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Vor mehr als fünf Jahren wurde auf Malala geschossen, beinahe wäre sie bei dem Mordanschlag gestorben.

Malala Yousafzai

Malalas Stippvisite in der bösen Heimat

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Nobelpreisträgerin Malala Yousafzai besucht in Pakistan den Ort, an dem sie beinahe ermordet worden wäre.

Die junge Frau, die am Wochenende in ihrer Heimatstadt Mingora im malerischen Swat-Tal von Pakistan aus dem Militärhubschrauber stieg und neugierig um sich blickte, hatte äußerlich nur noch wenig mit jenem Mädchen gemein, das vor knapp sechs Jahren dem Tod nahe an fast der gleichen Stelle in einen Sanitätshelikopter der Streitkräfte geladen wurde. Symbolkraft hat Malala Yousafzai gleichwohl immer noch.

Am 9. Oktober 2012 hatte ein Talibankämpfer versucht, die lautstarke jugendliche Schulaktivistin in einem Schulbus mit einem gezielten Kopfschuss zum Verstummen zu bringen. Malala hatte Bildungschancen für Mädchen in Pakistan eingeklagt. Heute ist sie in ihrer erzkonservativen muslimischen Heimat immer noch verhasst – auch dank des ihr 2014 verliehenen Friedensnobelpreises. Noch immer steht sie ein für Mädchenbildung weltweit und gegen Gewalt. Am Wochenende aber schlug sie andere Töne an.

Rückkehr in ein befriedetes Pakistan

„Ich kann jetzt der ganzen Welt erklären, dass in Pakistan totaler Friede herrscht. Meine Rückkehr in meine Heimat beweist dies“, sagte die junge Frau sehr zur Freude der Machthaber Pakistans. Malala, deren Besuchsprogramm aus Sicherheitsgründen streng geheim blieb und die auf Schritt und Tritt von Heerscharen von Sicherheitskräften beschützt wurde, trug eine stark getönte Brille, während sie sich zu diesem Satz zu verstieg.

Denn während bei der am Ostermontag beendeten Stippvisite kein mordlustiger Landsmann in ihre Nähe vordringen konnte, hagelte es in den sozialen Medien des Landes Unterstellungen, Beleidigungen und Drohungen: Malala sei „eine Agentin der CIA“ war da eine der harmloseren –, weil druckreiferen – Unterstellungen. Sie lasse sich für die Interessen des Westens einspannen, warfen ihr andere Kritiker vor.

Erst im Mai 2017 hatte ein Regierungsminister behauptet, der Anschlag 2012 sei bloß „eine Schau“ gewesen. Die „All Pakistan Private Schools Federation“ verbot in allen ihren 152 000 Schulen gar das Buch „I am Malala“. Die seltsame Begründung des Vorsitzenden Kashif Mirza, der Malala nach dem Mordanschlag noch unterstützt hatte: „Dank des Buches ist sie jetzt kontrovers. Malala hat sich zum einem Werkzeug westlicher Mächte gemacht.“

Wer in Pakistan Mordanschläge radikalislamischer Extremisten überlebt, muss sich anschließend offenbar rechtfertigen. Die vielen Pakistaner, die wegen liberaler Ansichten während der vergangenen Jahre Terroranschlägen der Extremisten oder Todesschwadronen der Sicherheitskräfte zum Opfer fielen, geraten dagegen schnell in Vergessenheit.

Pakistans Generäle, dank derer Malala zunächst eine Notbehandlung in einem auf Schussverletzungen spezialisierten Lazarett erhielt und kurz darauf in eine Spezialklinik in Großbritannien überführt wurde, haben das Swat-Tal in der Region zwischen Islamabad und Peschawar inzwischen weitgehend stabilisiert. „Es ist offensichtlich, dass viele Einwohner zurückgekehrt sind“, sagte Ziauddin Yousafzai, der seine Tochter seit dem Mordversuch kaum noch aus den Augen lässt.

„Ich konzentriere mich gegenwärtig auf meine Erziehung; danach will ich heimkehren“, sagte Malala unter Tränen bei einer Pressekonferenz in Mingora, wo ihr Vater einst eine Schule unterhielt. Das waren bemerkenswert bescheidene Worte. Und die Aktivistin tat noch mehr: Sie beruhigte das politische Establishment ihres Heimatlandes. „Ich plane nicht mehr, Premierminister von Pakistan zu werden“, versicherte Malala Freund und Feind. Außerdem zeigte sie sich im Swat-Tal mit Kopftuch und in traditionellem pakistanischen Gewand. Vergangenes Jahr hatte Malala unter Konservativen und Extremisten für Wirbel gesorgt, als sie sich öffentlich in Jeans zeigte. Denn auch das gilt jenen Pakistanern, die in ihrem Land am liebsten alte Zeiten zurückbringen wollen, als ein Verbrechen.

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