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Die beiden Mitbegruenderinnen und Vorsitzenden des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins Louise Otto-Peters (r.) und Auguste Schmidt. Die Journalistin und Schriftstellerin Louise Otto-Peters kämpfte zeitlebens gegen Diskriminierung.

Frauentag

Männliche Deutungsmacht und weiblicher Ausschluss

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Louise-Otto Peters? Forderung aus dem Jahre 1847 ist heute noch so aktuell wie damals. Der Weg dahin führt über den Beruf und die öffentliche Anerkennung.

Manchmal sind es die kleinen Erfahrungen, die den Blick fürs Größere schärfen. Vielleicht ist mir deshalb ein Gespräch mit meiner Mutter so lebhaft im Gedächtnis geblieben. Kein Mensch, behaupte ich mal, hat je so viel gearbeitet wie sie. Als meine jüngste Schwester fünf Jahre alt war, stieg meine Mutter wieder in den Beruf ein. Vollzeit. Ende der 1960er Jahre war sie unter den rund 150 Angestellten in ihrer Bank eine Exotin – die einzige Frau mit unmündigen Kindern.

Meine Mutter stand morgens um halb sechs auf und kam nie vor Mitternacht ins Bett. Sie hatte einen Acht-Stunden-Tag im Beruf, fünf Kinder, ein Haus, den Garten und mit meinem Vater einen Mann, der sie zwar mehr unterstützte, als es für seine Generation üblich war – aber angesichts des unendlichen Bergs an täglichen Aufgaben waren es Peanuts. 

Wir Kinder sind stets davon ausgegangen, dass meine Mutter sich die wahnsinnige Doppelbelastung nur aufgehalst hatte, damit das Familieneinkommen für das eigene Haus und unsere Ausbildung reichte. Bis sie uns aufklärte. Klar ginge es auch um die ökonomische Seite, meinte sie. Aber mindestens genau so wichtig sei alles andere, das der Beruf ihr biete. Denn so habe sie neben der Familie auch noch ein anderes Leben: nicht nur als Ehefrau und Mutter, sondern auch als kompetente Mitarbeiterin und Kollegin. Sobald sie in die Bank käme, rücke die Familie weit weg. Die Arbeit sei interessant, durch den Job wäre sie sehr viel selbstbewusster geworden, sie fühle sich unabhängiger, weil sie eigenes Geld verdiene und sei stolz auf die Anerkennung, die sie bekomme.

Näher am Alltagsleben lässt sich für mich kaum beschreiben, warum ein Beruf für Frauen wichtig ist. Warum aller Einsatz rund um Kind und Haus zwar schön und notwendig bleibt, die Erwerbsarbeit aber noch Entscheidendes darüber hinaus bieten kann: Sinnstiftung jenseits von Familie und Partnerschaft, ökonomische Eigenständigkeit, Sichtbarkeit im öffentlichen Raum, Respekt und Ansehen in der Außenwelt. „Es gibt so viele Goodies, die mit der Erwerbsarbeit verbunden sind, dass es ganz falsch ist, einen Beruf auf den finanziellen Aspekt zu reduzieren“, betont die Soziologin Jutta Allmendinger. „Es geht auch um die soziale Vernetzung, darum, Freunde zu haben, anderes kennenzulernen, etwas zu tun, das einen gesellschaftlichen Wert hat. Kurzum, es geht um Teilhabe an der Gesellschaft.“

Um diese Teilhabe haben Frauen erst einmal kämpfen müssen. Zumindest die bürgerlichen Frauen. Louise Otto-Peters, die als Gründerin der deutschen Frauenbewegung gilt, forderte 1847: „Selbständig müssen die deutschen Frauen werden.“ Selbstständig durch Bildung, Arbeit und eigenständige materielle Existenz. Louise Otto-Peters erklärte es als Sünde, das Weib „auf den engen Kreis der Häuslichkeit beschränken zu wollen und somit auszuschließen von jeden anderen Zwecken des Menschtums, welche sich nicht auf die Familie beziehen“. Paradox an dieser Forderung ist, dass es in jener Zeit bereits sehr viel weibliche Lohnarbeit gab: Millionen Frauen aus dem proletarischen Milieu, die unter unmenschlichen Bedingungen schufteten; massenhaft Dienstmädchen, die für wenig Geld viele Stunden in Haushalten ausgebeutet wurden. Doch für bürgerliche Töchter war die Erwerbstätigkeit tabu – was viele von ihnen in Abhängigkeit oder Armut führte.

Bei der zweiten Frauenbewegung ab 1968 stand das Recht auf Arbeit wieder auf dem Plan. Denn im kollektiven Selbstverständnis der bundesrepublikanischen Wohlstandsgesellschaft war weibliche Berufstätigkeit nicht angesagt. Sie gehörte sich irgendwie nicht, sie brachte die alten Geschlechterrollen durcheinander. Noch bis 1977 waren Frauen sogar gesetzlich „zur Führung des Haushaltes“ verpflichtet. Der Ehemann entschied, ob seine Angetraute einen Job haben durfte und konnte ihn auch ohne ihre Zustimmung kündigen. 

