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Wir brauchen eine Diskussion über den Begriff „Migrationshintergrund“.

Staatsbürgerschaft

Makel „Migrationshintergrund“ - die unangemessene Kategorie

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Nach der offiziellen Definition der Bundesregierung haben 20,8 Millionen Menschen einen Migrationshintergrund. Doch dieser Begriff ist untauglich. Eine Analyse.

Kaum war die Zahl am Mittwoch in der Welt, gehörte sie zu den Top-Informationen auf Twitter – ein sicheres Zeichen dafür, wie emotional ein Thema aufgeladen ist. Es geht um Menschen in Deutschland, die nach der offiziellen Definition der Bundesregierung einen Migrationshintergrund haben. Es sind aktuell 20,8 Millionen, oder jeder Vierte. 13,5 Millionen von ihnen sind zugewandert, 6,3 Millionen hier geborene Kinder von Zuwanderern.

Wer ist gemeint? „Eine Person hat einen Migrationshintergrund, wenn sie selbst oder mindestens ein Elternteil nicht mit deutscher Staatsangehörigkeit geboren wurde“, legt das Statistische Bundesamt dar. Und hier fangen die Probleme an.

Mikrozensus zählt nicht nur Deutsche und Nicht-Deutsche

Da deutsche Staatsbürger andere Rechte und Pflichten in Deutschland haben als Menschen ohne einen deutschen Pass, kann es für den Staat sinnvoll sein zu wissen, wie viele Menschen der beiden Gruppen auf seinem Gebiet leben. Doch das genügt den Behörden nicht. Seit dem Mikrozensus 2005 zählen sie nicht nur Deutsche und Nicht-Deutsche, sondern auch Deutsche mit Migrationshintergrund. Die Unterscheidung dieser drei Gruppen ist ein gutes Beispiel dafür, wie sinnvolle Ideen negative, weil diskriminierende Folgen haben können.

Die Kategorie „Migrationshintergrund“ sollte helfen, „Benachteiligungen beobachtbar“ zu machen, „die auf strukturelle Barrieren und gesellschaftliche Schließungsprozesse verweisen“, erklärt die Bundeszentrale für politische Bildung den Begriff. Doch im Alltag bewirkt diese Kategorie das Gegenteil.

„Migrant“ oder „Migrantin“ wird gleichgesetzt mit „Aus dem Ausland stammend“ 

Die Fragen, wie groß der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund in einem Stadtteil ist, oder der Anteil der Kinder mit Migrationshintergrund an einer Schule, sind Abgrenzungsfragen. Ein hoher Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund – ob im Kiez oder in der Schule – wirkt wie ein Argument, die Gegend oder die Schule zu meiden, diese unbekannte, nebulöse Parallelgesellschaft.

Die Begriffe „Migrant“ oder „Migrantin“ werden in Deutschland immer noch gleichgesetzt mit „aus dem Ausland stammend“ – was ist mit den Binnenmigranten? –, und auch mit Sicherheitsgefahr und Bildungs- oder Leistungsschwäche. Viel zu oft führt dieses Denken dann auch zu sehr einfachen Erklärungen für komplexe Zusammenhänge. Wie schief dann entsprechende politische Debatten laufen, hat vor wenigen Tagen der CDU-Politiker Carsten Linnemann vorgeführt, indem er die sozialen Hintergründe von Sprachproblemen auf das Thema Migration reduzierte hatte.

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Wie unangemessen die Kategorie „Migrationshintergrund“ inzwischen ist, wird beim folgenden Bild klar: Wer als Kleinkind nach Deutschland eingewandert ist, deutscher Staatsbürger geworden ist und hier ein Kind bekommt, vererbt quasi seinen Migrationshintergrund an das Kind. Ob das Kind die Ursprungssprache der Eltern lernt, ob es in sozialer Not oder in einer privilegierten Situation aufwächst – den Makel „Migrationshintergrund“ hat es amtlich verpasst bekommen und wird ihn nie wieder los. Denn es hat keine Möglichkeit, dieser amtlichen Kategorie zu entkommen.

Wir brauchen eine Diskussion über den Begriff „Migrationshintergrund“. Ist er nötig? Ist er sinnvoll? Gibt es bessere Zuschreibungen, weniger negative? „Migrationsgeschichte“ oder „Migrationskultur“ sind zum Beispiel Begriffe, die Zuwanderer diskutieren. Es geht vor allem um Mitsprache und Mitbestimmung bei der Definition der eigenen Identität – es geht um Machtverschiebungen in diesem Land, weg von „über Zuwanderer reden“ hin zu „mit Zuwanderern reden“, ihnen zuhören und vor allem ihre Erfahrungen mit dem bisherigen Begriff ernst nehmen.

Die sinnvolle Absicht des Begriffs „Migrationshintergrund“ hat sich nicht erfüllt. Er hilft den neuen Deutschen nicht, in ihrer neuen Heimat vollständig anzukommen.

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