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Was der Abzug Frankreichs für den Westen Afrikas bedeutet

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Von: Stefan Brändle

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Abzug: Frankreich, seine europäischen Partner und Kanada beenden den militärischen Einsatz in Mali.
Abzug: Frankreich, seine europäischen Partner und Kanada beenden den militärischen Einsatz in Mali. © dpa

Noch vor dem französischen Abzug aus Mali springen autokratische Regimes in die Lücke. Eine Analyse.

Bamako – Nein, Frankreich habe in Mali „kein Afghanistan“ erlebt, beschwichtigt General Dominique Trinquand in Paris: Die 5000 Soldaten der Mission Barkhane seien nicht dem dschihadistischen Feind unterlegen wie die USA den Taliban; die Franzosen zögen vielmehr wegen der undemokratischen Junta in Bamako ab.

Eine Niederlage ist der angekündigte Abzug dennoch – nicht militärisch, sondern geopolitisch. Mali liegt strategisch zentral im Herzen Westafrikas. Der bettelarme Sahel- und Saharastaat galt bisher als Hort eines toleranten Islams. Jetzt gewinnen Islamisten an Einfluss. In Bamako tauchen Prediger aus dem arabischen Raum auf; Dschihadisten aus Algerien und Libyen wildern im Ostteil des weiten Landes.

Frankreich zieht aus Mali ab: Ressentiments geschürt

Das ist nur ein Aspekt des Zeitenwechsels, der sich Westafrikas bemächtigt. Im einstigen Kolonialgebiet Frankreichs setzen sich heute die Russen fest. Es begann in der Zentralafrikanischen Republik, wo die Wagner-Privatarmee des Kreml den Präsidentenpalast sichert. Hier gingen einst die Franzosen ein und aus. Und wenn Russlands Staatschef Wladimir Putin einen Fuß im Türspalt hat, lässt er es meist nicht dabei bewenden. Der malischen Armee schenkte er zuerst zwei Hubschrauber. Es folgten Waffenverkäufe, dann die Wagner-Krieger.

Weniger sichtbar, aber vielleicht noch bedeutsamer war, wie die Russen die junge malische Bevölkerung auf ihre Seite zogen. Geschickt schürten sie antikoloniale, also antifranzösische Ressentiments – und pfropften in einem eigentlichen Propagandakrieg ihre Interessen darauf. Laut französischen Geheimdienstangaben werden heute mehrere Hundert afrikanische Webseiten mit Inhalten der moskautreuen Portale „Russia Today“ oder „Sputnik“ gefüttert.

MALIS ARMEE TÖTET „TERRORISTEN“

Bei einem Einsatz der malischen Armee gegen dschihadistische Gruppierungen im Norden des Landes sind nach Militärangaben 57 „Terroristen“ sowie acht Soldaten getötet worden. Die Armee habe ein Rebellen-Lager angegriffen, nachdem „nicht identifizierte Bewaffnete“ in der Region Archam Regierungstruppen attackiert hätten, erklärten die Streitkräfte am Samstag.

Aus der Grenzregion zu Burkina Faso und Niger hatte es zuletzt Berichte über zunehmende Gewalt der Dschihadisten gegen Zivilpersonen gegeben. Islamistische Extremisten töteten übereinstimmenden Angaben aus verschiedenen Quellen zufolge in den vergangenen Tagen rund 40 Menschen, denen sie vorwarfen, einer rivalisierenden Gruppierung anzugehören.

Das Dreiländereck ist seit Jahren Schauplatz dschihadistischer Gewalt. Angaben über Vorfälle in der Region sind wegen eingeschränkter Kommunikation schwer zu überprüfen. afp

Deren Aussagen fallen in Mali auf zunehmend fruchtbaren Boden: Die französischen Soldaten werden nicht mehr wie 2013 – als sie einen Gottesstaat in Timbuktu verhinderten – als Retter gesehen, sondern als Besatzer. Schlimmer noch, als Ausbeuter der malischen Bodenschätze. Moskau hat in Mali umso leichteres Spiel, als das Sahelland nach seiner Unabhängigkeit 1960 unter dem ersten, sozialistischen Präsidenten Modibo Keïta bereits einmal auf die Sowjetunion gesetzt hatte. Jetzt riecht es in Westafrika wieder nach Kaltem Krieg auf dem Rücken der Lokalbevölkerung. Die Besucherliste ausländischer Minister und Botschafter in Bamakos Regierungspalästen spricht für sich: Sie kommen aus Russland, China, Katar, dem Iran und der Türkei.

Bevölkerung in Mali leidet weiter

Besucher aus Europa und den USA sind bei der malischen Junta nicht mehr willkommen. Frankreichs Botschafter wurde aus dem Land geworfen. Seine Vorgänger hatten in ihrem Kolonialpalast jahrzehntelang die politischen Fäden des ganzen Landes gezogen. Wenn ein paar aufmüpfige, vielleicht in Moskau ausgebildete Offiziere auf „blockfreie“ Gedanken kamen, zettelten die Emissäre der berüchtigten „Françafrique“ einen kleinen Putsch an, um wieder frankophone Offiziere an die Macht zu bringen.

Die zynisch-realpolitische Françafrique ist heute bis nach Paris verpönt, auch Präsident Emmanuel Macron verabscheut sie. Putin kennt die neuen Skrupel der Frankreichs nicht: Wagner werden vielerorts Menschenrechtsverstöße vorgehalten, und immer mehr Goldminen gelangen in russische Hände. Daran stören sich die Malier viel weniger, als wenn es französische Firmen wären – auch das ist ein Zeichen, wie tief der koloniale Stachel sitzt.

Mali: Umwälzungen verbessern das Land nicht

Das Los der 22 Millionen Menschen in Mali wird sich durch die Umwälzungen nicht verbessern. Das Volk wird bei der Neuordnung des eigenen Landes einmal mehr übergangen. Putschisten und fremde Soldaten üben die Macht aus und füllen sich die Taschen. Demokratie und Wohlstand für alle stehen nicht auf ihrem Programm. Ganz Westafrika leidet: Die Staatsstreiche häufen sich wie die dschihadistischen Massaker – zuerst in malischen Dörfern, jetzt auch in Burkina Faso. Macron geht, Putin kommt – das Elend der malischen Bevölkerung aber bleibt. Und wird bald erneut viele in die Flucht treiben. (Stefan Brändle)

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