+
Früh regt sich: Ein Mädchen beim "Women?s march" im Januar.

Ubda Hörner Interview

"Die Männer haben erst mal losgelacht"

  • schließen

1919 zogen die ersten Frauen ins deutsche Parlament ein. Zwölf Pionierinnen aus dieser Zeit des Wandels hat die Schriftstellerin Unda Hörner ein Buch gewidmet.

Frau Hörner, warum haben Sie das Jahr 1919 für Ihr Buch gewählt? 
1919 war das erste Friedensjahr nach dem Ersten Weltkrieg und Strukturen in Deutschland wurden neu gebildet. Das Kaiserreich war passé, und die neue Weimarer Verfassung trat in Kraft, was bedeutete, dass viele Institutionen, nicht nur politische, sondern auch Schulen neu begründet wurden. Es existierte eine Art Vakuum zwischen dem Ende des Kaiserreiches und dem Inkrafttreten der Weimarer Verfassung. So war die Zensur, die zu dieser Zeit eine große Rolle spielte, noch nicht in Kraft, und es konnten sich liberale Institutionen bilden, wie etwa das Bauhaus oder das berühmte Institut für Sexualwissenschaften von Magnus Hirschfeld. Das war nur in diesem kurzen Zeitraum möglich. 

Und Frauen hatten die Chance, ihre Rechte einzufordern …
Durch den Krieg hatten sich die Kräfteverhältnisse verändert. Dadurch, dass die Männer im Feld waren, wurden Frauen in Positionen gebraucht, die sonst eigentlich Männer machten. Frauen traten plötzlich im öffentlichen Raum in Erscheinung und waren präsent, zum Beispiel als Straßenbahnschaffnerinnen. Man wollte sie zwar nach dem Krieg wieder zurückdrängen, aber das war dann nicht mehr so selbstverständlich. 

Im Januar 1919 gingen die Frauen dann zum ersten Mal wählen …
Alles war im Aufbruch, und die Frauen erhielten endlich das Wahlrecht, was für ihren Handlungsspielraum ganz neue Voraussetzungen schuf. 

Welcher Weg führte die Frauen dorthin? 
Es war ein sehr langer Kampf, was ich auch in meinem Buch beschreibe. So war bereits 1848, als die Deutsche Nationalversammlung in der Paulskirche Frankfurt tagte, das allgemeine Wahlrecht ein Thema. Ein anderes Schlüsseldatum ist 1904, als in Berlin der Deutsche Verband für das Frauenstimmrecht in Berlin gegründet wurde. 

Das klingt, als hätte Deutschland damals in Sachen Frauenwahlrecht eine Vorreiterrolle eingenommen. 
Es gab auch andere Länder, aber oft mit Einschränkungen. Beispielsweise durften in bestimmten amerikanischen Bundesstaaten nur weiße Frauen wählen gehen oder nur Frauen, die mit Soldaten verheiratet waren, wie in Kanada. Mit dem Allgemeinen Wahlrecht gehört Deutschland in Europa zu den ersten Ländern. Etwa in Frankreich kam das Frauenwahlrecht erst 1945, nach dem Zweiten Weltkrieg. 

Durften denn ab 1919 alle Frauen in Deutschland wählen gehen? 
Alle Frauen ab einem Alter von 20 Jahren, so wie auch die Männer. Hinzu kam, dass Frauen nicht nur wählen gehen durften, sondern auch gewählt werden konnten. Sie hatten das aktive und das passive Wahlrecht. In der ersten Parlamentsversammlung, die am 19. Januar 1919 gewählt wurde, saßen 37 Frauen, die aus 300 Kandidatinnen gewählt wurden. Das ist eine hohe Zahl für die damalige Zeit. Insgesamt waren es 423 Parlamentarier. 

Eine von diesen Frauen war Marie Juchacz, die Sie auch in Ihrem Buch porträtieren.
Ja. Sie hielt damals ihre berühmte Rede, die beginnt mit „Meine Herren und Damen!“, also beide Geschlechter, in der für uns heute umgekehrten Reihenfolge. Das löste Protest aus, insbesondere bei den Männern, die erst mal loslachten. 

Und wie reagierten die Frauen? 
Der Eindruck, der bei mir entsteht, ist, dass die Frauen von einer Art heiligem Ernst ergriffen waren. Sie waren natürlich stolz darauf, was sie geschafft hatten. 

