+
Wadym Prystajko , 49, ist seit August Außenminister im Kabinett von Wolodymyr Selenskij.

Ukraine

„Macrons Ansatz ist ein bisschen naiv“

  • schließen

Der ukrainische Außenminister Wadym Prystajko über eine Wiederannäherung Europas an Moskau, die Pipeline Nord Stream 2 und Angela Merkel.

Herr Prystajko, der Politneuling Wolodymyr Selenskij regiert seit Mai die Ukraine. Sind Sie seitdem einem Ende des Krieges nähergekommen?

Präsident Selenskij trat mit dem Vorsatz an, Frieden zu stiften. Das tat aber auch schon sein Vorgänger. Es ist für ukrainische Präsidenten nicht leicht, den Krieg mit Russland zu beenden. Der Schlüssel zum Frieden liegt leider nicht in Kiew. Militärisch lässt sich gewiss keine Lösung finden. Also verhandeln wir weiter, auch wenn in den letzten fünf Jahren nicht viel dabei herausgekommen ist.

Kürzlich trafen sich Selenskij und Putin auf deutsche und französische Initiative in Paris. Das Treffen endete in der Sackgasse: Moskau besteht auf die Autonomie der besetzten Provinzen nach Wahlen – Kiew schließt Wahlen aus, solange es nicht die Kontrolle über seine Grenze zu Russland zurückhat. Und nun?

Wir arbeiten daran, diesen Teufelskreis zu durchbrechen, indem wir die Dezentralisierung, also mehr Kompetenzen für Regionen, vorantreiben. Im föderalen Deutschland kann man sich nicht vorstellen, was für ein großer, komplizierter Schritt das für uns ist. Die Ukrainer sind einen Staat gewohnt, in dem sämtliche Vorgaben aus Kiew kamen. Was die Zentrale anordnete, wurde umgesetzt. Nun sollen die Regionen selbst Steuern erheben und bestimmen, wie das Geld für Straßen, Schulen, Krankenhäuser eingesetzt wird. Eine ganz neue Erfahrung. Die Russen müssen verstehen, dass es bis zur Eigenverantwortung einiger Regionen im Osten ein weiter Weg ist. Eine Autonomie, die einer Abspaltung der Gebiete von der Ukraine gleichkäme, wird es aber nicht geben.

In seinem berühmt-berüchtigten Telefonat mit US-Präsident Trump beschwerte sich Präsident Selenskij über mangelnde Unterstützung aus Deutschland. War das ernst gemeint?

Ich bin mir sicher, dass sich Frau Merkel im Laufe ihrer langen Kanzlerschaft ein dickes Fell zugelegt hat. Sie dürfte kaum überrascht sein über die Worte, die Staatschefs in vertraulichen Telefonaten wechseln. Präsident Trump erinnerte Präsident Selenskij daran, dass die Europäer schon aufgrund der geografischen Nähe mehr für unsere Sicherheit tun müssten als die USA, und Präsident Selenskij stimmte zu. Keineswegs wollte er die Deutschen verletzen.

In der Bundesregierung war die Verwunderung groß, schließlich bringt sich die Kanzlerin in keinen anderen Konflikt so stark ein wie bei der Vermittlung zwischen Russland und der Ukraine.

Wir wissen den Beitrag der Bundeskanzlerin Merkel, die russische Aggression zu beenden, hoch zu schätzen. Zugleich wünschen wir uns viel mehr Unterstützung. Denn es geht um unser Überleben als Nation. Deutschland und die EU haben sehr viel für uns getan. Aber eben nicht genug, um das Sterben von Menschen zu beenden. Wir beklagen 13 000 Tote, und es werden täglich leider mehr.

Zur Person

Wadym Prystajko, 49, ist seit August Außenminister im Kabinett von Wolodymyr Selenskij

Was fordern Sie? Geld? Waffen?

Wir sind sehr dankbar für die finanzielle Unterstützung aus Deutschland und das politische Engagement der Bundesregierung. Unsere Bitte um militärische Hilfe wurde leider abgelehnt. Ich hoffe, dass Berlin diese zurückhaltende Position überdenkt und sich doch entschließen wird, die Verteidigungsfähigkeit der Ukraine zu stärken.

Trotz der US-Sanktionen und der Kritik in der EU hält die Bundesregierung an der deutsch-russischen Gaspipeline Nord Stream 2 fest. Wie sehen Sie das?

Ihr Deutschen baut jetzt die Ostsee-Pipeline Nord Stream 2, um eure bisher durch die Ukraine verlaufende Gasversorgung unabhängiger zu gestalten. Aber denkt daran: Die Quelle des Gases bleibt Russland. Sollten die Russen mal kein Gas mehr liefern wollen, wären die Ostsee-Leitungen sofort leer. Wir in der Ukraine hätten dann immerhin noch volle Gasspeicher. Und wir garantieren Gaslieferungen über unsere Pipelines.

Frankreichs Präsident Macron will Europas strategisches Verhältnis zu Russland „überdenken“. Was halten Sie von der neuen Nähe zwischen Paris und Moskau?

Es gab schon manche Politiker, die sich um eine Wiederannäherung an Russland mühten. Einer drückte den Reset-Knopf, ein anderer schaute Putin in die Augen auf der Suche nach dessen Seele …

Sie spielen auf die damalige US-Außenministerin Hillary Clinton und den früheren US-Präsidenten George W. Bush an.

Wir selbst haben es ja immer wieder versucht, aber Moskau hört nicht zu. Macrons Ansatz ist ein bisschen naiv. Sollten die Franzosen unseren Rat erbeten, sagen wir ihnen: Das funktioniert nicht. Übrigens ist es auch nicht hilfreich, die Nato als hirntot zu erklären. Jedenfalls nicht, solange die Franzosen keine Alternative vorzeigen können.

Interview: Marina Kormbaki

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion