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Vor der physischen steht oft die psychische Gewalt, sagt Expertin Steinmeir. "Das ist ein langsamer Tod."

Gewalt gegen Frauen

"Männer haben oft überhaupt kein Selbstbewusstsein"

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Die Antiaggressionstrainerin Monika Steinmeir spricht im Interview über Sprachlosigkeit, problematische Männerbilder und zur Frage, warum kaum jemand Geld für die Arbeit mit Tätern ausgeben will.

Frau Steinmeir, Sie leiten sogenannte Tätertrainings für Männer, die gegenüber ihren Partnerinnen gewalttätig geworden sind. Warum konzentrieren Sie sich auf die Täter?
Täterarbeit gehört zu den wichtigsten Interventionen im Opferschutz – gerade bei häuslicher Gewalt. Denn viele Frauen bleiben ja bei ihren Partnern oder gehen wieder zu ihnen zurück. Schließlich waren sie nicht ohne Grund zusammen und verbinden auch gute Dinge mit dem Partner. Dazu kommen die gemeinsamen Kinder. Wir wären oftmals froh, wenn Frauen sich trennen würden, aber das tun sie eben in vielen Fällen nicht. Und unser Weg ist dann, mit dem Täter zu arbeiten, damit sich etwas verändert. 

Wie kommen die Männer überhaupt zu Ihnen? Freiwillig? 
Ich arbeite zum einen in der JVA Dieburg mit Männern, die unter anderem wegen Beziehungsgewalt im Gefängnis sind. Die kommen freiwillig. Und dann habe ich eine Gruppe in Frankfurt, da werden die meisten Männer vom Jugendamt geschickt. Da gab es Stress in der Familie, und das Jugendamt droht, die Kinder aus der Familie zu nehmen. Insgesamt würde ich sagen, zwei Drittel werden geschickt, ein Drittel kommt freiwillig.

Viele Deutsche glauben laut Umfragen, dass Armut, Religion oder Bildungsferne Gründe für Gewalt gegen Frauen sind. Können Sie das bestätigen? 
Nein, überhaupt nicht. Das zieht sich durch alle Schichten und alle Gruppierungen. Aber bei ärmeren Leuten, die vielleicht im sozialen Brennpunkt in einer Zweizimmerwohnung mit schlechten Wänden wohnen, da fällt das einfach viel mehr auf. Da rufen die Nachbarn dann eher mal die Polizei. Dagegen im Einfamilienhaus mit großem Garten, da kriegt man das einfach nicht so mit, und die Männer haben mehr Möglichkeiten, das zu vertuschen. Insgesamt kann man sagen, dass die Täter bei häuslicher Gewalt oft unauffällige, vermeintlich normale Männer sind, denen man von außen nichts anmerkt.

Gibt es darüber hinaus Dinge, die die Täter gemeinsam haben?
Rund 80 Prozent der Männer, mit denen wir arbeiten, sind selbst Opfer gewesen und haben als Kind Beziehungsgewalt zwischen ihren Eltern erlebt. So lernen sie schon als Jungen, dass man mit Gewalt Probleme löst, und so wird das über Generationen weitergetragen. Klar ist: Täter sind Täter, und all diese Dinge sind keine Entschuldigung für Gewalt – aber eine Erklärung. Täter haben auch eine Geschichte.

Erkennen die Männer denn spätestens, wenn sie bei Ihnen sitzen, dass ihre Gewalt ein Problem ist?
Nö. Gerade die, die vom Jugendamt geschickt werden, verstehen am Anfang oft überhaupt nicht, was sie da sollen. Da heißt es dann: „Ich hab doch gar nichts gemacht, ich hab sie doch nur ein bisschen geschubst.“ Oft geben Männer auch ihrer Frau die Schuld, weil die sie angeblich provoziert habe. Aber das lassen wir nicht zu. Es geht immer darum, die Verantwortung für die eigenen Taten zu übernehmen. 

Und wie geht es dann weiter?
Wir schauen uns gemeinsam an, was die Motive waren. Was hat zur Gewalt geführt? Oft hat sich ganz viel angestaut, aber weil die Männer nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen, tun sie lange nichts – und explodieren dann plötzlich. Sie schaffen es nicht, ohne Gewalt Grenzen zu setzen. Wir spielen im Training die Tat nach und überlegen, wo es Handlungsalternativen gegeben hätte. Das kann zum Beispiel bedeuten, in einer Situation, die sich hochgeschaukelt hat, für ein paar Tage zu gehen. Und danach miteinander über die Probleme zu reden. Viele können das nicht, obwohl sie ein großes Bedürfnis danach haben. Es klingt komisch, aber diese Männer haben oft überhaupt kein Selbstbewusstsein.

