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2021 in Manhattans City Hall Park.
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2021 in Manhattans City Hall Park.

USA

Macher und Mathe-FanMacher und Mathe-Fan

  • Karl Doemens
    VonKarl Doemens
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In den USA will Ex-Präsidentschaftsbewerber Andrew Yang mit einer optimistischen Kampagne Bürgermeister von New York werden. Die Chancen des unerfahrenen Demokraten stehen nicht schlecht.

Ein paar mehr könnten schon da sein, als der Kandidat an einem sonnigen Samstagmorgen in Clinton Hill in Brooklyn eintrifft. Doch Andrew Yang lässt sich die Enttäuschung nicht anmerken. Gleich steuert er auf einen Mann mit Baby zu, plaudert mit dem Vater und bremst sich selbst kurz davor, das Kind durch die Maske zu herzen: „Keine Berührung!“ Alle lachen. Die Fernsehbilder wären perfekt, würde nicht ausgerechnet jetzt einer im Vorbeigehen rufen, „Andrew, wir wollen dich hier nicht!“

So ist Straßenwahlkampf, und so ist New York – deutlich anders als das Rennen um die demokratische Präsidentschaftskandidatur, das den Sohn eines eingewanderten taiwanesischen Paares vor zwei Jahren landesweit bekannt machte. „Das Gegenteil von Donald Trump ist ein asiatischer Mann, der auf Mathe steht“, hatte sich Yang damals scherzhaft vorgestellt. Mit seiner unkonventionellen Art, der Forderung nach bedingungslosem Grundeinkommen und starker Präsenz im Internet wurde er für seine jungen Fans, die „Yang-Gang“, nachgerade Kult. Zwar schied er im Februar 2020 aus dem Wettstreit, hatte sich da aber länger gehalten als die heutige Vizepräsidentin Kamala Harris.

2000 Dollar für Bedürftige

Nun ist der Mann mit dem Anpackerimage wieder da und will Bürgermeister der größten Stadt der USA werden. Tatsächlich stehen die Chancen des 46-Jährigen nicht schlecht: Amtsinhaber Bill de Blasio darf nach zwei Legislaturperioden im November eh nicht mehr antreten. Dass Blasio wieder ein Demokrat nachfolgt, gilt als ausgemacht. Am 22. Juni entscheidet die Partei, wer kandidieren wird. Unter den derzeit immerhin 13 Konkurrierenden gilt Yang seit Wochen als Favorit. Selbstbewusst spricht er schon davon, was er demnächst in City Hall alles machen wird.

Allerdings hat Yang noch nie ein politisches Amt bekleidet und null Verwaltungserfahrung. Der Anwalt, der mit einem Startup zum Millionär wurde, verkauft seine Außenseiterrolle als Marke: „Ich trete nicht auf Bitten von hundert Leuten an, denen ich etwas schulde“, sagt er. „Wir brauchen einen Bruch mit der Politik der Vergangenheit!“ Zur einen Seite der Lafayette Avenue blickt er auf eine Häuserzeile mit hübschen Backsteinbauten. Zur anderen türmen sich 25-geschossige Wohnsilos. Ein Dutzend Vorbeikommende, zwei Kamerateams und einige, die ihn schon unterstützen, haben sich um ihn versammelt.

„Meine Vision ist eine Stadt, die für uns arbeitet“, sagt Yang. Das klingt so verheißungsvoll wie luftig. Nach seinem eigenem Bekunden ist er „New Yorks oberster Cheerleader“. Entsprechend optimistisch und tatendurstig trägt er die Stichworte seines Programms vor, das sich vor allem um die soziale und wirtschaftliche Erholung der Stadt nach der Pandemie dreht, um Hilfen für kleine Unternehmen, bezahlbaren Wohnraum und die Sicherheit auf den Straßen. Eine Kürzung der Mittel für die Polizei, wie sie von Linken gefordert wird, unterstützt er nicht. Er will jedes Jahr die 500 000 Bedürftigsten der Stadt mit je 2000 Dollar bedenken.

Nachhilfe nach Corona

Woher das Geld für diese Sozialleistung kommen soll, sagt Yang nicht. Auch bei der ersten Fernsehdebatte vor zwei Wochen punktete er weniger mit Detailwissen als mit seiner großen Bekanntheit, seiner positiven Vision und seiner pragmatischen Herangehensweise, die ideologische Glaubensbekenntnisse und parteipolitische Grabenkämpfe vermeidet und stattdessen auf Lösungen setzt. In seinem letzten Job versuchte Yang – mit freilich mäßigem Erfolg – investitionsbereite junge Leute in Problemstädte zu locken. Nun will er 10 000 von den Unis Abgehende mobilisieren, um Kindern beim Nachholen des wegen Corona versäumten Lernstoffs zu helfen.

