist ein sehr politisches Thema. Alle Menschen sehen ja, dass die Preise für Lebensmittel steigen. Da will man wahrscheinlich nicht so gerne über die Hilfe für die Geflüchteten aus der Ukraine sprechen. Ausländern in Österreich zu helfen, das polarisiert immer. Viele wissen noch nicht einmal, dass hier ukrainische Geflüchtete sind.

Tausende Lichter für Solidarität mit den Ukrainern beim Benefizkonzert „We Stand With Ukraine“ im Ernst-Happel-Stadion in Wien. Der Erlös ging an Hilfsorganisationen. Unterdessen leiden die nach Österreich Geflüchteten Hunger.
Tausende Lichter für Solidarität mit den Ukrainern beim Benefizkonzert „We Stand With Ukraine“ im Ernst-Happel-Stadion in Wien. Der Erlös ging an Hilfsorganisationen. Unterdessen leiden die nach Österreich Geflüchteten Hunger. © Florian Wieser/dpa

Wie wollen Sie den Menschen weiter helfen?

Ich kann das nur machen, wenn ich Gutscheinkarten bekomme. Heute habe ich etwa 20 Karten bekommen, aber ich habe schon 30 bis 40 Anfragen. Ich berichte auf meinem Blog darüber, schreibe über einzelne Leute, poste die Bilder von ihrem Einkauf, die sie mir schicken. Dann bekomme ich neue Spenden. Ich habe keine Zeit, um bei Facebook oder Instagram aktiv zu sein, vielleicht würde das mehr helfen, aber ich kann das nicht leisten. Ich helfe aber weiterhin direkt. Vor kurzem traf ich Sascha, einen jungen Mann aus der Ukraine im Rollstuhl. Er ist IT-Spezialist und hofft, dass er Arbeit findet. Er ist Waise. Ich habe ihn ins Café eingeladen und ihm dann direkt etwas Geld gegeben, aber normalerweise gebe ich nur noch Gutscheinkarten.

Noch eine persönliche Frage: Wenn Sie lange in Moskau gelebt haben, haben Sie noch Kontakte dorthin, sprechen Sie mit den Menschen über den Krieg?

Ja, natürlich. Aber die meisten meiner Freunde sind nicht mehr in Russland. Viele von ihnen sind Journalisten, die haben das Land am Anfang des Krieges verlassen. Fast alle sind ausgereist. Und da, wo sie jetzt sind, helfen sie auch. Meine beste Freundin aus Russland hat in Frankreich ein Haus, die haben da sieben Geflüchtete aus Charkiw aufgenommen. In meinem Freundeskreis ist eine große Hilfsbereitschaft. Aber auf Facebook sehe ich, dass das Leben in Moskau weitergeht, als wäre nichts. Nur dass sie jetzt Urlaub nicht mehr da machen können, wo sie sonst hinfahren, das beschäftigt sie. Oder dass die Kreditkarten nicht funktionieren, ansonsten ist Krieg für sie kein Thema.

*Geflüchtete aus der Ukraine haben seit Juni in Deutschland Anspruch auf Hilfe nach SGB II. Sie sind damit besser gestellt als ukrainische Geflüchtete in Österreich und auch besser als Geflüchtete aus anderen Ländern hierzulande.

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