Tatsächlich? 
Ja, viele haben Versagensängste: Ich kann meine Familie nicht ernähren, meine Frau macht mir Druck, ich kann meinen Kindern nicht gerecht werden. Wenn wir nach Männerbildern fragen, dann kommt immer wieder das Thema: „Ich bin der Versorger der Familie, ich bin der Hauptverantwortliche, und ich muss was hinkriegen.“ Aber wenn das so nicht funktioniert, etwa weil der Mann nicht genug verdient, dann fühlt er sich als Versager. Das hat aber nicht nur mit Armut zu tun, das kann auch ein Banker sein. Und je kleiner der Mann in seiner Wahrnehmung wird, desto mehr muss er sich aufplustern, damit er seine Machtposition behält. 

Indem er zuschlägt? 
Ja, oder indem er zunächst psychische Gewalt ausübt. Demütigungen, sexualisierte Beleidigungen, Geld wegnehmen, Kontakt zu Freundinnen verbieten. Das kann bis zum Einsperren in der Wohnung gehen. Alles was die Frauen kleinmacht, ihnen vermittelt: Du kannst nichts, du bist nichts. Körperliche Gewalt kann zum Tode führen, aber psychische Gewalt ist letztlich ein langsamer Tod, weil man da eine Persönlichkeit total zerstört, weil man einer Frau alles nimmt.

Und welche anderen Rollenbilder versuchen Sie den Männern zu vermitteln?
Wir versuchen vor allem, den Druck rauszunehmen und ihnen zu vermitteln, dass sie mit ihren Frauen gemeinsam nach Lösungen suchen sollen. Dass der Mann auch mal sagen kann, ich weiß nicht mehr weiter – und sich diese Schwäche in dem Moment auch erlauben kann, weil das eben eine Partnerschaft ist. Total wertvoll ist da auch die Gruppendynamik. Die Männer hinterfragen und kritisieren sich gegenseitig. Oder sie sagen: „Das kenn ich auch.“ Und dann trauen sie sich auch mal, ihre eigene Geschichte zu erzählen, die ja meistens sehr schambehaftet ist.

Stellen Sie denn Veränderung bei den Männern fest?
Ja, das ist schon erstaunlich. Natürlich nicht in jedem Fall. Aber die meisten übernehmen Verantwortung für ihr Handeln und nehmen neue Blickwinkel ein – vor allem auch in Bezug auf die Kinder. Kinder sind oft das, was die Männer emotional weichkocht. Es gibt eine Übung, bei der legen sich die Männer mit geschlossenen Augen auf den Boden und wir – Trainerin und Trainer – beschimpfen uns unflätigst. Die Schimpfworte sammeln wir vorher bei den Männern. Da fliegt auch mal eine Flasche, dann knallt was gegen die Wand. Und für die Männer ist das ganz schlimm, weil sie merken: Das ist das, was ihre Kinder erleben im Nebenzimmer. Und wie gewalttätig das ist, obwohl noch kein Schlag fällt. Da ist dann oft die Brücke zur eigenen Biografie.

Gibt es genug solcher Tätertrainings in Deutschland?
Nein, das ist die absolute Ausnahme. Das Vorzeigeland ist ganz klar Rheinland-Pfalz. Da gibt es neun Täterarbeitseinrichtungen, die nach den Standards der Bundesarbeitsgemeinschaft arbeiten und dauerhaft vom Innenministerium finanziert werden. Das würde ich mir auch für den Rest Deutschlands und konkret für das Rhein-Main-Gebiet wünschen. Wir haben hier immer wieder versucht, als Verein etwas anzustoßen, aber es scheitert gnadenlos an der Finanzierung, es gibt einfach keine Gelder dafür. Unsere beiden Projekte werden vom Justizministerium und vom Jugendamt bezahlt, Aber das sind lediglich projektbezogene Gelder, die wir jedes Mal neu beantragen müssen. Das ist immer ein Kampf. Dadurch können wir auch keine fortlaufenden Gruppen oder Trainings anbieten. Dabei hätten viele Männer da Bedarf, gerade nachdem sie aus der Haft entlassen sind.

Woran liegt es, dass dafür so wenig Geld frei gemacht wird?
Täterarbeit ist einfach ein unbeliebtes Thema. Damit gewinnt man keine Wahlkämpfe. Und für Täter will auch niemand spenden. Das kann man ja auch verstehen. 

Interview: Alicia Lindhoff

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