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Gerhard Trabert (links) organisiert mit seinem Team unter anderem Prothesen für geflüchtete Menschen auf Lesbos. (Foto: Privat)
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Gerhard Trabert (l.) organisiert mit seinem Team unter anderem Prothesen für geflüchtete Menschen auf Lesbos.

Interview

Arzt berichtet über Situation in Lagern auf Lesbos: „Europa schaut zu“

  • Pitt v. Bebenburg
    VonPitt v. Bebenburg
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Der Sozialmediziner Gerhard Trabert aus Mainz zeigt sich erschüttert über die Zustände im Lager auf Lesbos und brutale Pushbacks.

Herr Trabert, Sie beobachten seit Jahren die Situation der geflüchteten Menschen auf Lesbos. Wie ist die Lage bei Ihrem derzeitigen Besuch?

Früher gab es drei Lager. Nach dem Brand des Moria-Camps vor einem Jahr hat man alle Menschen zentriert in dem neuen Camp Mavrovouni untergebracht, einem früheren Truppenübungsplatz. Derzeit sind dort etwa 5000 Menschen. Es werden immer mehr Container aufgebaut, aber die Mehrheit ist immer noch in Zelten untergebracht. Wenn es regnet, regnet es in die Zelte hinein, und es gibt regelrechte Sturzbäche.

Wie viele Kinder leben dort?

Ich denke, das sind mindestens ein Drittel, wenn nicht sogar die Hälfte. Es gibt so gut wie keine Versorgung für sie, was etwa erlittene Traumata angeht. Und die Lebensbedingungen im Camp stellen eine erneute Traumatisierung dar.

Lesbos: Geflüchtete Frauen leiden in den Lagern besonders stark

Wer leidet sonst besonders stark?

Wir hören immer wieder von sexuellen Übergriffen gegenüber Frauen durch Bewohner im Lager, aber auch durch Männer, die von außerhalb ins Lager kommen. Es wurden Fälle dokumentiert und der Polizei übergeben, und die Polizei hat nichts veranlasst. Die Frauen in diesen Lagern haben Angst.

Was können Sie beitragen zur medizinischen Versorgung?

Zur Person

Gerhard Trabert , 65, aus Mainz ist Arzt und lehrt Sozialmedizin an der Hochschule Rhein-Main in Wiesbaden. Der Vorsitzende des Vereins „Armut und Gesundheit in Deutschland“ unterstützt Geflüchtete an Europas Außengrenzen, derzeit auf der griechischen Insel Lesbos.

In Zusammenarbeit mit der Organisation The Earth Medicine, engagieren wir uns insbesondere für die praktische Umsetzung von Rehabilitationsmaßnahmen für die zahlreichen geflüchteten Menschen mit gravierenden körperlichen Einschränkungen aufgrund von Kriegsverletzungen wie zum Beispiel Querschnittslähmungen und Amputationen von Gliedmaßen. Wir unterstützen diese Arbeit finanziell und ganz konkret bei der Herstellung von neuen Prothesen in Deutschland.

Auf Lesbos gibt es keine Stelle, wo Prothesen repariert oder hergestellt werden. Die Physiotherapeutin darf in dem Camp nicht mehr arbeiten. Nun unterstützen wir sie dabei, dass sie in der Inselhauptstadt Mytilene ein größeres Zentrum aufbauen kann, das ist nur fünf Minuten vom Camp entfernt. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Organisation einer Rechtsberatung.

Geflüchtete auf Lesbos: Sofort von der Polizei in Gewahrsam genommen

Sie versuchen seit Jahren, Menschen mit Lähmungen und anderen Beeinträchtigungen nach Deutschland zu holen, etwa den Syrer Khalid Alafaat, über dessen Schicksal die Frankfurter Rundschau mehrfach berichtet hat. Wie ist der Stand?

In Deutschland hatten wir in einem Fall Erfolg, da hat das Innenministerium zugestimmt, dass die beiden Syrer Abdulkarim und Wael aufgenommen wurden. Beide leben jetzt seit einem Jahr in Mainz und es geht ihnen gut. Aber das war’s dann auch. Khalid ist leider immer noch im Lager. Aber belgische Unterstützer haben wohl erreicht, dass das belgische Parlament zugestimmt hat, dass Khalid und seine Kinder und seine Frau nach Belgien dürfen.

Allerdings hat er das Problem, dass er auf die Dokumente wartet, schon seit sechs Monaten. Wenn die griechischen Behörden entschieden haben, dass die Menschen als bleibeberechtigt anerkannt werden, tritt etwas ganz Verrücktes ein: Es dauert ein halbes Jahr oder noch länger, bis sie ihre Dokumente bekommen und sich frei in Europa bewegen können. Bis dahin erhalten sie keinerlei Unterstützung mehr, kein Geld, keine Wohnung. Wie sollen die Menschen da klarkommen?

Klarer Auftrag an SPD und Grüne: Menschen aus den Lagern auf Lesbos herausholen

Seit Jahren wird über gewaltsame Pushbacks der griechischen Küstenwache auf hoher See berichtet, die geflüchtete Menschen um jeden Preis zurück in die Türkei schicken wollen. Gibt es die immer noch?

Es gibt momentan auf Lesbos eine ganz klare Strategie: Wenn Menschen nach Lesbos fliehen, werden sie sofort von der Polizei in Gewahrsam genommen. Dann werden sie illegal abgeschoben. Man bringt sie auf das Meer hinaus. Dort werden sie in Schlauchbooten ausgesetzt. Sie bekommen die Hände auf dem Rücken gefesselt, und dann wird dieses Schlauchboot in Richtung Türkei losgelassen. Nach sechs oder acht Stunden werden sie von der türkischen Küstenwache gefunden und an Land gebracht. Das haben mir gerade Leute berichtet, die es selbst erlebt haben. Das Verhalten der griechischen Behörden ist kriminell und Europa schaut zu.

In Deutschland wird gerade eine neue Bundesregierung gebildet. Was erwarten Sie von ihr?

Ich habe eine klare Erwartungshaltung, gerade was die SPD und die Grünen angeht. Alte, chronisch Kranke, Schwangere, körperlich und seelisch behinderte Menschen und natürlich die Kinder müssen aus diesen Lagern schnellstmöglich herausgeholt werden. Und die Kriminalisierung der Seenotrettung muss aufhören. Im Gegenteil, es muss ein europäisches Konzept für die Seenotrettung her mit einer Unterstützung der NGOs. Es darf keine Kooperation mit der libyschen Küstenwache geben. Ich war vor sechs Wochen selbst im Mittelmeer und habe an vier Rettungsaktionen teilgenommen, darunter eine, wo wir zu spät kamen und die Menschen aus dem Wasser ziehen mussten.

Dabei sind sehr wahrscheinlich viele Menschen ertrunken. Wir haben immer wieder mitbekommen, dass die libysche Küstenwache nicht geholfen hat, sondern im Gegenteil sehr aggressiv gegenüber den zivilen Seenotrettern aufgetreten ist. Das gilt auch für die bosnisch-kroatische Grenze, wo ich im Frühjahr war. Da geschehen dramatische Pushback-Aktionen durch die kroatische Grenzpolizei. Da erwarte ich von der Bundesregierung, dass sie klare Zeichen der Humanität und der Einhaltung der Menschenrechte setzt. (Interview: Pitt von Bebenburg)

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