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Ein Wurf mit der Münze in das Nass erfüllt der Legende nach jeden Wunsch: Die Spitzen der G20-Staaten am Trevi Brunnen in Rom.
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Ein Wurf mit der Münze in das Nass erfüllt der Legende nach jeden Wunsch: Die Spitzen der G20-Staaten am Trevi Brunnen in Rom.

G20-Gipfel in Rom

Merkel und Scholz beim G20-Gipfel: Machtübergabe auf offener Weltbühne

  • VonKristina Dunz
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Den G20-Gipfel in Rom bestreitet die Kanzlerin gemeinsam mit ihrem wahrscheinlichen Nachfolger und sendet damit ein Zeichen der Kontinuität an die Staatengemeinschaft.

Rom - Angela Merkel vergewissert sich, ob sie getroffen hat. Sie steht inmitten der anderen G20-Staats- und Regierungschefs vor dem Trevi-Brunnen in Rom. Der schönen Legende nach erfüllt er jeden sehnlichen Wunsch. Man stelle sich nur mit dem Rücken zu ihm und werfe Münzen über die Schulter in das sprudelnde Wasser. Sie steht neben dem italienischen Gipfelgastgeber Mario Draghi und wirft die Münzen in den Brunnen. Dann dreht sie sich um und schaut den Glücksbringern hinterher.

Was sie sich gewünscht hat, behält sie für sich. Aber in dieser ewigen Stadt sieht man der gefühlt ewigen Kanzlerin an, wie jetzt zum Ende ihrer Amtszeit eine Last von ihr abfällt. 16 Jahre deutsche Regierung mit mehr als 150 Gipfeln (EU, G7, G8, G20, Nato) sind zwar nichts gegen dreitausend Jahre Rom. Aber es passt, dass sich Merkel hier bei ihrem letzten G20-Gipfel selbst ein Denkmal setzt mit einer noch nie dagewesenen symbolischen Machtübergabe an ihren wahrscheinlichen Nachfolger.

Letzter G20-Gipfel für Angela Merkel in Rom: Nur noch geschäftsführende Kanzlerin

Zum Auftakt des Gipfels am Samstag haben die Staats- und Regierungschef:innen ihre Plätze an dem riesigen runden Tisch in Rom schon eingenommen, als Merkel – in knallgelbem Blazer gut sichtbar zwischen den ganzen dunklen Anzügen – noch einmal aufsteht und in die zweite Reihe geht. Dort, wo ihr Finanzminister und Vizekanzler Olaf Scholz sitzt.

Die seit der Konstituierung des neuen Bundestags am vorigen Dienstag nur noch geschäftsführende Bundeskanzlerin will noch etwas mit ihm besprechen. Sein Finanzstaatssekretär Wolfgang Schmidt kommt auch dazu und auch Merkels Gipfel-Sherpa Lars-Hendrik Röller. Alle sollen sehen: Der Machtwechsel von der Christdemokratin zu dem Sozialdemokraten geht friedlich von statten. Es gibt Kontinuität.

Auftritt beim G20-Gipfel in Rom: Merkel und Scholz demonstrieren Kontinuität

Nicht diese Zäsur wie 2005, als der damalige Kanzler Gerhard Schröder (SPD) lieber die Kirche im Dorf lassen und seine SPD nicht unter Merkel regieren lassen wollte – bis er dann zerknirscht weichen musste und sich Trost suchte beim Energiekonzern Gazprom im Land seines russischen Freundes, der von ihm als „lupenreiner Demokrat“ geschätzte Wladimir Putin. Oder die trotzige Realitätsverweigerung eines Donald Trump, der bis heute nicht wahrhaben will, dass Joe Biden nun die USA regiert.

Merkel nimmt Scholz beim G20-Gipfel zu all ihren persönlichen Gesprächen mit, wobei sie betont, „dass der Bundeskanzler nicht von Frau Merkel mit Gesprächsteilnahme ausgewählt wird in Deutschland, sondern im Deutschen Bundestag gewählt wird“. Aber das dürfte nur noch eine Formsache sein.

Treffen zwischen Merkel, Scholz und Biden beim G20-Gipfel in Rom: Neue Aufgaben

Beim Treffen mit Biden sitzt die Kanzlerin zwischen ihm und Scholz, aber leicht zurückgesetzt. Die beiden Männer dominieren schon die Szene. Das Weiße Haus muss sich aber erst noch an den Neuen gewöhnen. In einer Mitteilung über das Treffen wird der Name zunächst falsch geschrieben: Olaf Schulz. Der Schreibfehler wird aber schnell korrigiert.

Scholz ist bei diesem Gipfel vermutlich so richtig klar geworden, dass er in Kürze nicht mehr nur für Finanzthemen zuständig ist, sondern für alle Krisen dieser Welt. Für die Bekämpfung des Klimawandels, die Lösung der Konflikte mit der Türkei, die Hilfe für die schwierige Rückkehr zu dem von Trump gekündigten Atomabkommen für den Iran.

