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Noch 100 Jahre nach dem deutschen Massaker an Herero und Nama sprächen die Nachfahren täglich über die Katastrophe, erzählt Heidemarie Wieczorek-Zeul. Im Bild ist eine Herero in Kaokoland, Namibia, zu sehen.

Völkermord in Namibia

„Man hatte Angst vor Entschädigungen“

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Die ehemalige Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul spricht im FR-Interview über die schwierige Aufarbeitung des deutschen Völkermords an den Herero.

Bis Jahresende sollen die Verhandlungen zwischen Namibia und Deutschland über den Umgang mit den deutschen Massakern an den Herero und Nama nach 1904 abgeschlossen sein. Die ehemalige Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD) entschuldigte sich zum 100. Jahrestag der Massaker für die deutsche Schuld. Jetzt hat das Auswärtige Amt angekündigt: Deutschland will sich für den Völkermord entschuldigen.

Frau Wieczorek-Zeul, Sie haben die deutschen Kolonialverbrechen in Namibia schon vor zwölf Jahren als Völkermord bezeichnet und sich dafür entschuldigt. Bundesregierung und Bundestag sind erst jetzt dazu bereit. Wie haben Sie die Nachricht aufgenommen?
Es ist wichtig, dass sich die Bundesregierung zu dieser historischen Verantwortung bekennt – auch wenn seit meiner Entschuldigung erneut unnötig viel Zeit vergangen und es mehr als unrühmlich ist, dass dazu erst eine Debatte über den Völkermord an den Armeniern nötig war. Ich habe viele Amtsträger, darunter den Bundespräsidenten, angeschrieben und sie erinnert: Es geht hier um den ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts. Umso wichtiger ist es, dass Frank Walter Steinmeier die Initiative aufgegriffen hat.

Was versprechen Sie sich von einer solchen Erklärung?
Es ist dringend nötig, dass die Nachfahren endlich wissen, dass die historischen Tatsachen und die Schuld anerkannt werden. In meinen Gesprächen hörte ich von Herero-Vertretern immer wieder, wie diese Katastrophe ihr Volk traumatisierte: „Wir sprechen jeden Tag darüber, auch nach 100 Jahren.“ Aber es geht auch darum, dass unsere Bevölkerung die Kolonialverbrechen wahrnimmt und sie im Bewusstsein aller Deutschen bleiben. Dass es eine gemeinsame Wiedergabe von Geschichte in Deutschland und Namibia gibt, die sich auch in Schulen und Universitäten auswirkt.

Warum haben sowohl die rot-grüne Regierung, der Sie 2004 angehörten, als auch die folgenden Ihre Entschuldigung als Ihre persönliche Meinung relativiert?
Man hatte wohl immer Angst vor Entschädigungen, die danach einklagbar seien. Ich wählte die Formulierung, dass wir „im Sinne des gemeinsamen Vaterunsers“ um Vergebung unserer Schuld bitten. Ich sprach aber auch von Völkermord und davon, dass der Befehlshaber der kaiserlichen Truppen, General von Trotha, für seinen Vernichtungsbefehl heute von einem internationalen Strafgericht verurteilt würde. Das hatte ich vorher bewusst weder mit dem Außenministerium noch dem Bundespräsidialamt abgestimmt. Sonst hätte es diese Rede so nicht gegeben.

Welche Folgen hatte Ihre Erklärung?
In Deutschland gab es viel Zustimmung. Als Entwicklungsministerin habe ich eine Initiative angeschoben, durch die in erster Linie die Regionen der Opfer-Nachfahren finanzielle Hilfe für ein besseres Leben erhalten sollten, vor allem Schulen und ländliche Infrastruktur.

Die Bundesregierung hat gerade erklärt, dass Entwicklungshilfe kein Mittel historischer Entschädigung sei, sondern eigene Ziele hat. Sie sahen das anders?
Die offizielle Entwicklungszusammenarbeit und ihre Verdoppelung waren ein Signal des Respektes für das gesamte Land. Unabhängig davon halte ich es für wichtig, dass Deutschland den Nachfahren der Opfer des Völkermordes besonders hilft. Dass das nötig ist, merkte man auch daran, dass der Start unserer Versöhnungsinitiative verschleppt wurde. Die damalige namibische Regierung war skeptisch gegenüber der Förderung der Herero und Nama und wollte die Kontrolle über die Initiative behalten.

Die von der Owambo-Mehrheit getragene Regierung will keine Herero bei den deutsch-namibischen Verhandlungen dabei haben. Finden Sie es vertretbar, dass Berlin das akzeptiert?
Es ist zwar richtig, dass es keine individuelle Entschädigung geben kann nach dieser langen Zeit. Aber es ist wichtig, dass die Nachfahren Hilfe für ein menschenwürdiges Leben erhalten. Sie gehören mit an den Verhandlungstisch, damit nicht länger nur über sie gesprochen wird.

Interview: Steven Geyer

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