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Corona

Corona-Virus: Die Macht der Angst

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Die Apokalypse hat immer Konjunktur. Szenen aus einem verunsicherten Land – in dem die Panik vielerorts skurrile und oft sogar gefährliche Blüten treibt.

Für das, was sie in den vergangenen Tagen erlebte, hat die Apothekerin aus dem Zentrum einer mittelgroßen norddeutschen Stadt nur noch einen Begriff: „Wahnsinn.“ Mehr als 150 Kunden täglich, die nach Masken und Desinfektionsmitteln fragen – und zum Teil schon Dutzende andere Apotheken vergeblich abgeklappert haben. Großhändler, die für die letzten Bestände an Desinfektionsmitteln das Dreifache des normalen Preises verlangen. „Ich erkläre den Leuten dann: Händewaschen tut’s auch“, sagt die Apothekerin. Die Reaktion? „Teilweise lassen sich die Leute beruhigen“, sagt sie. „Teilweise aber auch nicht.“

Mehr als 87 000 bestätigte Coronafälle gab es am Sonntagabend weltweit. Davon knapp 80 000 in China. Mehr als 1100 in Italien. Mehr als 100 in Deutschland. 53 Länder der Erde sind betroffen. Die Internationale Tourismusbörse: abgesagt. Bundesinnenminister Horst Seehofer sagt, er schüttele ab jetzt keine Hände mehr.

Und plötzlich ist sie da. Die Angst. Sie kriecht in die Köpfe. Sie lässt sich nicht mehr abschütteln. Diese bisher abstrakte und geografisch weit entfernte Gefahr mit dem schönen Namen Corona ist im deutschen Alltag angekommen. Der Bundesgesundheitsminister nimmt Worte wie „Epidemie“ in den Mund. Das klingt beunruhigend. Als wisse er mehr. Wie damals, als Bundesinnenminister Thomas de Maizière sagte: „Ein Teil dieser Antworten würde die Bevölkerung verunsichern.“ Als könnten auch hierzulande diese Bilder drohen, die niemand sehen will: zugemauerte Ausfallstraßen, abgeriegelte Städte, leere Straßen, angstvolle Augen über Atemschutzmasken, Fieberthermometer an Flughäfen, Soldaten in Schutzanzügen. Es kommt zu Hamsterkäufen. Hamsterkäufe. Ein Wort wie aus einem Weltkrieg.

In Irans Hauptstadt Teheran wird ein U-Bahn-Zug desinfiziert.

Dortmund: Ein Aldi-Markt am Freitag. Martin Brameyer, ein 41-jähriger Informatiker, will einkaufen. Er möchte backen, aber daraus wird nichts. Die Regale mit den Grundnahrungsmitteln sind leer. Keine Nudeln, kein Mehl, kein Reis, keine Kartoffeln. „Die Leute drehen durch“, sagt er. Überall im Land gibt es solche Szenen. Lidl meldet „deutlich erhöhte Abverkäufe“, der Ökonom Marcel Fratzscher warnt vor „Herdenverhalten“ – davor, dass Menschen leere Regale sehen und erst dadurch auf die Idee kommen, jetzt auch schnell einkaufen zu müssen. Der Handelsverband betont, die Lieferstrukturen seien effizient, die Versorgung sei sichergestellt.

Aber Angst ist eine mächtige Emotion. Viel stärker als Vernunft. Ihre evolutionäre Kraft besteht darin, für Gefahren gewappnet zu sein. Der Blick verengt sich. Hören und Sehen sind geschärft. Die Muskeln sind angespannt. Der Organismus macht sich bereit. „Fight or Flight“, Kämpfen oder Fliehen. Der Tausende Jahre alte Schutzmechanismus hilft beim Überleben. Doch die Natur hat diese Alarmanlage sehr empfindlich eingestellt. Fehlalarme sind häufig. Und zu viel Angst lähmt. Körperlich und emotional. Bei Seuchen hilft Angst nicht weiter. Im Gegenteil: Sie wird selbst zur Seuche.

München: Am Hauptbahnhof steht Wolfgang Hauner von der Bundespolizei. Von hier sind es 280 Kilometer nach Bozen in Südtirol und knapp 500 nach Mailand. Die italienischen Risikogebiete sind also nah. Hauner erklärt, wie man mit einem „begründeten Verdachtsfall“ in einem Zug umgehen würde: Die Beamten nehmen Kontakt mit einem Ansprechpartner im Zug auf und schicken einen Notarzt an das entsprechende Gleis. Der kann noch vor Ort einen Schnelltest machen. Bei einem positiven Ergebnis würde der Patient ins Klinikum Schwabing gebracht werden. In Zukunft sollen alle Reisenden, die per Bahn aus Norditalien kommen, beim Verlassen des Zuges eine „Aussteigerkarte“ mit Kontaktdaten und Aufenthaltsort ausfüllen.

Die Seuche Angst sickert in die Lücken, die das Wissen lässt. Und auch sie ist hochansteckend. Je größer die Unsicherheit, desto größer die Angst. Und umgekehrt. Es ist ein Teufelskreis der Emotionen. Die Ratio weiß, dass Panik unangebracht ist. Aber was hilft das? Man weiß ja noch nicht einmal, wie man diesen Erreger denn nun genau nennen soll: Corona? Sars-CoV-2? Covid-19?