Sechs verlorene Jahre: G20-Länder bekennen sich zu Einhaltung des Klimaabkommens

In Anbetracht dessen werden Erfolge ausgiebig gefeiert wie jetzt die G20-Unterstützung für eine globale Mindestbesteuerung für internationale Großkonzerne. Aber Klima und die Corona-Pandemie bleiben gefährliche Baustellen. Mit Blick auf die Weltklimakonferenz in Glasgow haben sich die G20 zur Einhaltung des Pariser Klimaabkommens bekannt. Merkel nennt das „ein sehr, sehr gutes Ergebnis“.

Das kann man nur nachvollziehen, wenn man die G20-Gipfel in bitterer Erinnerung hat, die nur 19-zu-1-Ergebnisse hervorbrachten, weil Trump alles torpedierte. Trotzdem wirkt es wie eine eiskalte Beschönigung. Die Pariser Klimakonferenz fand 2015 statt. Sechs verlorene Jahre.

Uneinig in Corona-Fragen: Merkel und Scholz äußern sich bei Pressetermin bei G20-Gipfel

Verlorene Zeit deutet sich auch in der Pandemie an. Werden Merkel und Scholz während des Regierungswechsels noch gemeinsam etwas gegen den Anstieg der Neuinfektionen tun? In einer Pressekonferenz werden die Unterschiede deutlich: Merkels Geduld mit den Ungeimpften ist am Ende, Scholz will ihnen keinen zusätzlichen Druck machen. In Anbetracht einer Impfquote von fast 70 Prozent in Deutschland könne es keinen Lockdown mehr geben, macht er deutlich. Merkel hingegen ärgert sich über die „Pandemie der Ungeimpften“ und fordert Kontrollen. Wenn es noch nach ihr geht, wird es bald ein Bund-Länder-Treffen geben.

Global gesehen wird die Pandemie erst überwunden sein, wenn auch die Menschen in armen Ländern geimpft sind. Ihnen mangelt es an Impfstoffen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) strebt bis Ende des Jahres die Impfung von 40 Prozent der Weltbevölkerung und bis Mitte kommenden Jahres von 70 Prozent an. Die Quoten in armen Staaten liegen im einstelligen Bereich. Draghi nennt die Unterschiede bei den Impffortschritten „moralisch nicht akzeptabel“. 2021 fehlen laut WHO noch 550 Millionen Impfdosen. Merkel verspricht, Deutschland werde in diesem Jahr 100 Millionen und im kommenden Jahr 75 Millionen Impfdosen weitergeben.

G20-Gipfel in Rom: Symbolische Würdigung für Pflegekräfte - Probleme bleiben

Das G20-Format ist keine Weltregierung, aber die großen Wirtschaftsmächte können die von vielen als impfungerecht beklagte Situation ändern. Pflegekräfte vom Balkon aus zu beklatschen, wie zu Beginn der Pandemie, reicht nicht aus und hat angesichts nicht erfüllter Ziele wie der Entlastung des Personals auch in Deutschland zu Enttäuschung geführt. Aber an symbolischer Anerkennung soll es auch in Rom nicht fehlen.

Beim sogenannten Familienfoto bittet Draghi Corona-Helfer, Ärztinnen und Sanitäter mit auf die Bühne. Zwei Ärzte nehmen Merkel in die Mitte. Rein physisch fast zu viel der Nähe für die 67-Jährige, die immer noch niemandem die Hand zur Begrüßung gibt, sondern nur die „Corona-Faust“. Die Spitzenpolitiker:innen applaudieren den Menschenrettern auch jetzt wieder. Und doch bleibt es etwas, wovon sich unterbezahlte und überlastete Pflegekräfte nichts kaufen können.

Merkel bei G20-Gipfel in Rom: Haben begriffen, „dass wir alle auf einem Planeten leben“

Scholz bringt auch in Rom immer wieder seine Botschaft rüber, Menschen Respekt zollen zu wollen. Für ihre harte Arbeit. Eine Gesellschaft könne nur erfolgreich sein, wenn niemand auf andere herabschaue, sagt er. Es müssten Beschäftigten auch die Ängste vor dem Wandel der Industrie zu Klimaneutralität genommen werden. Dann würden sie den Umbau auch unterstützen. Es ist ein anderer Ton, den sie aus Deutschland auf internationaler Bühne hören.

Merkel lobt Draghi noch für seine „wunderbare Vorbereitung“ des Gipfels. In Rom brannte kein Viertel wie 2017 beim G20-Gipfel in Hamburg, das damals von Scholz regierte worden war. Es sei spürbar, sagt Merkel, dass die Antiglobalisierungsbewegung in Hamburg noch viel stärker gewesen sei. „Und dass irgendwie alle begriffen haben, dass wir alle auf einem Planeten leben.“

Wie viel Merkel in ihm stecke, will ein Journalist noch wissen, nachdem Scholz sich schon im Wahlkampf gern als ihr Erbe präsentierte. Es wird eine lange, verschwurbelte Antwort über Europa und die Welt. Sie könnte von Merkel stammen. (Kristina Dunz)

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