Angesichts dieser Kämpfe, könnte man den Eindruck gewinnen, Frauenarbeit sei ungewöhnlich. Das Gegenteil ist der Fall. Frauen haben immer gearbeitet. Doch die Wahrnehmung von Frauenarbeit unterlag stets anderen Kriterien als die der Männer. Die herkömmliche Wirtschafts- und Sozialgeschichte unterschlug mit Vorliebe den weiblichen Beitrag. Historisch betrachtet wurde das wissenschaftliche Interesse erst durch die Lohnarbeit geweckt.

Wenn es um den Wert von Arbeit und ihren gesellschaftlichen Nutzen geht, lässt sich die weibliche Leistung jenseits der Erwerbsarbeit tatsächlich leicht ignorieren: der Einsatz im Haus, bei der Kindererziehung und Pflege von Angehörigen, bei der Unterstützung auf dem Hof, im Handwerksbetrieb oder im Geschäft. Denn dabei sind die Frauen kaum sichtbar. Und weil diese Arbeiten häufig als Verlängerung der traditionellen Rollenaufgaben angesehen werden, wird deren Professionalität gern verleugnet. Bis heute.

Nehmen wir nur mal das Kochen. Im Alltag wird diese Arbeit fast ausschließlich und millionenfach von Frauen erledigt; aber wenn es ums professionelle Kochen geht, zumal um die Spitzengastronomie, wird Kochen zur Männerdomäne. Dasselbe Spiel im Modebereich. Nadelarbeiten sind traditionell weiblich: das Sticken, Stricken, Nähen, Schneidern. Doch die hochprofessionelle Schneiderszene ist fast ausschließlich von Männern bevölkert. Und die heißen dann Modedesigner.

Nicht arbeiten als emanzipatorischer Akt?

Wann gilt eine Tätigkeit als Beruf? Wo verläuft die Grenze zwischen Arbeit und Nichtarbeit? Zwischen Erwerbsarbeit, gesellschaftlichem Nutzen und öffentlicher Anerkennung? 
Die ökonomische, finanzielle und soziale Wertschätzung von Frauen- und Männerarbeit ist weder neutral noch ausgewogen. Wie auf allen Feldern, in denen konservative Geschlechtermuster vorherrschen, geht es auch hier um männliche Deutungsmacht und weiblichen Ausschluss – was sich noch in der heutigen Arbeitswelt allzu deutlich niederschlägt. Zum Beispiel bei der katastrophalen Bezahlung von Krankenschwestern und Erzieherinnen oder dem Gender-Pay-Gap. Dabei wurde bereits 1955 der Grundsatz „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ ausgerufen.

Geht es um das Thema „Frauen und Beruf“, wird in der Öffentlichkeit häufig mit dem Schlagwort „Frauen und Karriere“ operiert – was falsch ist. Denn Karriere zu machen kann nicht das Kriterium für Berufsarbeit sein, Karriere machen immer nur wenige: einige Männer, viel seltener noch Frauen. Beim Beruf geht es um mehr, als erfolgreich an die Spitze zu kommen.

Männer wissen das. Nie kämen sie auf die Idee, die Erwerbsarbeit zu vernachlässigen oder auf einen Versorger zu setzen. Die gut ausgebildeten Frauen hierzulande ticken ganz ähnlich. Nach ihren Zukunftsentwürfen befragt, sind ihnen Beruf und Familie gleichermaßen wichtig, sie wünschen ein Leben auf Augenhöhe, in dem sie alles mit ihrem Partner teilen. 

Nur verschieben dann viele Frauen ihre Prioritäten, sobald sie Mutter werden. Kaum in den Beruf eingestiegen, gilt er neben der Familie als nicht mehr so wichtig. Weil die Strukturen der Arbeitswelt nach wie vor männerdominiert und familienfeindlich sind. Weil sich Frauen noch immer in uralte Rollenmuster drängen lassen, die ihnen ein angenehmeres Leben vorgaukeln. Mit allen Konsequenzen, die das für ein eigenständiges weibliches Leben bis hin zum Altern in Würde hat.

Kann es ein Akt der Emanzipation sein, sich der Arbeitswelt zu entziehen? Um sich nicht vollends nach Männermanier den Gesetzen des Marktes und der Ökonomisierung der Lebenswelt auszuliefern? Diese Überlegung hat zweifellos etwas für sich. Nur hilft es nicht. Denn ohne die massenhafte Präsenz von Frauen werden sich die Verhältnisse in der Arbeitswelt nicht ändern. Zudem gehen Frauen, die diesem Weg folgen, ein großes Risiko ein: Wenn sie sich finanziell abhängig machen, können gerade sie von den Gesetzmäßigkeiten einer kapitalistischen Ordnung besonders brutal eingeholt werden. 

Übrigens: Meine Mutter hat dreiundzwanzig Jahre in Vollzeit bei ihrer Bank gearbeitet. Heute ist sie 87 und sagt, dass sie es nie bereut hat. Es sei kein einfaches Leben gewesen, aber ein gutes.

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