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Abtreibungsgegner bei einer ihrer Mahnwachen – hier vor der Beratungsstelle von Pro Familia in Frankfurt 2018.

Abtreibungsgegner

Wie die Mahnwachen nach Deutschland kamen

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Der kroatische Mitbegründer der Anti-Abtreibungsbewegung hat eine rechtsradikale Vergangenheit.

Besonders auskunftsfreudig ist Sanela M. nicht. Es seien schon zu viele „Unwahrheiten“ über sie und ihre Mitstreiter verbreitet worden, sagt sie, insbesondere in deutschen Medien. Genauer wird die für Deutschland zuständige „nationale Koordinatorin“ der Initiative „40 Tage für das Leben“ nicht. Das Telefongespräch bleibt kurz. Sanela M. wirkt irritiert, dass sich deutsche Medien für sie interessieren. Dabei sucht sie seit drei Jahren die Öffentlichkeit, wenn es um ihr Anliegen geht – den Kampf gegen Abtreibungen.

Am heutigen Aschermittwoch werden Sanela M. und ihre Mitstreiter wieder auf die Straße gehen – nicht als Teilnehmer einer Demonstration, sondern mit Gebetsmahnwachen. In München werden sie vor dem Eingang des Gesundheitszentrums Freiham Stellung beziehen, weil dort auch Schwangerschaften abgebrochen werden. Etwa zur gleichen Zeit beginnt in Frankfurt am Main eine Mahnwache vor der Beratungsstelle von Pro Familia.

Kliniken werden belagert

An beiden Standorten werden die Abtreibungsgegner Bilder von Föten hochhalten oder Plakate mit Aufschriften wie „Ich will leben“. Sie werden Gebete murmeln und kirchliche Lieder anstimmen – jeden Tag bis Ostern.

Seit drei Jahren ist „40 Tage für das Leben“ in Deutschland aktiv. Zwei Mal im Jahr – im Herbst und im Frühjahr – belagern die Abtreibungsgegner 40 Tage lang Kliniken und Beratungsstellen. Ihr Ziel: Frauen vom Schwangerschaftsabbruch abzuhalten. In München traten sie im Frühjahr 2016 erstmals in Erscheinung. 2017 folgte Frankfurt.

Ursprünglich stammt das Konzept der Gruppe aus den USA. Dort geht die Zahl der organisierten Anti-Abtreibungsmahnwachen inzwischen in die Hunderte. Wer sich auf den Facebook-Seiten der deutschen Mahnwachen umsieht, findet zahlreiche Verweise auf die Initiative in den USA. Aber mindestens ebenso viele Einträge in einer anderen Sprache: Kroatisch.

Man kann sagen, dass die 40-Tage-Mahnwachen auf einem Umweg über Kroatien nach Deutschland importiert wurden. 2014 fanden in sechs kroatischen Städten die ersten Anti-Abtreibungsmahnwachen unter diesem Motto statt – unter anderem in Sisak. Die nicht mal 50 000 Einwohner zählende Stadt ist Sitz eines katholischen Bistums. Dort beteiligten sich nicht nur örtliche Pfarrer an den Mahnwachen, sondern auch ein Mann, der später den Anstoß für die erste Mahnwache in Deutschland geben sollte: Boris Ð..

Seit dem EU-Beitritt haben mehr als 100 000 Arbeitssuchende Kroatien in Richtung Deutschland verlassen. Viele von ihnen fanden hier Anschluss an eine von bundesweit 96 kroatisch-katholischen Gemeinden. Einer von ihnen war Boris Ð.. Es verschlug ihn nach München. Im Januar 2016 organisierte er zusammen mit Sanela M. das Gründungstreffen des dortigen Ablegers von „40 Tage für das Leben“ – in den Räumen der kroatisch-katholischen Gemeinde.

