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Die Macht der alten Männer bröckelt

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Von: Johannes Dieterich

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Boni Yayi (2.v.l.), Präsident von Benin, schüttelt Blaise Compaore (r.), ehemaliger Präsident von Burkina Faso, die Hand.
Boni Yayi (2.v.l.), Präsident von Benin, schüttelt Blaise Compaore (r.), ehemaliger Präsident von Burkina Faso, die Hand. © REUTERS

Viele Staaten Afrikas werden seit Jahrzehnten von De-facto-Diktatoren regiert. Diese Ära könnte bald enden. Kenner des Kontinents halten es für durchaus möglich, dass dem arabischen Frühling bald ein afrikanischer folgt.

Vor einer Woche wähnte sich Blaise Compaoré noch fest im Sattel. So fest, dass er seinen Marathon-Ausritt noch etwas zu verlängern suchte: Burkina Fasos Präsident wollte die Verfassung ändern, um sich eine weitere Amtszeit zu genehmigen – nach bereits 27 Jahren an den Zügeln der westafrikanischen Nation. Sieben Tage später sitzt der 63-jährige „schöne Compaoré“, wie er in seiner Heimat süffisant genannt wird, am Atlantikstrand in der benachbarten Elfenbeinküste: Sein Volk hat ihn aus dem Sattel geworfen.

Es ist wie mit der Berliner Mauer, dem Kalten Krieg oder dem tausendjährigen Reich. Während sie existieren, scheinen sie von ewiger Dauer zu sein. Plötzlich fällt jedoch ein kleines Steinchen aus dem Bollwerk, und das mächtige Konstrukt fällt wie ein Kartenhaus zusammen. Kluge Dauerpräsidenten, könnte man meinen, wissen um die Endlichkeit des Herrschens und treffen Vorbereitungen für den Tag X. Doch in Wahrheit sind die Dinosaurier von ihrem Ende so überrascht wie Libyens Revolutionsführer Muammar Gaddafi, der von seinen Häschern in einem Kanalisationsrohr aufgefunden wurde. Oder der Tunesier Ben Ali, der im selben Jahr wie Compaoré an die Macht kam, aber schon drei Jahre früher überhastet seine Koffer packen musste.

Kenner des Kontinents halten es für durchaus möglich, dass dem arabischen Frühling bald ein afrikanischer folgt: In den 50 südlich der Sahara gelegenen Nationen regieren immerhin 14 Staatschefs, deren Amtszeit das international übliche Verfallsdatum von zehn Jahren überschritten hat. Vier gehören gar dem „Club der Methusaleme“ an, die schon über drei Jahrzehnte lang am Drücker sitzen.

Der Großvater unter den Dinosauriern ist Teodoro Obiang Nguema, Präsident des von Erdöl überschwemmten Kleinstaats Äquatorialguinea. Der 72-jährige Diktator kam 1979 an die Macht, indem er seinen Onkel ermordete: Seitdem lässt er sich gelegentlich durch Wahlen bestätigen, deren Ergebnisse stets über 90 Prozent liegen.

Obiang lässt Kritiker im berüchtigten „Black Beach“-Gefängnis und einen Großteil der Erdöleinnahmen in den eigenen Taschen verschwinden. Neuerdings scheint es dem afrikanischen Ölscheich allerdings mulmig zu werden: In diesem Monat will er einen „nationalen Dialog“ mit der Opposition aufnehmen. Doch das ist nur ein kleiner Schritt.

Kleptosaurus der II. ist Angolas Präsident Eduardo dos Santos, auch der „leise Diktator“ genannt. Den größten Teil seiner 39-jährigen Herrschaft führte der Ex-Marxist Krieg, dann kümmerte er sich vor allem um das Wohl seiner Familie – seine Tochter ist die reichste Afrikanerin. Für Kritiker seiner Dauerherrschaft ist Angolas Polizei zuständig: Sie knüppelt regelmäßig die vor allem jungen Demonstranten zusammen. Dos Santos hat im Gegensatz zu Compoaré genug Geld, um seinen Apparat an Sicherheitskräften bei guter Laune zu halten.

Protosaurus der III. ist Robert Mugabe, Simbabwes erster und bislang einziger Präsident. Der 90-jährige Greis regiert seit 34 Jahren: Derzeit baut er seine 40 Jahre jüngere Frau als Nachfolgerin auf, damit Macht und Geld auch nach seinem Ende in der Familie bleiben. Der glücklose Oppositionsführer Morgan Tsvangirai versucht derzeit, auf den verheißungsvollen Trend eines afrikanischen Frühlings aufzuspringen: dass ihm der Coup diesmal gelingt, ist aber unwahrscheinlich.

Noch von elf weiteren Methusalemen müsste die Rede sein – angefangen vom seit 28 Jahren regierenden ugandischen Präsidenten Yoweri Museveni, der einst als Hoffnungsträger des Westens galt, sich nun aber als Oppositionskiller in Verruf bringt – bis zu Joseph Kabila, der „erst“ seit 13 Jahren die Demokratische Republik Kongo regiert. Kabila ist damit beschäftigt, die Verfassung zu ändern, um sich ein weiteres Mal im Amt bestätigen zu lassen: Passt er nicht auf, könnte er wie Compaoré enden.

Afrika-Kenner scheuen davor zurück, dem südlich der Sahara gelegenen Teil des Kontinents eine ähnliche Entwicklung vorauszusagen, wie sie die arabische Welt in den vergangenen Jahren erlebt hat: Das Wort Frühling gilt inzwischen ohnehin als viel zu euphemistisch. Länder wie der Sudan, Senegal oder Südafrika sind zu unterschiedlich, um über einen Kamm geschoren zu werden – doch gewisse Tendenzen sind ihnen sehr wohl gemein. Seit Jahren erlebt Afrika ein kontinuierliches Wirtschaftswachstum, das vor allem in urbanen Zentren eine noch zarte Mittelschicht hervorgebracht hat: Deren Angehörige haben Ambitionen und lassen sich nicht alles gefallen. Außerdem ist die überwiegende Mehrheit der afrikanischen Bevölkerung – anders als in Europa – unter 20 Jahren:

Die meisten von ihnen besuchen oder besuchten die Schule, haben Zugang zum Fernsehen, ein immer größerer Teil von ihnen auch zum Internet. Sie wissen, was sich im Rest der Welt abspielt, und dass es Menschenrechte gibt. Solche Jugendlichen waren es, die Blaise Compaoré aus dem Amt gejagt haben: Afrikas Dauerpräsidenten haben deshalb allen Grund zur Nervosität.

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