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Hat das umstrittene "Mufti-Gesetz" unterschrieben: Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan.

Islamisierung der Türkei

Die Macht der Muftis

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Eigentlich ist die Türkei ein säkularer Staat, aber islamische Rechtsgelehrte bekommen immer mehr Kompetenzen.

In der Türkei besteht Bedarf an Exorzisten. So kann man eine Stellenanzeige der Karamanoglu-Universität im südtürkischen Karaman deuten, mit der die Hochschule für ihre Fakultät für Islamwissenschaften, Abteilung „Göttlichkeit“, einen Assistenzprofessor suchte, „um Menschen im Kampf gegen den Satan auszubilden“. Der Satanismus-Experte solle seine Studien unter Anleitung des Korans und der Sunna, also der Handlungsweise des Propheten Mohammed betreiben, hieß es auf der Universitätswebseite. Nachdem die Anzeige in den sozialen Medien der Türkei Wellen schlug, machten Twitter- und Facebook-Nutzer ironische Vorschläge.

Einer empfahl, Salman Rushdie, den Autor der „Satanischen Verse“, in die Einstellungskommission zu berufen, ein anderer verwies an die Zauberschule Hogwarts aus „Harry Potter“, ein dritter an den Vatikan, wo man über jahrhundertelange Erfahrungen im Exorzieren verfüge. Doch so skurril die Stellenanzeige zunächst wirkt, sie passt in die gegenwärtige Islamisierungswelle in der formal säkularen Türkei, in der Staat und Religion eigentlich getrennt sein sollten.

Am Freitag unterschrieb Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan das umstrittene „Mufti-Gesetz“, das es Muftis genannten islamischen Rechtsgelehrten der Religionsbehörde Diyanet erlaubt, Standesbeamte zu ersetzen. Damit werden von Muftis geschlossene islamische Ehen den staatlichen Ehen gleichgestellt. Geburten können künftig ohne offiziellen Geburtsschein eingetragen werden. Gegen das Gesetz, das die islamisch-konservative Regierungspartei AKP mit ihrer Parlamentsmehrheit vor zwei Wochen beschloss, waren Opposition und Frauenverbände vergeblich Sturm gelaufen.

Furcht vor Kinderehen und der Scharia

Sie sprechen von der „schleichenden Einführung der Scharia“ und befürchten, dass die Tür zu Kinderehen und der in anderen islamischen Ländern praktizierten Vielehe noch weiter aufgehen könnte. Statt die Kontrolle staatlicher Aufgaben religiösen Institutionen zu übergeben, solle die Regierung sich lieber um die Eindämmung der ausufernden Gewalt gegen Frauen kümmern.

Die Befürworter des neuen Gesetzes hatten argumentiert, dass die Regelung dem Schutz der Frauen und Kinder diene, weil die Muftis an die Bestimmungen des Zivilrechts gebunden seien und keine Kinderehen absegnen dürften. Damit werde eine Grauzone in rückständigen Regionen beseitigt. Das bestreiten die Kritiker. Ohne offiziellen Geburtsschein würden Hausgeburten minderjähriger Mütter begünstigt und damit das Strafrecht ausgehebelt, wonach der Vater des Kindes einer minderjährigen Frau als Vergewaltiger gilt und zu einer Haftstrafe verurteilt werden muss, sagen Oppositionspolitiker wie die CHP-Abgeordnete Fatma Köse.

Ein schleichender Weg zu einer „Islamischen Republik“

Die engagierte Frauenrechtlerin sieht in dem neuen Gesetz einen weiteren Schritt auf dem schleichenden Weg zu einer „Islamischen Republik“ wie im Iran. Als andere Zeichen interpretieren Kritiker die kürzliche Streichung der Evolutionstheorie aus den Schulbüchern und die Einführung der Lehre vom Dschihad im Religionsunterricht, die Übergabe staatlicher Studentenwohnheime an islamische Stiftungen, die endemische Ersetzung säkularer durch religiöse Imam-Hatip-Schulen – und ein Rekordbudget für die ohnehin extrem aufgeblähte Religionsbehörde Diyanet, das gerade wieder um 13,2 Prozent für 2018 erhöht wurde, auf nun umgerechnet fast zwei Milliarden Euro.

Auffallend ist, dass sich neben AKP-Politikern in jüngster Zeit immer wieder strenggläubige Universitätsprofessoren und Schuldirektoren zu Wort melden, um drakonische Benimmregeln einzufordern, die sie aus dem Islam herleiten. Die Hand einer nichtverwandten Frau zu schütteln sei fürchterlicher als die Hand ins Feuer zu halten, formulierte der Uni-Rektor Mustafa Talha Gönüllü aus dem zentralanatolischen Adiyaman vor zwei Wochen auf seiner Facebook-Seite und schrieb diesen Grundsatz dem Propheten zu – was Islamgelehrte bestreiten. In einer Grundschule der eigentlich eher aufgeklärten Mittelmeermetropole Izmir wurde Kindern im obligatorischen Islamunterricht beigebracht, dass es „notwendig ist zu sterben, bevor man zu viel sündigt“ und „für die Liebe Gottes zu sterben“.

Natürlich sollen die Kinder auch dem Satan entschlossen entgegentreten – als dessen Repräsentanz in der Türkei die als Fetö bezeichnete Bewegung des Islampredigers Fethullah Gülen gilt, den Erdogan als Hintermann des Putschversuchs vom Juli 2016 identifizierte. In einer großformatigen Anzeige in der regierungsnahen Zeitung „Sabah“ hieß es kürzlich: „Fetö ist der Vertreter des Satans auf der Erde“. Vielleicht sollte der per Stellenanzeige gesuchte Assistenzprofessor in Karaman auch die Verbindung Gülens zum Satan erforschen. Doch nach der heftigen öffentlichen Reaktion löschte die Universität die Annonce jetzt von ihrer Webseite und platzierte eine Notiz, der zufolge eine Kommission des Lehrkörpers die Position neu „evaluieren“ werde. Was das für den Kampf gegen den Satan bedeutet, blieb zunächst unklar.

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