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Else Steul ist Zeitzeuge der Bombenangriffe von 1944 auf Offenbach.
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Else Steul ist Zeitzeuge der Bombenangriffe von 1944 auf Offenbach.

"Man war kopflos, alles was man sah, war so unbegreiflich"

Else Steul und Friedhelm Meier erlebten die Bombenangriffe auf Offenbach / Erinnerungen an Bunker und das Leben im KriegSie harrten in engen Bunkern aus, während draußen Flieger um Flieger Bomben abwarfen. Else Steul lernte dabei für ihr Examen, Friedhelm Meier flocht Zöpfe aus Garn. Der Angriff vom 18. März 1944 war für sie einer von sehr vielen. Erinnerungen an die Jahre 1943 und 1944.

Von CARINA FREY

Offenbach · 17. März · car · Else Steul weiß nicht mehr, was sie machte, als die Sirenen aufheulten. Wahrscheinlich war sie zu Hause, lag im Bett, die Tasche mit den Papieren, Kleidung und etwas zu Essen griffbereit neben sich. Oder sie saß am Tisch, den Kopf auf die Platte gelegt und versuchte ein paar Stunden Schlaf zu finden vor dem nächsten Luftangriff. "Es lohnte sich oft nicht ins Bett zu gehen, weil es doch wieder Fliegeralarm gab", erinnert sie sich. Heulten die Sirenen blieben nur Minuten für die Flucht in den Bunker neben dem Nachbarhaus. Mit 30 Leuten hockte sie dort, mal für kurze Zeit, dann wieder für Stunden.

Friedhelm Meier stand am 18. März an der Dachluke in einem Haus in der Wetterau und starrte auf den blutroten Himmel über Offenbach. "Wir rochen sogar den Rauch", erzählt er. Mit seiner Klasse war Meier Anfang 1944 nach Wolfersheim evakuiert worden. Dort hockte der Achtjährige und wartete auf Neuigkeiten aus seiner Heimat Offenbach. Gerüchte über die Angriffe gab es viele, verlässliche Nachrichten waren jedoch rar. "Unser Lehrer fuhr nach den Angriffen nach Hause. Als er zurückkam sagte er: Alles ist kaputt", erinnert sich Meier.

Die Furcht im Nacken

Else Steul und Friedhelm Meier waren jung als die Bomben fielen. Ihr Leben spielte zwischen Luftalarm und Bombardements. Steul musste während ihrer Examensprüfung in einen Bunker fliehen, Meier erinnert sich, wie er zwei-, dreimal in der Nacht durch Fliegeralarm aus dem Schlaf gerissen wurde. Die Bombennacht vom 18. März 1944, als Offenbach innerhalb von weniger als zwei Stunden in Schutt und Asche gelegt wurde, ist für sie eine von vielen, die sie in engen Bunkern ausharrten, ungewiss, was weiter passiert.

"Unser Bunker war am Großen Biergrund", erzählt Meier. "Wenn eine Bombe in der Nähe einschlug ging drinnen das Licht aus, der ganze Bunker schaukelte wie ein Schiff, dass an einem Ufer anlegt. Dann saßen die Leute ganz stumm da, einige beteten, andere jammerten leise. Sie wussten ja nicht, ob der Bunker standhält, ob sie da jemals lebend rauskommen." Bei Entwarnung seien die Leute dann mit bangem Herzen nach Hause gegangen, die Furcht im Nacken, nur noch Trümmer vorzufinden, wo vorher ihr Wohnhaus stand.

"Man lief durch die zerstörten Straße und dachte: ,Ach, das Haus ist auch weg’ oder überlegt sich, welches Haus dort gestanden hatte", erinnert sich Steul. Jedes Mal habe sie gehofft, dass das eigene Haus noch steht. "Das war ja das Wichtigste. Einmal als ich in die Wohnung kam, brannten dort 17 Brandbomben. Ich hab die Blumen gegriffen und mit ihnen das Feuer ausgeschlagen." Ein andermal brachte sie als erstes ihr Nähkörbchen in Sicherheit, der Vater fing an die Straße zu säubern. "Man war ja kopflos", sagt sie, "alles was man sah, war so unbegreiflich." Die Flammen in den Nachbarhäusern, die Bombenkrater vor dem Haus, der schwere Betonbrunnen, der von der Wucht einer Bombe aus dem Boden gerissen worden war, oder die Tiere des Nachbarn, die brennend verendeten.

Nach dem ersten Schock begann das Reparieren und Aufräumen. "Zuerst gingen die Fensterscheiben zu Bruch", erzählt Meier. "Wir hatten ein großes Bild, damit haben wir das Fenster verschlossen. Beim nächsten Angriff war auch das kaputt. Dann nahmen wir Platten." Else Steul räumte Schränke neu ein oder versuchte Scherben aus dem Bettzeug zu schütteln. "Man musste ja irgendwie weiterleben."

Seitdem sind 60 Jahre vergangen. Friedhelm Meier denkt noch oft an die Bombennächte zurück. Für Else Steul sind die Erlebnisse heute sehr unwirklich: "Ich kann mir das alles beinah nicht mehr vorstellen, obwohl ich es ja erlebt habe. Es war einfach so fürchterlich."

(Zuerst publiziert am 18. März 2004)

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