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Migranten suchen nach dem Bombenangriff nach ihren Habseligkeiten.

Libyen

Machtkampf trifft die Schwächsten

Bei einem Luftangriff auf ein Lager für Migranten in Libyen kommen mehr als 40 Menschen um. Die Regierung macht einen Rebellengeneral verantwortlich.

Der Anblick, den der Arzt Chalid bin Attia aus dem Migrantenlager Tadschura bei Tripolis beschreibt, ist erschütternd. „Das Lager ist zerstört, die Menschen weinten und waren in Panik“, sagte der Mitarbeiter des libyschen Gesundheitsministeriums im Telefoninterview mit der BBC. „Das Licht war aus, wir konnten nicht viel sehen. Es war schrecklich, überall war Blut.“

Es war ein Luftangriff, der das Lager in der Nacht zum Mittwoch erschütterte. 44 Menschen starben, rund 130 weitere wurden verletzt. Der schlichte Bau liegt in Trümmern. Fotos zeigen Leichensäcke im Schutt.

Schnell vermuteten Beobachter General Chalifa Haftar hinter der Attacke. Der Kriegsherr aus dem Osten kämpft um die Macht in Libyen und beherrscht schätzungsweise 70 bis 80 Prozent des Landes. Seine Offensive gegen Tripolis wurde aber vor längerer Zeit gestoppt. Der Angriff auf das Lager könnte die nächste Stufe der Eskalation sein.

In Tadschura hat es die Schwächsten getroffen. Mehr als 600 Migranten unterschiedlicher Nationalitäten seien dort untergebracht, heißt es aus Regierungskreisen. In dem vom Angriff betroffenen Teil des Lagers waren rund 120 Migranten aus dem Sudan, Eritrea und Somalia.

Vertreter von Haftars Truppen bestritten, das Lager ins Visier genommen zu haben, und erklärten, sie planten Angriffe „akribisch“ und achteten dabei auch den Schutz von Zivilisten. Der Präsidentschaftsrat in Tripolis macht Haftars Truppen verantwortlich. Er spricht von „Kriegsverbrechen“ und „Genozid“ und fordert eine unabhängige Untersuchung. Der Rat hat den Rückhalt der Vereinten Nationen, über Tripolis hinaus aber kaum noch Einfluss hat.

Einer politischen Lösung scheint Haftar endgültig eine Absage erteilt zu haben. Statt die eigentlich für Mitte April geplante Nationalkonferenz abzuwarten, die Rahmenbedingungen für ein Ende des Konflikts schaffen sollte, hatte der 75-Jährige einen Angriff auf die Hauptstadt angeordnet, um die Macht im Land gewaltsam zu erobern. Das Magazin „Foreign Policy“ beschrieb den General zuletzt als „verblendet“ und „größenwahnsinnig“.

Noch ein Stellvertreterkrieg

Die in der Frage gespaltenen Regierungen in Europa und den USA tragen zur libyschen Abwärtsspirale bei. Neben halbherzigen Forderungen nach einer Waffenruhe und einer Rückkehr zu politischen Gesprächen hat der Westen sich auf keine gemeinsame Libyen-Linie einigen können. Frankreich wurde vorgeworfen, Haftar stillschweigend unterstützt zu haben – auch wegen der großen Ölreserven im Land. Rom soll Paris verdächtigt haben, sich einen größeren Anteil an den Energievorkommen in Libyen sichern zu wollen.

Ähnlich sprunghaft handeln die USA. Eigentlich hatten das Außen- und das Verteidigungsministerium Haftar dazu bewegen wollen, die Kämpfe einzustellen und seine Truppen zurückzuziehen. Doch dann stärkte US-Präsident Donald Trump dem General mit einem persönlichen Telefonat den Rücken und steuerte die diplomatischen Bemühungen in eine Sackgasse.

Wie Syrien oder der Jemen wandelt sich der Konflikt schrittweise zum unlösbaren Stellvertreterkrieg. Haftar genießt den Rückhalt Ägyptens und der Vereinigten Arabischen Emirate, auch Russland mischt mit. Auf der anderen Seite stehen Katar und die Türkei. Der Konflikt wird nun auch auf dem Rücken von Flüchtlingen ausgetragen. (dpa)

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