Die Coronakrise lässt wegen der unklaren Lage viel Raum für die eigenen Ängste. Es sind auch solche darunter, die kulturell geschürt wurden. Denn auf verunsicherte Menschen wirkt es stabilisierend, gemeinsam einen Schuldigen zu benennen, gegen jede Vernunft. Asiatischstämmige Menschen fühlen sich unter Generalverdacht. Bei Twitter wehren sie sich unter dem Hashtag #wirsindnichtdervirus #JeNeSuisPas-UnVirus. Ein holländischer Radiosender sendet ein satirisch gemeintes Lied mit dem Titel „Vorbeugen ist besser als Chinesen“, in dem von „Stinkchinesen“ die Rede ist. In Südkorea, Malaysia, Großbritannien und Kanada finden sich „No Chinese“-Schilder.

Berlin: Der asiatischstämmige „Tagesspiegel“-Autor Marvin Ku stellt im Berliner Zoo einem Mitarbeiter eine Frage – und löst Fluchtreflexe aus. Im Weggehen hört er, wie einer zum anderen sagt: „Haste ooch Angst, dich mit Corona anzustecken?“ In einer Berliner Notaufnahme weigern sich Patienten, sich von einer Ärztin behandeln zu lassen, deren Eltern aus Vietnam kommen. Eine chinesische Studentin hört bei einer Wohnungsbewerbung in Deutschland als Absagegrund: „Ich möchte keinen Coronavirus.“ Ein Gemüsehändler in Süddeutschland untersagt chinesischen Touristen den Zutritt zu seinem Laden.

„Wir erleben gerade, dass Menschen pauschal wegen ihres Aussehens oder ihrer Herkunft ausgegrenzt und benachteiligt werden“, sagt Bernhard Franke, kommissarischer Leiter der Antidiskriminierungsstelle des Bundes. Die diffuse Chinaphobie, von der Betroffene berichten, hat mehrere Wurzeln. Ein fremdes Virus aus einem fremden Kulturkreis mit zweifelhafter Informationspolitik – das wirkt auf viele Menschen gleich mehrfach bedrohlich. „Gelber Alarm“, titelte die französische Tageszeitung „Le Courrier Picard“. Es ist auch ein Echo jenes Schmähworts von der „gelben Gefahr“ aus kolonialen Zeiten, mit dem nicht nur das deutsche Kaiserreich im 19. Jahrhundert den Hass auf Chinesen befeuerte. Auf jene Menschen also, die fremd aussahen und merkwürdige Wildtiere essen.

In Cremona, Italien, werden Notfallzelte aufgebaut.

Berlin: Corona ist das Thema, über das sich inzwischen auch die Kanzlerin beim Kabinettsfrühstück erkundigt, ihren Gesundheitsminister mit Fragen löchert. Und sich verwundert zeigte, dass eine Ansteckung offenbar schon möglich ist, wenn man im selben Raum ist. Irgendwann haben sie in der Regierung beschlossen, man müsse der Hysterie Fakten entgegensetzen. So lädt das Robert-Koch-Institut inzwischen werktäglich zu einem Briefing. Wenn Institutsvizechef Lars Schaade dort, wie am Freitag, erklärt, das Risiko für die Bevölkerung in Deutschland sei als „gering bis mäßig“ einzustufen, verhallt das in der Republik. Wenn er bestätigt, dass Händewaschen mit Seife zum Schutz ausreicht, Masken und Desinfektionsmittel nicht benötigt werden, ändert das nichts daran, dass diese in Supermärkten ausverkauft sind. Dass in der Berichterstattung über den Erreger bei manchen das richtige Maß verloren gegangen ist, nimmt man im Robert-Koch-Institut bereits mit Kopfschütteln zu Kenntnis. Längst gilt es nicht mehr nur, den Erreger zu bekämpfen, sondern auch die Erregung über den Erreger, die Seuche Angst.

Warum fürchten Menschen den Klimawandel nicht in gleichem Maße wie eine Coronapandemie? „Unser Gehirn akzeptiert bekannte Gefahren, weil sie nicht unmittelbar bedrohlich erscheinen“, sagte der Angstexperte Borwin Bandelow dem „Spiegel“. „Wir geraten immer dann leichter in Panik, wenn eine neue und scheinbar unbeherrschbare Gefahr auftaucht. Wir bekommen akut Angst, wenn uns jemand mit einem Messer angreift oder wir einem Bären begegnen. Auch haben wir eine diffuse Angst vor Dunkelheit, trübem Wasser oder Gewitter. Komischerweise gibt es aber keine Zigarettenphobien oder Phobien vor gesättigten Fettsäuren, obwohl daran in Deutschland jährlich am meisten Menschen sterben.“

Die Zahl der Grippetoten weltweit schwankt laut Weltgesundheitsorganisation zwischen 290 000 und 650 000 pro Jahr. Aber die Grippe scheint uns vertraut. Wir akzeptieren sie als Teil des Lebens. Es ist das Unbekannte, das wie eine dunkle Wolke über das Land zieht. Die Angst vor Corona ist die Angst vor dem Unbekannten.

Die Angst wird erst weichen, wenn Fakten an ihre Stelle treten. Wenn wir den Feind kennenlernen. Wenn Forscher seine Schwachstellen identifiziert haben. Es sind Wissenschaft und Medizin, die aus Angst Hoffnung machen können. Das postfaktische Zeitalter, in dem die Errungenschaften von 200 Jahren Aufklärung in Gefahr schienen, weicht einer neuen Ära. Es ist nicht das Geschrei, das die Welt rettet. Es ist die Wissenschaft. Es sind ruhige Frauen und Männer in weißen Kitteln.

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