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Interview

„Man sollte die Gefährlichkeit von Masern nicht unterschätzen“

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„Ärzte ohne Grenzen“-Experte Bachmann über die Ignoranz der Europäer, das kaputte Gesundheitssystem im Kongo und Probleme mit der Kühlkette für Impfstoff.

Markus Bachmann ist bei Ärzte ohne Grenzen Österreich für Humanitäre Angelegenheiten verantwortlich.  

Die Zahl der während einer Masernepidemie in der Demokratischen Republik Kongo gestorbenen Menschen ist mehr als doppelt so hoch wie die Zahl der Opfer der dortigen Ebolaepidemie. Haben sich die Hilfsorganisationen auf die falsche Krise gestürzt?

Im Osten des Kongos gibt es fünf humanitäre Krisen. Eine davon ist die Ebola-, eine andere die Masernepidemie. Als ich im zuletzt im Kongo war und mit der Bevölkerung gesprochen habe, war das dominante Thema immer Masern. Alle haben uns gefragt: Könnt ihr nicht mehr gegen Masern tun? Wir haben bis Ende Oktober mehr als 241 000 an Masern erkrankte Kinder behandelt und mehr als 756 000 Kinder gegen Masern geimpft.

Sind Masern gefährlicher als Ebola?

Mit solchen Vergleichen sollte man vorsichtig sein. Die Frage ist, auf was Sie die Gefährlichkeit beziehen. Aber wenn Sie die Zahl der an Masern infizierten Kongolesen betrachten, dann sind das allein in diesem Jahr weit mehr als 280 000 Menschen und fast 5600 Todesfälle. Wir haben also eine Sterblichkeitsrate von zwei unter 100 Infizierten erreicht. Das ist sehr, sehr hoch. Und ein Indikator dafür, dass das Gesundheitssystem im Kongo höchst mangelhaft ist.

Warum sind Masern so viel bedrohlicher für Kinder als für Erwachsene?

Markus Bachmann 

Die Widerstandskraft von Kindern unter fünf Jahren ist generell geringer als die von Erwachsenen. Hinzu kommt im Kongo, dass die Kinder dort oft mangelernährt sind. Dadurch nimmt die Widerstandskraft noch weiter ab. Außerdem ist der Zugang zu sauberem Trinkwasser und hygienischen Einrichtungen eingeschränkt: Wenn Kinder dauernd Durchfall haben, sind sie zusätzlich geschwächt. Schließlich spielt noch eine große Rolle, dass im Kongo Millionen von Menschen aus ihrem Zuhause vertrieben sind und deshalb öfters an Malaria, an Lungenentzündung oder Atemwegserkrankungen leiden.

Mit Impfungen könnte man eine Masernepidemie wirksam vermeiden?

Das ist das Tragische. Masern-Impfungen sind hocheffektiv, sicher und preiswert. Wir von Ärzte ohne Grenzen geben 25 Euro für hundert solcher Impfungen aus. Kosten sind also keine Barriere für Massenimpfungen.

Was sonst?

Zum Beispiel, dass zahllose Menschen vom Gesundheitssystem gar nicht erreicht werden. Eigentlich sind Masern auch im Kongo Teil des Grundimmunisierungsprogramms. Die tatsächlichen Impfungsraten sind jedoch sehr, sehr gering. Das liegt vor allem am kaputten kongolesischen Gesundheitssystem.

Weigern sich Kongolesen auch gegen Impfungen, weil sie ihnen nicht trauen?

Ich habe das Gegenteil erlebt. In allen Gesprächen mit der Bevölkerung wurde ich gebeten, dass Ärzte ohne Grenzen ihr Impfprogramm erweitert. Die Leute haben Impfungen regelrecht verlangt. Das Phänomen, dass man dem Masern-Impfstoff gegen die weitverbreiteten Krankheiten nicht traut, gibt es im Kongo nicht.

In Europa lässt eine zunehmende Zahl der Eltern ihre Kinder nicht mehr impfen. Liegt das daran, dass sie gar nicht mehr wissen, wie gefährlich Masern sind?

Wir von Ärzte ohne Grenzen haben kaum Projekte in Europa. Mir fehlt deshalb der Zugang zur Bevölkerung hier. Ich vermute aber, dass die Gefährlichkeit von Masern in Europa tatsächlich unterschätzt wird. Das liegt auch an unseren ausgezeichneten Gesundheitssystemen. Kaum ein Kind stirbt hier noch an Masern. Aber schon am Rand Europas ist das anders. Bei der gegenwärtigen Masernepidemie in der Ukraine gibt es auch zahlreiche Todesfälle. Man sollte die Gefährlichkeit von Masern nicht unterschätzen.

Es kommt also auch in Europa zu Masernepidemien, nur dass sie dort nicht mit vielen Todesfällen einhergehen?

Um es korrekt zu formulieren: Es gibt Länder in Europa, in denen auch in diesem Jahr Masernepidemien ausbrachen. Etwa in der Ukraine, wo es 2019 sehr viel mehr Fälle von Masern als im Vorjahr gab. Auch in Rumänien und Bulgarien kommt es noch regelmäßig zu Masernepidemien.

Ist es unvernünftig, wenn Eltern in Europa ihre Kinder absichtlich nicht impfen lassen? Auch vor dem Hintergrund, dass man Masern womöglich wie die Pocken oder Kinderlähmung einmal ausrotten könnte, wenn die Impfungen ernster genommen würden?

Zur Ausrottung ist es ein sehr weiter Weg. Theoretisch wäre das machbar, man bräuchte dafür jedoch sehr hohe Impfungsraten und leistungsfähige Gesundheitssysteme. Die fehlen in vielen Ländern. Auch die Tatsache, dass der Impfstoff bis zur Anwendung ununterbrochen gekühlt bleiben muss, stellt viele afrikanische Staaten vor große Herausforderungen. Wird die Kühlkette einmal unterbrochen, verliert der Impfstoff seine Wirksamkeit. Außerdem herrschen in den zahlreichen afrikanischen Flüchtlingslagern optimale Bedingungen für den Ausbruch von Masernepidemien.

Haben europäische Eltern nicht Recht, wenn sie sagen: Unter den hiesigen Bedingungen sterben unsere Kinder auch bei einer Masernerkrankung nicht. Deshalb lassen wir sie lieber ungeimpft, damit sie ihre eigenen Widerstandskräfte stärken?

In jüngster Zeit wurden zahlreiche Studien veröffentlicht, die belegen, dass Masern nicht nur kurz-, sondern auch langfristig das Immunsystem eines Kindes schwächen. Ich würde aus medizinischer Sicht niemandem empfehlen, auf die Impfung zu verzichten.

Interview: Johannes Dieterich

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