Angesichts zunehmender Anfeindungen und gewaltsamer Übergriffe in den USA auf Menschen asiatischer Herkunft ist Yangs Kandidatur ein politisches Statement. Ausdrücklich prangert er die Ressentiments, die er auch auf Donald Trumps Hetze vom „China-Virus“ zurückführt, immer wieder an. Doch er will auch nicht nur Kandidat der „Asian Community“ sein. Yang hat vom milliardenreichen Ex-Bürgermeister Michael Bloomberg über Anwälte und Abgeordnete bis hin zu den orthodoxen Juden New Yorks eine ziemlich diverse Unterstützerschar. Dabei profitiert er auch von Problemen seiner beiden schärfsten Konkurrenten: Brooklyns erfahrener Schwarzer Bezirksbürgermeister Eric Adams, muss seine Wahlkampffinanzierung durch einen Immobilienentwickler erklären. Dem linken Leiter des städtischen Rechnungswesens, Scott Stringer, hält eine frühere Kollegin sexuelle Belästigung vor.

Doch je näher die Vorwahl der Demokraten rückt, desto schärfer wird die inhaltliche Auseinandersetzung und umso deutlicher treten die Schwächen des Quereinsteigers Yang zutage. Dass er in einer Talkshow ausgerechnet den touristischen Times Square, den jeder New Yorker meidet, als seine liebste U-Bahn-Station benannte, mag man noch als Schrulle abtun. Peinlicher war schon, dass er mit großer Emphase städtische Schutzräume für Opfer häuslicher Gewalt forderte, die es längst gibt, und die Eröffnung eines Casinos auf der Insel Governors Island ankündigte, die illegal wäre. „Andrew Yangs Ahnungslosigkeit ist beleidigend und gefährlich“, ätzte sein Mitbewerber Stringer.

Überfall aus dem Alltag

Vor allem mangelt es dem Mann mit dem Faible für Mathematik und das Machbare bisweilen an politischem Feingefühl. „Ich liebe eure Gemeinde. Ihr seid so menschlich und wunderbar“, schwärmte der zweifache Vater vor der Schwulenorganisation der Demokraten, als käme die von einem anderen Stern. Während der jüngsten Gaza-Eskalation solidarisierte er sich mit dem israelischen Volk, „das unter den Raketenangriffen leidet“ – und kein Wort zum Leid in Gaza. Schnell entschuldigte er sich für die „zu holzschnittartige“ Aussage, er empfinde doch Empathie für alle Opfer.

Bislang hat das alles Yang nicht allzu sehr geschadet. Die meisten Umfragen führt er weiter an. Doch in den letzten Wochen vor der Entscheidung wird der Kampf viel härter werden. Angesichts der großen Konkurrenz und eines Wahlverfahrens, bei dem jeder Bürger eine Rangliste mit fünf Namen angeben kann, gelten Prognosen über den Ausgang als unmöglich.

„Ich bin es leid, immer nur zu hören, was nicht geht!“ Yang kommt an der Lafayette Avenue zum Ende. Es soll ein leidenschaftliches Bekenntnis zum Anpacken der Probleme sein. Doch dann tritt ein junger Mann mit Bart und wildem Haar an ihn heran. Er will nicht etwa randalieren, sondern ein Video auf seinem Handy zeigen. Immer wieder, berichtet er, würden Bewohner der großen Wohnblocks hinter dem Redner ihren Müll einfach auf die Straße werfen: „Der Dreck liegt überall herum. Es gibt niemanden bei der Stadt, der sich darum kümmert.“

Der Überfall des Alltags trifft Yang erkennbar unvorbereitet. Er erzählt etwas vom Etat des Straßenreinigungsamts, der stark gekürzt, aber nun wieder erhöht worden sei, was eine mögliche Ursache sein könnte. „Das müsste man überprüfen“, rudert er herum und verspricht, sich im Falle seiner Wahl darum zu kümmern. Zum Abschied dann: „Sie haben einen Anspruch auf saubere Straßen!“ Das klingt schon fast wie bei einem gelernten Politiker.

2019 auf der Iowa State Fair in Des Moines. Scott Morgan/rtr
Erste Schritte beim National Action Network. Don Emmert/AFP

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