Hooligan kämpft für Föten

Das Ereignis blieb in deutschen Medien unbeachtet. In Kroatien hingegen berichteten Internetportale wie narod.hr, das von der ultrakonservativen Vereinigung „Im Namen der Familie“ betrieben wird, ausführlich. Auch andere, der Kirche nahestehende Medien erwähnten Boris Ð. immer wieder als den „Mann, der die Mahnwachen nach Deutschland brachte“. Über seine Vergangenheit schwiegen sie sich aus.

Im August 2012 – knapp anderthalb Jahre vor dem Beginn der Mahnwachen in Kroatien, wurde Boris Ð. von einem Gericht in der kroatischen Hauptstadt Zagreb zu zwei Jahren Haft verurteilt. Als Fußball-Hooligan war er an einem brutalen Angriff auf den Mannschaftsbus einer griechischen Mannschaft beteiligt gewesen. Ebenfalls unerwähnt blieb, dass Boris Ð. zu diesem Zeitpunkt Funktionär einer rechtsradikalen Partei war.

Auch Sanela M. möchte über die Vergangenheit ihres Mitstreiters nicht reden. „Das hat nichts mit unserer Initiative zu tun“, sagt sie. Im Übrigen habe Ð. aus Zeitgründen seine Tätigkeit für die Initiative aufgegeben. Boris Ð. selbst war nicht zu erreichen.

Während sich hierzulande die beiden großen Kirchen zumindest von der Aktionsform von „40 Tage für das Leben“ distanzieren, wird sie in Kroatien von kirchlichen Würdenträgern „von ganzem Herzen“ unterstützt, wie die kroatische Menschenrechtsorganisation „Pariter“ auf FR-Anfrage mitteilte. Die Initiative sei mit zahlreichen klerikalen Organisationen vernetzt, die eine „Retraditionalisierung“ der Gesellschaft anstreben, so Pariter, im Sinne einer „homogenisierten Nation, die ausschließlich auf katholischen Wertvorstellungen“ aufbaue.

Gemeint sind Organisationen wie „Im Namen der Familie“. Die Vereinigung organisierte 2013 eine Volksabstimmung, mit der die rechtliche Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften mit der Ehe in Kroatien verhindert wurde. Ein weiterer Akteur ist die ultrakonservative Vigilare-Stiftung, die jährlich zum „Tradfest“ nach Zagreb einlädt. Das „Festival der Tradition und konservativer Ideen“ zieht Jahr um Jahr Abtreibungsgegner an, die dort Kampagnenstrategien diskutieren. 2017 riet etwa ein Referent dazu, Abtreibung mit dem Holocaust gleichzusetzen.

Auf der Facebook-Seite des Frankfurter Ablegers von „40 Tage für das Leben“ wird diese Strategie nahezu mustergültig umgesetzt. Neben Schockfotos und Tipps für die „Heilung“ Homosexueller finden sich immer wieder Bilder, auf denen Holocaustopfer neben Föten abgebildet sind. „Sie erlaubten ihnen nicht zu leben“, lautet eine der Überschriften – verfasst auf Kroatisch.

Propaganda via Facebook

Die Frankfurter Facebook-Präsenz von „40 Tage für das Leben“ gebärdet sich radikaler als ihr Münchner Pendant. Kein Zufall. Initiator der Frankfurter Mahnwache ist der Rechtsanwalt Tomislav Cunovic. 2015 gründete er in der kroatisch-katholischen Gemeinde in Frankfurt einen Ableger von „Im Namen der Familie“. 2017 organisierte er das Gründungstreffen von „40 Tage für das Leben Frankfurt“. Die kroatisch-katholische Gemeinde in Offenbach stellte dafür ihre Räume zur Verfügung. Die Zeitschrift der Kroatenseelsorge in Deutschland – einer Art Dachverband der kroatischen Gemeinden – berichtete wohlwollend. Sein Engagement hat sich für Cunovic ausgezahlt. Inzwischen ist er zum Vizepräsident der Vigilare-Stiftung aufgestiegen.

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