Handelte es sich um einen demokratischen Prozess? 
Ja, sicher. Vor allem zeigt es, dass das Frauenwahlrecht selbstverständlich sein sollte. Aber man muss das sehr differenziert betrachten, denn auch in vielen Autokratien haben Frauen das Wahlrecht. In Saudi-Arabien dürfen Frauen seit 2015 auf kommunaler Ebene wählen. 

Was zeichnet in Ihren Augen eine 1919er-Frau aus? 
Ich glaube, dass man sie nicht alle über einen Kamm scheren kann. Für die Frauen, die ich porträtiert habe, ist das Jahr 1919 ein Meilenstein in der persönlichen Geschichte. Gunta Stölzl kann am Bauhaus studieren, und ist da keine Ausnahme mehr. Die Frauenrechtlerin Anita Augspurg hat die Möglichkeit, die Zeitschrift „Die Frau im Staat“ herauszugeben. Marie Juchacz gründet in diesem Jahr die Arbeiterwohlfahrt. All die neuen Möglichkeiten, die vorhanden waren, wurden von diesen Frauen in ihrem jeweiligen Interessengebiet auch genutzt. Die Dada-Künstlerin Hannah Höch beispielsweise machte neuartige Collagen aus Zeitungsausschnitten, eine trägt den Titel: „Schnitt mit dem Küchenmesser Dada durch die letzte Weimarer Bierbauchkulturepoche Deutschlands“. Dabei versäumt sie es nicht, aus der Zeitung eine kleine Europakarte auszuschneiden, in der die Länder eingetragen sind, in denen es das Frauenwahlrecht bereits gab. 

Standen diese Frauen eigentlich unter dem Druck, sich beweisen zu müssen? 
Nun, ich denke schon. Klar, die Frauen, die im 19. Jahrhundert dafür gekämpft haben, sind natürlich so richtig durchgestartet. Aber am Beispiel Käthe Kollwitz kann man sehen, dass sie zwar in feierlicher Stimmung war, als sie das erste Mal wählen ging, aber letztendlich von dem Ergebnis enttäuscht war. Sie hatte die Sozialisten gewählt und war sehr enttäuscht, dass es immer noch ziemlich brutal zuging und die Kommunisten von Freikorps niedergeknüppelt wurden. Käthe Kollwitz wurde auch als erste Frau in die Akademie der Künste gewählt, was bis dahin eine reine Männerdomäne gewesen war, und das war ihr ein bisschen unheimlich. Man kann sehen, dass es ihr auch ein bisschen über den Kopf wuchs. Sie kam also nicht einfach dort hin und alles war gut. Im Grunde hatte sie ja damit gerechnet, dass die Akademie als ‚alter Zopf‘ ganz abgeschnitten werden würde. 

... sie musste sich ihre Stellung erkämpfen ... 
Ja, genau. Und man kann ja von Angela Merkel halten, was man will, aber ich bewundere es, wie sie sich in diesem Männerclub durchsetzt. Beim G20-Gipfel etwa. – Und das ist heute! 

Stimmt das Vorurteil, dass Frauen damals nur das gewählt haben, was ihre Männer ihnen vorgaben? 
Ich habe mich ja nun mit diesen „Ausnahmepersönlichkeiten“ beschäftigt, und bei diesen lässt sich das so nicht sagen, zumal sie zumeist, etwa wie Käthe Kollwitz, Männer hatten, die politisch gleich getickt haben. Aber wenn man bedenkt, dass damals eine verheiratete Frau auch vor dem Gesetz eine unmündige Frau war, ist es gut vorstellbar, dass in weiten Teilen der Mann das Sagen hatte, auch wo die Frau ihr Kreuzchen zu machen hat. 

Bestärkten die Männer die Frauen darin, sich ihre Rechte zu erkämpfen? 
Eine wichtige Person war sicherlich August Bebel, der die Frauenbewegung unterstützte. Er schrieb dieses bahnbrechende Buch „Die Frau und der Sozialismus“, das ein Manifest für die Frauen Ende des 19. Jahrhunderts war. Denn natürlich gab es Männer, die darauf gedrungen haben, dass die Frauen endlich gleichberechtigt sind.

Interview: Swantje Kubillus

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion