Chibok

112 Mädchen noch immer vermisst

  • schließen

Eltern der vor fünf Jahren entführten Schülerinnen in Nigeria kritisieren Regierung.

Der Anlass war dem nigerianischen Staatschef nicht mehr als ein paar Zeilen auf Twitter wert. „Als ich Präsident wurde, habe ich versprochen, dass alle Mädchen wieder mit ihren Familien vereint werden“, schrieb Muhammadu Buhari am Wochenende: „Und dieses Versprechen werde ich halten.“ Der 76-jährige Politiker wiederholt schon seit Jahren sein Gelübde: Damit hatte er bereits 2015 seinen Wahlkampf gewonnen. Dennoch fehlt auch fünf Jahre nach der Entführung von 219 Schulmädchen aus dem nordostnigerianischen Städtchen Chibok von der Hälfte der christlichen Abiturientinnen noch jede Spur: Wie viele von ihnen noch leben oder mit Kämpfern der militanten muslimischen Sekte Boko Haram zwangsverheiratet wurden, ist unbekannt. Eher im Stillen wurde am Wochenende der fünfte Jahrestag ihrer Entführung begangen: Die Angehörigen der gekidnappten Mädchen fühlen sich mit ihrem Schmerz alleingelassen.

„Es sieht so aus, als ob sie sich mit dem Zustand arrangiert haben“, klagt Enock Mark, der seine zwei Töchter seit jenem 14. April 2014 nicht mehr gesehen hat, gegenüber dem Fernsehsender Al-Jazeera: „Die Regierung kümmert sich überhaupt nicht um uns.“ Gelegentlich tritt der Vater die über 900 Kilometer lange Reise in die Hauptstadt Abuja an, um Neuigkeiten über den Verbleib seiner Töchter herauszufinden: Seine Fahrten blieben bisher erfolglos.

34 Mütter oder Väter sind seit der Entführung ihrer Mädchen gestorben: an gebrochenen Herzen, heißt es in Chibok. Im vergangenen Jahr habe sich mal ein Beamter aus dem Frauen-Ministerium blicken lassen, erzählt der Vorsitzende der Chiboker Elternvereinigung Yakubu Nkeki: Er habe den betroffenen Familien Essenspakete und umgerechnet jeweils zwölf US-Dollar überreicht. Neuigkeiten oder ein Angebot zur psychologischen Beratung habe es nicht gegeben. „Dabei sind die meisten von uns traumatisiert“, sagt Nkeki.

Manche suchen bei Wunderpropheten Zuflucht

Der Vorsitzende scheut inzwischen davor zurück, überhaupt noch Treffen der Elternvereinigung zu organisieren: Die Mitglieder sind nervlich so verletzt, dass sie oft untereinander in Streit geraten, „gelegentlich werden sie sogar tätlich“. Viele von ihnen haben inzwischen ihre noch immer unsichere Heimat verlassen, andere suchten bei Wunderpropheten Zuflucht.

Eine Gruppe von Eltern machte sich jüngst auf den Weg in die Hafenstadt Lagos, um ihr Heil beim Fernsehprediger T. B. Joshua zu suchen: Der sorgte schon wiederholt weit über das Land hinaus für wenig schmeichelhafte Schlagzeilen. Bei der Suche nach den 112 noch immer vermissten Mädchen konnte auch der Prophet nicht helfen.

Bislang haben insgesamt 107 Abiturientinnen ihre Freiheit wiedergewonnen: Einigen gelang die Flucht, andere wurden von Soldaten befreit, die meisten kamen bei einem Deal der Regierung mit den muslimischen Extremisten frei. Im Mai 2017 ließ die Sekte im Austausch für mehrere ihrer Kämpfer 87 Mädchen frei. Anfang des vergangenen Jahres versandte die Propagandaabteilung von Boko Haram ein Video, auf dem 14 der jungen Frauen teilweise mit Kindern zu sehen sind: Sie seien glücklich verheiratet und wollten nicht nach Hause, hieß es im Kommentar.

Vieler Freigelassener hat sich inzwischen die „Amerikanische Universität“ in der Provinzhauptstadt Yola angenommen: Sie können in der von dem Oppositionspolitiker Atiku Abubakar finanzierten Hochschule kostenfrei studieren. Zwanzig von ihnen wurden sogar in die USA eingeladen, um dort ihre Ausbildung fortzusetzen: Von 112 ihrer Klassenkameradinnen fehlt indessen noch immer jede Spur. „Auch wenn sich keiner mehr um uns kümmert“, sagt Enock Mark, der Vater der beiden entführten Mädchen, zu Al-Jazeera: „Wir werden an ihre Rückkehr glauben, bis wir gestorben sind.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion