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Emmanuel Macron will viele Dinge anders machen.

Frankreich

Macron geht voll ins Risiko

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Frankreichs künftiger Präsident Emmanuel Macron macht Ernst mit dem Ruf nach Erneuerung und bietet im Wahlkampf mehr als 200 politisch unverbrauchte Kandidaten auf.

Emmanuel Macron macht Ernst. Eine Erneuerung des politischen Lebens hat Frankreichs neuer Staatschef versprochen. Die am Donnerstag präsentierte Liste der Kandidaten, die dem Präsidenten und seiner Bewegung „La République en Marche“ (REM) bei den Parlamentswahlen Mitte Juni zur absoluten Mehrheit verhelfen sollen, zeugt von geradezu ungestümem Erneuerungsdrang.

Nicht nur dass Macron auf strikte Parität geachtet hat, genauso viele Männer wie Frauen aufbietet. Die Hälfte der 428 Anwärter und Anwärterinnen auf einen Sitz in der Nationalversammlung sind auch noch gänzlich neu im politischen Geschäft. Jean-Paul Delevoye, Vorsitzender des Auswahlkomitees, preist sie als „Angehörige der Zivilgesellschaft“. Politische Widersacher sprechen abschätzig von „blutigen Anfängern“.

Die restlichen Kandidatinnen und Kandidaten verfügen zwar über politische Erfahrung, standen zum Großteil bisher aber nicht im Rampenlicht. Zu ihnen zählen Überläufer aus den Reihen der Sozialisten wie auch der konservativen „Republikaner“. Während freilich die Sozialisten der von François Hollandes glückloser Präsidentschaft und dem Richtungsstreit zwischen Sozialdemokraten und radikalen Linken ausgezehrten Partei in Scharen den Rücken kehren und bei Macron anzuheuern versuchen, ist der Andrang der „Republikaner“ eher verhalten.

Valls ausgebremst

Der prominenteste sozialistische Deserteur ist auf der am Donnerstag präsentierten Kandidatenliste nicht zu finden. Ex-Premier Manuel Valls, der dem ihm einst als Wirtschaftsminister unterstellten Emporkömmling Macron so manchen Knüppel in den Weg geworfen hat, ist nicht zum Zuge gekommen. Valls’ Hoffnungen ruhen nun auf einer zweiten Auswahlrunde, in der weitere Kandidaten für die insgesamt 577 Wahlkreise zu bestimmen sind.

Ob der frühere Regierungschef, der wie Macron einer sozialliberalen Politik verpflichtet ist, letztlich zum Zuge kommen wird, ist offen. „Wir sind keine Recycling-Anstalt für Altpolitiker“, hat Delevoye versichert. Zu erwarten ist gleichwohl, dass sich in der zweiten Auswahlrunde noch so mancher Politiker aus den Reihen der Sozialisten und Konservativen zu den bereits ernannten Kandidaten hinzugesellen wird.

Für Macron verspräche dies doppelten Gewinn. Zum einen könnte er den Zulauf als Ausweis dafür herumreichen, dass „La République en Marche“ eine für Linke und Rechte gleichermaßen attraktive Bewegung ist. Zum anderen schwächte die Aufnahme prominenter Überläufer die mit REM konkurrierenden Traditionsparteien.

Nicht nur neu, sondern geradezu revolutionär mutet das Auswahlverfahren an, dem sich die Bewerber um eine Kandidatur zu stellen hatten. Mehr als 15.000 Interessenten hatten sich online gemeldet. Sie hatten sich, sofern sie nicht schon Mitglieder waren, der damals noch schlicht als „En Marche!“ firmierenden Bewegung anzuschließen.

In der Folge galt es, Fragebögen zur lokalen gesellschaftlichen Verankerung eines Bewerbers in Vereinen oder auch Gewerkschaften auszufüllen, Empfehlungsschreiben vorzulegen, politische Prioritäten zu benennen, Wahlkampftauglichkeit nachzuweisen, strafrechtliche Unbescholtenheit zu belegen, sich einem Telefoninterview zu stellen. Nicht zuletzt hatten die Kandidaten in spe sich schriftlich zu verpflichten, Gesetzesvorlagen zuzustimmen, die der Verwirklichung von Macrons zentralen politischen Projekten dienen würden.

Ganz auszuschließen ist das Risiko eines Fehlgriffs freilich trotzdem nicht. Wer erneuern wolle, müsse zwangsläufig ins Risiko gehen, hat Macron seinen Mitstreitern zu verstehen gegeben. Wer Sicherheit suche, ende wie Hollande: politisch tot.

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