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Am Tag danach: Soldat vor der Kathedrale von Straßburg.

Anschlag in Straßburg

"Man muss die Ghettos öffnen, sie zerschlagen"

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Frankreich trauert nach dem Anschlag in Straßburg. Und die Politik? Tut nichts, um die Wurzeln des Terrors zu kappen, sagt der Soziologe Farhard Khosrokhavar im Interview.

Herr Khosrokhavar, Sie erforschen die gesellschaftlichen Ursachen des Terrors. Frankreichs früherer Premier Manuel Valls hat gesagt, wer dies tue, rechtfertige letzten Endes den Dschihad. Machen Sie sich zum Komplizen des Terrors? 
Manuel Valls ist ein extremer Fall. Die so wichtige Suche nach den Ursachen des Terrors ist in Frankreichs Politik erfreulicherweise kein totales Tabu. In meinem Fall heißt das: Ich kann unbehelligt den Blick auf die ihn begünstigenden städtischen Strukturen richten, auf die von Einwanderung, Armut und Arbeitslosigkeit geprägten Vorstädte. Ich nenne sie den Dschihad hervorbringende städtische Räume. 

Einwanderung, Armut und Arbeitslosigkeit gibt es auch anderswo. Was macht die Vorstädte so besonders? 
Sie zeichnen sich durch ihre Abgeschlossenheit aus. Man konzentriert sich dort auf sich selbst. Es fehlt an Kosmopoliten. Jeder lebt in seiner eigenen Vorstellungswelt. Im Fall der französischen Vorstädte schlagen den dort überwiegend von nordafrikanischen Einwanderern abstammenden Jugendlichen jede Menge Vorurteile entgegen. Sie werden auf dem Wohnungs- und Arbeitsmarkt benachteiligt, fühlen sich erniedrigt, gedemütigt. Aber die Betroffenen lassen es dabei nicht bewenden. Sie wehren sich. Sie greifen die Vorurteile auf, schlachten sie aus, nutzen sie zur eigenen Identitätsbildung. Zahlreiche Vorstadtjugendliche nordafrikanischer Herkunft ziehen sich auf sich selbst zurück, kommunizieren nicht mehr mit Andersgesinnten, werten sie ab, grenzen sie aus, weisen Staat und Gesellschaft zurück, von denen sie sich ihrerseits zurückgewiesen fühlen. Eine Gegenwelt bildet sich so heraus, in der so mancher in die Kriminalität abgleitet und eine kleine Minderheit in den Dschihad. Anders gesagt: Rassismus bringt so Gegenrassismus hervor. Ein Teufelskreis ist das. Es bräuchte Politiker, die diesen Teufelskreis durchbrechen. Im Moment kann ich sie leider nirgends entdecken. 

Spielen bei der Ausgestaltung dieser Gegenwelt auch von Eltern oder Großeltern wachgehaltene Erinnerungen an die Kolonialzeit eine Rolle? 
In Frankreich ist dies in der Tat der Fall. Auch in Deutschland gibt es den Dschihad begünstigende urbane Strukturen. Ich denke da etwa an Dinslaken. Aber Deutschland schlägt sich anders als Frankreich nicht mit einer derart belastenden Kolonialvergangenheit herum. In Frankreichs Vorstädten wirkt sie nach. Wobei das, was Vorstadtjugendliche für geschichtlich verbürgt halten, mit der historischen Wirklichkeit oft wenig zu tun hat. Aber so weit das Imaginäre bisweilen auch von der historischen Realität entfernt ist, es schafft eine soziale Realität. 

Was kann man, was sollte man gegen den Terror tun? 
Am besten gehen meiner Meinung nach die Dänen vor. Sie investieren erfolgreich in Deradikalisierung. Wer ein Deradikalisierungs-Programm absolviert hat, wird anschließend weiter begleitet, weiter betreut. Das kostet eine Menge Geld. Aber ich finde, Terroranschläge kommen die Gesellschaft noch viel teurer zu stehen. Sie kosten Menschenleben, schüren Angst, wenn nicht Hysterie. Die Touristen bleiben fern. Aber Dänemark ist ein kleiner, bürgernaher Staat. Er investiert, um den Ursachen des Terrors beizukommen, obwohl er vergleichsweise wenig Terroropfer zu beklagen hat. 

In Frankreich, wo mehr als 300 Menschen bei Terroranschlägen ums Leben gekommen sind, tut man nichts Vergleichbares? 
Leider nein. Staatschef Emmanuel Macron hat nicht umgesetzt, was Jean-Louis Borloo ihm empfohlen hatte. Der frühere Minister für Umwelt und nachhaltige Entwicklung war vom Präsidenten beauftragt worden, einen Plan für Frankreichs problematische Vorstädte auszuarbeiten. Borloo riet Macron, die Vorstadtgettos des Landes zu öffnen, ja zu zerschlagen. Nehmen Sie beispielsweise Avignon. Dort gibt es ein Viertel, wo zu 90 Prozent verarmte Muslime leben. Sie sind ausgegrenzt als Arme, ausgegrenzt als Muslime, ausgegrenzt als Nachfahren afrikanischer Immigranten. Was Wunder, dass sie sich auf sich selbst zurückziehen, eine Gegenkultur entwickeln, Salafisten werden. Fast sämtliche Frauen tragen dort Kopftuch, ein Gutteil tut es aus Überzeugung. Ich stimme Borloo zu. Man muss diese Gettos öffnen, sie zerschlagen. Ich predige dies unermüdlich. Aber niemand hört mir zu. Wenn ich von städtischen Strukturen spreche, die den Dschihad hervorbringen, dann auch, um die Menschen wachzurütteln. Geholfen hat es wenig. Ich predige in der Wüste. 

Warum finden Sie kein Gehör? 
Die Regierungen denken, der Islamische Staat hat kein Territorium mehr, schwere Terroranschläge sind seltener geworden, was sollen wir da noch groß Prävention betreiben. Das ist ein Fehlschluss. Nach einer Reihe weiterer schwerer Terroranschläge werden die Politiker das Thema bald wieder ganz oben auf die Agenda setzen müssen. Denn die Wurzeln des Terrors sind ja nicht gekappt. Die Regierungen glauben, den Terror allein mit Polizeigewalt eindämmen zu können. Aber das ist ein Fehlschluss. 

Also kann man nur noch in totalen Pessimismus verfallen … 
Das nun auch wieder nicht. Es tun sich Chancen auf. Der Islamische Staat ist tot. Als Staat existiert er nicht mehr, als Staat nur war er mächtig. Seine Fähigkeit, junge Leute anzuwerben, beruhte nicht zuletzt auf der Möglichkeit, ihnen ein eigenes Staatswesen bieten zu können. Wenn jetzt noch eine Mentalität der Offenheit und Toleranz um sich griffe, könnte man die Integration vorantreiben, dem islamistischen Terror endgültig den Nährboden entziehen. Noch kann davon allerdings leider keine Rede sein, im Gegenteil. Wir leben in einer Gesellschaft, die Angst hat. Und wenn man Angst hat, grenzt man sich ab, grenzt andere aus.

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